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Der Prignitzer

19. November 2017 | 02:24 Uhr

Verwaiste Eltern

vom

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erstellt am 14.Jan.2011 | 10:21 Uhr

Als Helmut Sannes 16-jähriger Sohn Henning im August 1992 bei einem Verkehrsunfall an einem unbeschrenkten Bahnübergang stirbt, scheint das Leben des Pfarrers keinen Sinn mehr zu machen. Fünf Jahre später stirbt sein 27-jähriger Sohn Stefan. Wieder bei einem Verkehrsunfall. Doch der Geistliche kämpft sich zurück ins Leben. Die eigene Trauer öffnet ihm die Augen für die Trauer seiner Mitmenschen. Er gründet den Verein Verwaiste Eltern Mecklenburg-Vorpommern. Rund 60 Eltern besuchen derzeit die Treffen. Mit Benjamin Piel sprach er über Tod, Trauer und Tränen.

Wie hat es sich für Sie als Vater angefühlt, als Sie vom Tod ihrer Söhne erfuhren?

Helmut Sanne: Die Nachricht vom Tod unserer Söhne hat meine Frau und mich fühllos gemacht. Man sagt, wenn die Eltern sterben, hört die Kindheit auf, und wenn dein Kind stirbt, dann verlierst du deine Zukunft. Aber die Bedeutung dieses Satzes haben wir erst nach und nach erkannt.

Was hat dazu geführt, dass Sie sich so sehr für trauernde Eltern einsetzen?

Nach dem Tod unseres Sohnes Henning haben meine Frau und ich zwei Jahre lang eine Selbsthilfegruppe in Hamburg besucht und dort erlebt, wie wichtig das Gespräch mit an-deren trauernden Eltern ist. 1994 haben wir zusammen mit fünf anderen trauernden Eltern den Verein Verwaiste Eltern M/V gegründet, damit es auch in M/V das Angebot der Selbsthilfegruppen für trauernde Eltern geben kann.

Wie sieht gute Trauerarbeit aus?

Ich mag weder den Ausdruck Trauerarbeit, noch die Einteilung in gut und schlecht. Es erweckt den Eindruck, man könne Trauer abarbeiten. So ist es aber nicht. Es gibt kein Programm, das man Schritt für Schritt abhaken kann. Jeder Mensch trauert individuell.

Gibt es denn etwas, dass allen Trauernden guttut?

Ja, darüber zu reden und sich bewusst zu erinnern. Je eher Eltern in eine Selbsthilfegruppe kommen, desto eher merken sie, dass sie nicht allein sind. Und das tut ihnen in jedem Fall gut. Sich zu verschließen und den Tod des Kindes in sich hineinzufressen, das tut sicherlich keinem gut. Aber auch da gibt es keine Patentlösung. Es ist nicht so, als würde einem einer eine Spritze geben und dann ist der Schmerz weg.

Ist der Schmerz denn jemals weg?

Nein, es bleibt immer ein Schmerz zurück. Der Tod eines Kindes ist ein kummulatives Ereignis. Alles verändert sich schlagartig, von einer Sekunde auf die andere. Nichts bleibt so, wie es war, die "heile Welt" bricht zusammen. Ganze soziale Gefüge ändern sich. Irgendwann können sich die Trauernden in diese neue Situation einfinden. Aber der Schmerz des Verlustes, der bleibt zu einem Teil für immer. Trauer wandelt sich in Wehmut.

Wie lange kommen die Eltern durchschnittlich in die Selbsthilfegruppe?

Zwischen zweieinhalb und drei Jahre. Das Ziel ist es, sich irgendwann aus der Gruppe verabschieden und sich gegenseitig versichern zu können, dass es ein Leben vor und nach dem Tod des Kindes gibt.

Trauerbegleiter Helmut Sanne ist erreichbar unter der Telefonnummer 0385- 20 279.


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