zur Navigation springen
Der Prignitzer

21. November 2017 | 22:30 Uhr

Vollzeitpflege im Takt der Krankenkassen

vom

svz.de von
erstellt am 26.Mär.2012 | 08:31 Uhr

Perleberg | 6.45 Uhr. Die Nacht hat Perleberg und das Seniorenpflegezentrum in der Ackerstraße noch im Griff. Doch hinter den meisten mit Gardinen behangenen Fenstern brennt schon Licht. Ein Hahn kräht. Mit ihm ist auch Willi Ahrend von der Wohngruppe 3 aufgestanden. Er hat den Vorhang beiseite geschoben, blickt in Unterhemd und Hose bekleidet auf den Hof. Von seinem Zimmer aus hat er den Eingangsbereich, die Außenanlage und den Parkplatz im Blick.

Geschäftiges Treiben. Stimmen hallen durch die Flure. Im Erdgeschoss bereitet eine Hauswirtschafterin das Frühstück vor: Marmeladenschnittchen oder eine Mandarinensuppe für jene, die nicht mehr so gut essen können. Namensschilder liegen auf den Tellern neben der leckeren Konfitüre.

Andrea Rewald ist die Wohnbereichsleiterin der Wohngruppe von Willi Ahrend in der 2. Etage. Als Mitarbeiterin der Pflege trägt sie einen rosafarbenen Kittel. Sie wirkt jung und freundlich. Seit 6 Uhr ist sie auf den Beinen. Zusammen mit drei Kolleginnen weckt sie die Bewohner, hilft, wenn Hilfe gebraucht wird, beim Waschen und Anziehen. 20 bis 25 Minuten haben sie Zeit für jeden Bewohner. So schreibt es die gesetzliche Krankenkasse vor. Ein äußerst knapp bemessenes Zeitfenster.

90 Prozent der 72 Einwohner leiden an Demenz, 46 haben die Pflegestufe 2. Ein Großteil von ihnen nimmt die Außenwelt nicht mehr wahr, weiß oft nicht, wo er sich befindet. Willi Ahrend gehört zu denjenigen, die der Alterskrankheit noch trotzen können. In seinem 15 Quadratmeter großen Zimmer mit dem Bett in der einen und einem Tisch in der anderen Ecke, läuft der Fernseher. Ziemlich laut. "Na, haben Sie gut geschlafen?", will Andrea Rewald wissen. "Ja", sagt er knapp.

Die anderen Mitbewohnern nennen ihn nur den "Bürgermeister", weil er immer weiß, was los ist, erzählt Andrea Rewald und lächelt. Willi Ahrend lässt sich auf den Sessel am Fenster nieder und winkt geschmeichelt ab.

7.52 Uhr. Auf allen drei Etagen ist das Frühstücken in vollem Gange. Pfleger haben die Bewohner im Gemeinschaftsraum versammelt, über dessen Eingang die Losung steht: "Ein Tag Leben ist wertvoller als ein Berg Gold". Geriffelte Girlanden und lustige Luftballons hängen über den Köpfen der Senioren, doch das nehmen nur die wenigsten wahr. Die Szenerie wirkt friedlich. Die Sonne taucht den Frühstücksraum in gleißendes Licht. Schützende Rollos fahren aus. Einige Bewohner tragen einen Kleiderschutz - eine Art Lätzchen um den Hals. Ausdruckslose Gesichter. Sie essen ihr Frühstück, zeigen kaum eine Regung.

8.10 Uhr. Alle Pfleger müssen streng darauf achten, dass jeder genügend Flüssigkeit zu sich nimmt. Eine ältere Dame schläft friedlich auf ihrem Stuhl, der Kopf neigt etwas zur Seite. Andrea Rewald hält ihr den Becher Apfelschorle an die Lippen, versucht sie mit Worten zu wecken, streicht ihr über die Wange. Doch sie mag heute nicht so recht. Dann endlich geben die Lippen nach. Sie trinkt.

Insulin, Augentropfen und Tabletten

Eine andere Bewohnerin mit weißem schütteren Haar übergibt sich. Jemand kommt, wischt es weg, kümmert sich um die Frau - Alltag für die Pflegekräfte. Geschimpft wird nicht. "Man muss vieles mit Humor nehmen", sagt Schwester Andrea. Sie meint es nicht respektlos, sondern eher nach dem Motto: "So schlimm ist es auch wieder nicht."

Wenn jemand zum Beispiel unbedingt den Bus nehmen möchte, dann wird nach den Busfahrzeiten geschaut, sagt sie und räumt Teller und Tassen ab. Seit beinahe drei Jahren arbeitet sie als Wohnbereichsleiterin. "Wir müssen mit den Bewohnern mitgehen, in ihre Welt eintauchen und dürfen nicht alles persönlich nehmen." Ihre Worte wirken aufrichtig. Es ist ihr persönlicher Weg mit der Demenz, die sie täglich erlebt, umzugehen.

Manchmal werden Bewohner aggressiv. "Aber sie haben es im nächsten Moment wieder vergessen, das darf man ihnen nicht übel nehmen." Besonders in den ersten vier Wochen seien viele überfordert. Sie lebten womöglich jahrelang alleine, erledigten alles selbstständig und müssen sich dann einordnen. Nicht wenige wollen fliehen. "Flieh-und-weg-Tendenz" sagen Wissenschaftler dazu.

Nach dem Frühstück beginnt Schwester Andrea damit, Medikamente zu verabreichen. Insulin und Augentropfen bei Bedarf sowie die vorgeschriebenen Tabletten. Sie krempelt den Ärmel einer älteren Frau hoch und stellt ihr Fragen. Ablenkungsstrategie. Die Insulinnadel fährt in die faltige Haut und wieder raus. Dann kann der Montag beginnen.

8.30 Uhr. Es wird geschäftiger. Angehörige schieben Rollstühle, die Tür des Aufzuges öffnet und schließt sich, der Hausmeister sammelt Reste des Frühstücks zusammen.

Pflegekräfte stehen am Monitor, der auf jeder Etage installiert ist. Sie tragen Werte von Patienten ein, dokumentieren jeden Arbeitsschritt. So können Fragen der Krankenkasse oder Angehörigen jederzeit beantwortet werden. Dann kann Andrea Rewald durchatmen, sie hat Frühstückspause.

9.45 Uhr. Heute ist der Friseur im Haus. Volker und Cornelia Tietze vom Haarsalon in Perleberg richten Frisuren, schneiden und fönen. Bei ihnen fühlen sich die Senioren sichtlich wohl, ein Lächeln huscht über ihre Gesichter.

Therapie gegen das Vergessen

Zu den Stammkunden gehört die 83-jährige Gerda H., die namentlich nicht genannt werden möchte. "Mich kennt sowieso jeder in der Stadt". Frisch frisiert zeigt sie ihr Zimmer, das den Charme eines Wohnzimmers hat. Zwischen Bett und Terrasse steht eine Anbauwand, in der Mitte ein Tisch, ein blauer Sessel, ein Stuhl. Der Blick durch die Terrassentür fällt auf die kleine Parkanlage mit dem Pavillon in der Mitte und dem Kaninchenstall weiter links.

Wie Willi Ahrend zählt sie zu den geistig fitten Bewohnern und ist Mitglied im fünfköpfigen Bewohnerrat. Er setzt sich für die Belange der Senioren ein. "Ich höre mich um, unterhalte mich mit den Leuten und wenn sich der Rat trifft, besprechen wir das", erzählt sie. "Teilen wir der Geschäftsleitung Mängel mit, werden sie behoben." Wehmütig beginnt Gerda H. ihre Geschichte zu erzählen. Im Mai 2010 sei sie aus dem vollen Leben gerissen worden: Krankenhaus, Reha, Umzug in die Pflegeeinrichtung. Eine enorme Umstellung für die alte Frau. Doch sie wirkt kämpferisch, hat sich ein Stückchen Individualität bewahrt, sich ihren Alltag eingerichtet.

Aufstehen, waschen, frühstücken, Therapie für Feinmotorik und Laufen. Täglicher Spaziergang von 30 Minuten, Kreuzworträtsel, Mittag. Anschließend Mittagsschlaf. "Ich mache alles alleine." Inzwischen fühle sie sich ganz wohl hier. Sie weiß, dass sie alleine nicht mehr zurecht kommen würde. Heute bekommt sie Besuch von ehemaligen Arbeitskollegen. Überhaupt sei bei ihr viel los. "Mich hat keiner vergessen."

10 Uhr. Gedächtnistraining gegen das Vergessen heißt es bei Ergotherapeutin Stefanie Heller. Die junge Frau mit der Kurzhaarfrisur ist eine der 49 fest angestellten Mitarbeiter. Nachdem sie die Bewohner vor dem Frühstück bei der Grundpflege geholfen hat, steht jetzt Einzeltherapie auf dem Programm. Ihr Ziel ist, auf die individuellen Fähigkeiten einzugehen und diese möglichst zu erhalten. Zu ihrem Job gehört aber auch zu trösten, wenn jemand mit seinem Schicksal hadert: "Manche haben Ängste, sind verzweifelt, weil sie sich ihrer Schwächen bewusst werden." Ansporn für sie seien die schönen Momente, wenn zum Beispiel Bewohner wieder Nähe zulassen können oder wenn jemand für einen Moment seine Familienangehörigen erkennt.

Hinter ihr im Schrank liegen verschiedene Gegenstände, die sie herausnimmt: eine Feder, eine getrocknete Blume, eine Tischdecke, einen Würfel. Edelgard P. wird im Rollstuhl hereingerollt. "Oh, so viel Besuch", sagt sie und ihre großen braunen Augen wandern neugierig durch das Zimmer. Ans Fenster gesetzt beginnt sie plattdeutsch zu reden. Dass sie nicht wieder in die Schule möchte, weil sie ihr Brot noch essen muss, murmelt sie. Die Frau ist in ihrer eigenen Welt gefangen, fühlt sich in Schulzeiten zurückversetzt.

Berichte schreiben bis zum Mittag

Die Therapeutin setzt sich schräg zu ihr hin und zeigt ihr die Feder. Was das sei, fragt sie im Hamburger Platt und streicht ihr mit der Daune über die Hand. Edelgard P. wehrt ab, wedelt mit der Hand, kneift langsam die Augen zu, öffnet sie wieder. "Na, eine Feder." Dann mag sie nicht mehr. Schweigen lautet jetzt ihre Antwort. Edelgard P. stützt sich mit der Hand auf, verbirgt ihr Gesicht.

Stefanie Heller gibt ihr einen großen, bernsteinfarbenen Würfel mit weißen Punkten, will Farbe und Zahlen wissen. Edelgard P. muss sich anstrengen. Braun sagt sie zur Farbe. Und die Anzahl der Ziffern? "Drei und sechs", murmelt sie und stößt den Würfel von sich.

Nicht alle Tage sind wie dieser. Dienstags, da mache Stefanie Heller kunsttherapeutische Arbeit, malt mit den Bewohnern. "Es gibt tolle Erfolgserlebnisse mit stark dementen Bewohnern, die dann ganz konzentriert den Pinsel halten, ihn in die Farbe und ins Wasser tauchen."

10.15 Uhr. Wohnbereichsleiterin Andrea Rewald sitzt in der 2. Etage hinter der Eingangstheke, die nur dem Personal vorbehalten ist. Auf dem Thekenholz steht ein Bilderrahmen mit den aktuellen Geburtstagen. Die werden gesammelt gefeiert. Eine Bewohnerin ist gerade 100 Jahre alt geworden.

Ein Ehepaar kommt herein, Schwester Andrea übergibt einen Schein zum Unterschreiben, heftet ihn ab. Jetzt schreibt sie ihre Berichte weiter bis zum Mittagessen. Etwa die Hälfte ihrer Schicht verbringe sie mit dem Dokumentieren. Jeder Arbeitsschritt des zeitlich klar strukturierten Arbeitstages muss festgehalten werden "ansonsten gilt er als nicht gemacht", erklärt Andrea Rewald, bevor sie den Schreibtisch verlässt und zu ihren Bewohnern zurückkehrt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen