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Der Prignitzer

18. November 2017 | 07:49 Uhr

2 : Veritas-Historie nicht mehr namenlos

vom

svz.de von
erstellt am 03.Apr.2013 | 10:21 Uhr

Wittenberge | Eine Szene hat sich eingebrannt in Henry Strutz’ Gedächtnis - sein Motiv, im Freundeskreis des Wittenberger Nähmaschinenwerkes Veritas mitzuarbeiten: Als der Betrieb sich 1991 in Liquidation befand, lief Strutz an einem Container voller achtlos weggeworfener Normteile vorbei. Da durchzuckte es den heute 74-Jährigen, dass es kein Zurück mehr geben würde. Bislang waren diese Teile stets fein säuberlich portioniert für die jeweilige Wochenproduktion bereit gelegt worden, erzählt Strutz, der zuletzt als Fachdirektor Erzeugnisentwicklung dort tätig war. Jetzt lagen die Teile vor ihm im Müll: Jedes der 33 Mitglieder im Freundeskreis wird so persönliche Szenen beschreiben können, vereint hat sie der eine Gedanke: "Wir können doch nicht alles so liegen lassen." So sicherte die Belegschaft damals Hunderte von Fotos, unzählige Originalpapiere.

Zehn aus dem Freundeskreis saßen jetzt wieder einmal im Torwächterhaus zusammen, wollten eine Flut von Fotos kanalisieren, in Epochen gliedern und vor allem so viele Gesichter wie möglich identifizieren und deren Namen auf die Rückseiten schreiben. Henry Strutz formuliert das Credo aller: "Ein Bild ohne Bezug ist für die Geschichte wertlos." Sorgfältig, wie alle Archivare nun mal arbeiten, hatten sie sich weiße Baumwollhandschuhe übergestreift, um die Bilder zu schonen. Wer erkennt noch jemanden auf den Fotos? Nur diese eine Frage beherrschte einmal mehr die Gruppe. Promis wie Günter Mittag, der den Karl-Marx-Orden für die Qualität der Wittenberger Nähmaschinen überreichte, oder der sowjetische Botschafter auf Betriebsbesuch waren schnell geklärt. Doch wer sind bloß die Kollegen neben ihnen?

800 Fotos seien bis heute von ihnen ausgewertet, 800 Seiten Papier beschriftet worden mit insgesamt wohl 500 000 Anschlägen oder Zeichen - "und das alles im Adler-Suchsystem", beschreibt er die mühevolle Arbeit beim Tippen der Erinnerungen.

Über zehn Jahre haben sie nun schon beharrlich die Geschichte der Veritas aufgearbeitet. Nach und nach füllte sich der für sie im Museum reservierte Schrank mit Ordnern zu allen denkbaren Themenfeldern. Die Reihe der dort abgehefteten Dokumente reicht von alltäglichen Vorschriften bis zu dem aus Sicht der Mitarbeiter historisch wohl bedeutendsten Papier überhaupt: Dem ausgehandelten Sozialplan, der das berufliche Schicksal aller Beschäftigten besiegelte. Die Treuhandanstalt hatte zuvor erklärt, der Betrieb sei nicht zu erhalten - eine Behauptung, die Henry Strutz selbst heute noch nicht begreifen kann. Er zählt sich zu dem Lager derjenigen, die der Veritas noch Zukunft vorausgesagt hätten. Mehr als einmal blitzt seine Verbundenheit mit dem Werk und seinen Strukturen auf: "VEB - das war mehr als ein schlichter Produktionsbetrieb." Es habe sich um eine Rundum-Versorgung der Mitarbeiter gehandelt, mit Kinderkrippen, mit Kultur, Sport, Ärzten aller Fachrichtungen. Sogar das, was heute die Lebenshilfe für Menschen mit Handicaps leiste, sei damals schon über die Veritas organisiert worden - "vielleicht nicht so professionell wie heute, aber das gab es". Der damalige Geschäftsführer Technik akzeptiert auch, dass es andere Meinungen zur Entwicklung des Werkes und seiner gesellschaftlichen Rolle gibt. "Wer Recht hat, das sollen später Geschichtsforscher klären", sagt er. Für ihn ein Grund mehr, wenigstens so viele Erinnerungen und Unterlagen wie möglich für eine historische Beurteilung bereit zu stellen. Im Mai will der Freundeskreis den Stand der Entwicklung dokumentieren, feierlich ein Übergabeprotokoll unterzeichnen und diesen großen Abschnitt seiner Forschungsarbeit abschließen. Die Nachwelt möge die Unterlagen aus- und bewerten, überlegt Strutz, sie eventuell auch als Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen nehmen und vielleicht auch deren Publikation ins Auge fassen. Dafür haben sie umsichtig vorgesorgt: Alle Fotos und Texte sind digitalisiert. DVDs mit den Materialien werden daher im Mai mit ans Museum übergeben.

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