Wittenberge : Vom sakralen Raum bis zum Feld am Speicher

Lassen sich für die Speicher Nutzungsarten finden, die ihnen über das Denkmaltum hinaus eine Zukunft geben?
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Lassen sich für die Speicher Nutzungsarten finden, die ihnen über das Denkmaltum hinaus eine Zukunft geben?

41 Architekten und Stadtplaner haben sich den Kopf über die künftige Nutzung der denkmalgeschützten Hafenspeicher und des sie umgebenden Viertels zerbrochen. Die Stadt hatte auf pfiffige Ideen gesetzt, als sie damit im europaweiten Wettbewerb antrat.

svz.de von
18. Dezember 2013, 12:00 Uhr

41 Architekten und Stadtplaner haben sich den Kopf über die künftige Nutzung der alten, aber denkmalgeschützten Hafenspeicher und des sie umgebenden Viertels zerbrochen. Die Stadt Wittenberge hatte auf pfiffige Ideen gesetzt, als sie damit im europaweiten Wettbewerb 2012 für junge Architekten, dem Europan, antrat. Und pfiffige Ideen hat eine Reihe von Stadtplanern auch entwickelt.

Aus den 41 Projekten wählte im September nach intensivem Abwägen eine Jury hier vor Ort fünf Vorschläge aus, die in die nationale Endwertung kamen. Die international zusammengesetzte Jury tagte am 22. und 23. November unter dem Vorsitz von Prof. Hilde Léon in Berlin. Die Projektideen für Wittenberge bedachte sie mit einem Preis, einem Ankauf und einer Anerkennung. Der Preis ist mit 12 000 Euro dotiert, der Ankauf mit 6000 Euro. Für die Anerkennung gibt es kein Preisgeld.

Am 13. Dezember veröffentlichte Europan zeitgleich in allen Teilnehmerländern die Bewertung (der „Prignitzer“ berichtete.) Heute stellt die Redaktion an dieser Stelle die drei Erstplatzierten vor. Die Erläuterung fußt auf der Bewertung, wie die lokale Jury sie getroffen hat. Zu finden sind die Erläuterungen auch im Internet unter www.europan.de.


Re-Hub Wittenberge


Den Preis sprach die Jury der Arbeit Re-Hub Wittenberge – Health/Wellness/Food von Magni Camillo, Paci Lucia, Nobili Francesco, Zecchetti Andrea unter Mitarbeit von Monti Mirco, alle Italien, zu.

Die Wettbewerbsteilnehmer wollen die Identität Wittenberges im Wechselspiel zwischen Naturraum und urbaner Gestaltung unterstützen. Sie unterteilen das Projektgebiet in vier Zonen:

• das „Gesicht der Stadt“ – die von Fluss und Landschaft sichtbare bebaute Uferzone;

• die Flusspromenade;

• eine temporär nutzbare Grünfläche;

• einen urbanen Wald entlang der Bad Wilsnacker Straße.

Die von historischen Gebäuden geprägte Stadtansicht wird durch einzelne, die vorhandenen Bauformen modern interpretierende Gebäude ergänzt. Vier Gebäude sind geplant. Sie werden bewusst an der Wasserkante errichtet, um einerseits die Stadtansicht zu formen und andererseits die Lagegunst an der Wasserkante zu nutzen. Geplant sind ein Schwimmbad neben einem Hotel, ein „Gewächshaus“ in Ergänzung der Speicher, ein Wohnhaus am alten Zollhaus sowie ein Ruderclub an der Slipanlage.

Die Uferpromenade, die von der Stadt bereits errichtet wird, fließt in den Entwurf ein, wird jedoch um ein eingeschnittenes Wasserbecken mit Bootsverleih im Bereich der Speicher erweitert.

Die Zone nördlich von Speicher und Zollhaus wird von Bebauungsresten beräumt und als offene Grünfläche gestaltet, auf der verschiedene sportliche oder kulturelle Nutzungen stattfinden können.

Entlang der Bad Wilsnacker Straße wird der Grünbereich durch eine dichte Baumkante mit Parkcharakter begrenzt. Diese bildet die Raumbegrenzung nach Norden und nimmt gleichzeitig Freizeitangebote (Joggingpfad, Spielplatz, flexible Pavillons) sowie einen Infopoint in der Achse des Packhofstranges auf.

Die nutzungsorientierte Architektur der Speicher wird durch bogenförmige Einschnitte verfremdet und erhält einen fast sakralen Charakter. Zusätzliche Geschossebenen und erkerförmige Einbauten in die Silos ermöglichen verschiedene Nutzungen. Vorgesehen sind Sportmöglichkeiten, ein Spa sowie ein Bio-Markt mit anschließendem Gewächshaus (Glashaus in Größe des Speichers 1 für regionale Pflanzen). Insgesamt wird mit einer sparsamen ergänzenden Bebauung und einer landschaftlichen Gestaltung eine klare Strukturierung des Areals erreicht, die sich in das angestrebte Nutzungsprofil der Stadt einfügt und das Gebiet für Bewohner und Besucher attraktiver macht. Die landschaftlichen Elemente erscheinen mit begrenzten Mitteln umsetzbar – ausgenommen das Wasserbecken neben den Speichern. Die zurückhaltende Bebauung entlang der Wasserkante entspricht vom Grundsatz her dem begrenzten Bedarf, sollte aber in architektonischer Ausprägung, Nutzungen und Dimensionierung weiterentwickelt werden.


Take Part in Wittenberge


Mit einem Ankauf zeichnete die internationale Jury das Projekt Take Part in Wittenberge aus. Der Planungsentwurf stammt von Regina Valle Viudes, Marta Sebastián López, Miguel González Castro, Blanca Alonso González, Angela Juarranz Serrano, Javier de Andrés de Vicente, Marta Peña Lorea, Ana Asuncion Perez Frade, Miguel Fernández-Galiano Rodríguez (alle Spanien).

Der Wettbewerbsbeitrag wirkt zunächst sehr zurückhaltend und lässt nicht sofort erkennen, worauf die Verfasser hinauswollen. Beim zweiten, intensiveren Blick sieht man, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen und breit gefächerten Ansätzen erläutert werden, die Inhalt des Transformationsprozesses, also der Umwandlung des Gebietes rund um die Speicher, sind. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger bauliche, sondern vielmehr planungsmethodische und freiraumplanerische Inhalte.

Hierbei konzentrieren sich die Verfasser zwar auf das Projektgebiet, wie in der Ausschreibung gefordert, aber setzten sich auch intensiv mit der Gesamtstadt und hier insbesondere mit dem Wegesystem auseinander. Aber auch die Tatsache, dass die vorgesehene bauliche Intervention eher zurückhaltend und der bedarfsorientierten Entwicklung angepasst werden, belegt, dass die Verfasser den gesamtstädtischen Kontext bei der Planung des Kerngebietes nicht aus dem Auge verloren haben. Mit dem vorgesehenen Wegenetz, bestehend aus fünf thematisch unterschiedlichen Routen, die durch ein farblich markiertes Leitsystem kenntlich gemacht werden, werden nicht nur das Projektgebiet mit der angrenzenden Innenstadt, sondern auch die innerstädtischen Anziehungspunkte sinnvoll miteinander verbunden, so dass sich Besucher und Bewohner besser orientieren können. Die damit einhergehende, vorgeschlagene Gestaltung der Wege ist zwingende Voraussetzung für das Funktionieren des Konzeptes. Die in diesem Zusammenhang aufgegriffene Thematisierung der Baulücken ist für die Stadt zwar keine neue Erkenntnis, jedoch wichtiger denn je. Die Ideen der Verfasser hierzu sind interessant, weil sie den „Maßstab Wittenberge“ berücksichtigen.

Das Konzept für das Projektgebiet lässt insbesondere drei Grundsätze erkennen:

• Das Gebiet soll für jedermann erreichbar und erlebbar sein;

• die bestehenden, historisch bedeutenden Bauwerke bedürfen keiner umfangreichen baulichen Ergänzung;

• die Bevölkerung ist bei dem Planungsprozess intensiv zu beteiligen.

Insbesondere der dritte Aspekt zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Wettbewerbsbeitrag und ist das Kernelement der Arbeit. Diesen Grundsätzen folgend, sehen die Verfasser für das Kerngebiet in erster Linie ein freiraum-planerisches Nutzungskonzept vor, dass die Fläche der Alten Ölmühle bewusst mit aufnimmt. Die Planer begreifen die Fläche von der Zollstraße bis zur Ölmühle als einen Erlebnisraum entlang der Elbe. Dieser soll einen Mix aus unterschiedlichen Freiräumen – in erster Linie öffentlichen Plätzen – beinhalten, die das Gebiet für den Besucher erlebbar machen. Es soll mit Unterstützung der Bewohner und Flächeneigentümer eine qualitätsvolle Reaktivierung der öffentlichen Räume erfolgen. Hierfür bieten die Verfasser unterschiedliche Ideen an. Hierzu zählen Sport- und Freizeit- sowie naturräumliche, aber auch kommerzielle Nutzungen. Sie nehmen aber bewusst keine Konkretisierung vor, um dem Beteiligungsprozess nicht vorzugreifen.

Die prozessorientierte Wettbewerbsidee grafisch verständlich unter den vorgegebenen Wettbewerbsbedingungen darzustellen bzw. zu erkennen, ist keine einfache Aufgabe, sowohl für die Verfasser, als auch für die Jury. Den Wettbewerbsteilnehmern ist es gut gelungen diese Herausforderung in Anbetracht der Komplexität zu meistern.

„Take Part in Wittenberge“ stellt vor allem den prozessorientierten partizipativen Planungsansatz in den Vordergrund und greift damit eine sehr wichtige Thematik von komplexen Planungsprozessen auf. Der Name des Wettbewerbsbeitrags ist Programm.


Seeding Biodiversity


Mit einer Anerkennung bedachte die international besetzte Jury das Projekt Seeding Biodiversity, vorgelegt von Miguel Ortega (Deutschland), Anna Martínez Sabán, Iñigo De Latore Caballero De Rodas, Carla Isern Ros, María Cristina Rivas Barriga, Jose Antonio Ramos Nieto, Daniel Jacobo Harth, Susana Villares López (alle Spanien).

Die lokale Jury schlug den Wettbewerbsbeitrag mit folgender Begründung für eine Prämierung vor: Die Wettbewerbsteilnehmer haben im positiven Sinne die Zusammenhänge zwischen den derzeit noch problematischen Speichergebäuden, deren näherer Umgebung, der Situation in der Stadt und der Einbettung vor allem in das Biosphären-Reservat der Elbe betrachtet.

Aus diesem Kontext heraus wurden Ideen entwickelt, wie in einer realistischen und fachlich sinnvollen Zeitfolge einzelne Realisierungsbausteine einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden können, ohne unbeherrschbare Kosten zu verursachen.

Jeder hier lebt in der Biosphäre. Das Biosphärenreservat „Unteres Elbtal“ ist ein kleiner Teil eines großen Ganzen. Aber gerade dieser kleine Teil mit seinen teilweise dramatischen Veränderungen, von der aus Umweltschutzsicht rücksichtslosen Industrialisierung bis hin zum ökologischen Wandel, zeigt einen sehr sensiblen Prozess auf.

Die Autoren haben sich zur Aufgabe gemacht, diesen Prozess zu visualisieren und erlebbar zu machen.

Sie binden die Speicher in ein eigenes Ökosystem ein, das all das widerspiegelt, was in den Elbtalauen wächst und gedeiht. Der Mensch ist nicht Fremdkörper, der Mensch ist Teil dieses Systems. Er kann dort mittendrin, in einem behutsamen Maße, wohnen. Er kann gärtnern, sich fortbilden, kommunizieren, lustwandeln oder einfach nur relaxen.

Die Gestaltungsvorstellungen für die Speicher, diese Schritt für Schritt entwickeln zu wollen, zeugen von praktischer Weitsicht. Die vorgeschlagenen Nutzungen passen sich dem jeweiligen Baufortschritt – und umgekehrt – an. Die Qualität der Speichernutzung für Ausstellungen, Workshops, Forschung etc. steigt mit dem Fortgang der Umsetzung der Planungsziele.


Exposition und Workshop


Im Frühjahr des kommenden Jahres werden sich Wittenberger und Auswärtige selbst ein Bild von den Architektenentwürfen machen können. Sie werden hier in der Stadt in einer Ausstellung gezeigt. Ob ausschließlich die drei prämierten Arbeiten oder weitere vorgestellt werden, liege im Ermessen der Stadt, sagt in diesem Zusammenhang Ulrike Poeverlein, Geschäftsführerin Europan Deutschland. Seine Fortsetzung findet Europan für Wittenberge in einem Workshop, der Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit geben soll, sich zu informieren und zu diskutieren.

Ob, wie und gegebenenfalls wann einer der Wettbewerbsbeiträge so oder modifiziert umgesetzt wird, ist noch nicht entschieden.

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