zur Navigation springen

Ursula: Mir hilft die Tafel zu überleben

vom

Perleberg | "Die Nummer 17". Ursula strahlt. "Da bekomme ich bestimmt noch was Gutes ab". Seit drei Jahren kommt die Perlebergerin zwei bis drei Mal die Woche zur Tafel, um einzukaufen. Zuvor habe sie oft an der Tür gestanden, sich aber nicht getraut, sie zu öffnen. Zu groß war die Scham. Eine Bekannte habe sie schließlich an die Hand genommen, "sonst würde ich wohl heute noch hier stehen".

Monat hat zu viele Tage für das wenige Geld

Gelernt und gearbeitet hat die 62-Jährige als Stoma-Schwester, heute vergleichbar mit Zahnarzthelferin. 20 Jahre habe sie in dem Beruf gearbeitet, dann ging sie in die Altenpflege. Viel Spaß habe ihr diese Arbeit gemacht, der sie letztlich aber Tribut zollen musste. "Meine Wirbelsäule war kaputt und auch die Kniegelenke." Montag sollte sie operiert werden, am Sonnabend zuvor steckte die Kündigung im Briefkasten.

Inzwischen bezieht sie eine Erwerbsunfähigkeitsrente: "Zum Leben ist sie zu klein, zum Sterben zu groß." Verstohlen wischt sie sich die Tränen aus den Augen. 42 Jahre habe sie gearbeitet, zwei Kinder allein großgezogen und muss nun bei der Tafel einkaufen, damit sie überhaupt über die Runden kommt. "Ich bin wirklich sparsam, doch der Monat hat zu viele Tage für das wenige Geld."

600 Euro, Miete und Betriebskosten abgerechnet, "da bleibt nicht mehr viel übrig", rechnet sie vor. Selbst die eingesparten Kosten für Strom und Wasser sind ihr auf die Füße gefallen. " Dafür kann ich nun Sozialhilfe zurück zahlen." Ihr fällt es sichtlich schwer, über all das zu reden. Sie schämt sich. Da könne man ihr hundertmal sagen, dass sie keinen Grund dazu habe. "Wer zur Tafel muss, der ist gesellschaftlich abgestempelt. Viele reden abfällig über etwas, was sie nicht kennen. Mir aber hilft die Tafel, zu überleben."

Bis heute wissen ihre Kinder nicht, wo Ursula einkauft, "nur meine Enkelin". Sie weiß, auf den Tisch kommt, was die Einkaufstüte der Tafel hergibt. Schmalhans ist da oft Küchenchef. "1,80 Euro für ein Mittagessen bei der Tafel ist wirklich nicht zu viel. Doch wenn ich mir eine Kartoffelsuppe koche, dann kann ich drei Tage davon essen." Ab und an gönnt sich Ursula aber den "Luxus" das Mittagessen vorgesetzt zu bekommen.

Ihr Geschenk: Gutschein von der Therme für Blutspende

Seit fast drei Jahren heißt ihr Lebensmittel-Discounter Tafel. Noch heute schaut Ursula nach unten, wenn sie sich vor der Tür in die Schlange der Wartenden einreiht. Und immer schwingt das Gefühlt mit, hoffentlich sehen mich Nachbarn oder Bekannte nicht. Drinnen dann ist die Welt für kurze Zeit halbwegs wieder in Ordnung. "Hier wird man nicht von der Seite angeschaut. Jeder, der hier ist, hat sein Päckchen zu tragen." Allerdings freitags kaufe sie nicht gern ein. "Da ist die Schlange stets sehr lang. Bestimmt brauchen es andere noch dringender, als ich." Hauptsache Brot, vielleicht noch ein paar Brötchen und etwas Gemüse, dann komme sie schon übers Wochenende.

Und Weihnachten? "Meine Enkelin kommt", freut sich die 62-Jährige. Ihr Sohn habe ihr einen künstlichen Tannenbaum besorgt, von der Schwester bekommt sie eine Ente. Selbst Geschenke gibt es. "Ich habe zwei Pullover für meine Enkelin gestrickt, und für viermal Blutspenden gab es zwei Gutscheine für die Therme. Einen schenke ich ihr." Und 20 Euro gebe sie noch zum Gefrierwürfel dazu, den ihre Enkelin dringend braucht.

Was wünscht sich Ursula selbst? "Ich habe schon lange keinen Wunsch mehr. Ich möchte nur, dass es den Kindern und meiner Enkeltochter einmal besser geht."

zur Startseite

von
erstellt am 23.Dez.2011 | 03:34 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen