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Der Prignitzer

20. November 2017 | 03:25 Uhr

Urlaub futsch, aber Ferien verlängert

vom

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erstellt am 22.Aug.2012 | 09:49 Uhr

Bälow | "Es war gigantisch". Mit einem Superlativ blickt Anja Baumgart auf die Hochwassertage im August 2002 zurück. Aber so sehr diese Zeit das damals zwölfjährige Mädchen beeindruckt haben mag, es blieb auch ein sehr realistischer Eindruck zurück: "Es wurde etwas zu viel Panik gemacht", sagt sie, aber zugleich räumt die junge Frau ein, dass es sich um eine "gefährliche Situation" gehandelt hat.

Mitte August 2002 bereitet sich Anja Baumgart auf einen neuen Lebensabschnitt vor. Nach den Sommerferien steht der Wechsel von der Grundschule in Bad Wilsnack auf die Oberschule in Wittenberge an. Kurz davor bricht die Familie zum Urlaub in die Niederlande auf. "Dort haben wir die ersten Bilder von Dresden gesehen. Aber es war uns nicht bewusst, dass auch wir betroffen sein sollten", erzählt Anja Baumgart. Doch dann ging alles sehr schnell.

Per Telefon erfahren sie von der sich zuspitzenden Lage in Bälow. Die Familie packt die Sachen, bricht den Urlaub ab und fährt nach Hause. Zurück in der Prignitz bleibt das Tempo konstant hoch. "Schnell" wird das alles bestimmende Wort in der Familie Baumgart.

Das Erdgeschoss im Haus wurde komplett geräumt, die Elektrogeräte bei Verwandten untergebracht, die Teppiche entfernt und zur Sicherheit auch noch die Terrassentür abgedichtet. Schnell waren sie fertig. Gut so, denn auch das Wasser der Elbe stieg schnell höher.

Längst war Katastrophenalarm ausgelöst, die Maßnahmen für die Evakuierung ihres Dorfes vorbereitet. Noch aber blieb Anja Baumgart mit ihrer Familie in Bälow. "Es mag komisch klingen, aber das Gute am Hochwasser war, dass die Ferien um drei Wochen verlängert wurden", erzählt die heute 22-Jährige.

Und so kam sie in den damals wohl etwas fragwürdigen Genuss, das Hochwasser hautnah zu erleben. Sie durfte sogar als Beifahrerin auf einem Lkw der Bundeswehr, der bei Rühstädt Sandsäcke an den Deichen verteilte, mitfahren und bestaunte das Amphibienfahrzeug, das die Säcke auf der Wasserseite transportierte.

Und wie empfand sie das alles? "Sonst war die Elbe immer so weit weg, vom Deich kaum zu sehen. Und jetzt war es ein riesiger See. Aber das Wasser war total ruhig. Es war irgendwie unwirklich", erinnert sich Anja. Dennoch macht sich ein wenig Angst breit. Vor allem, wenn der Strom abgeschaltet wird. Ein Gehöft ist bereits gar nicht mehr trockenen Fußes zu erreichen. "Die Familie ist dann immer mit einem kleinen Boot zum Deich gefahren und von dort aus einkaufen gegangen", schildert sie den Hochwasser-Alltag und empfindet vor allem den Zusammenhalt unter der Bevölkerung damals als toll.

Dann erfolgt die Evakuierung und Familie Baumgart wird getrennt: Die Mutter fährt samt Hund zur Tante nach Dergenthin, Anja zur Oma nach Perleberg. Der Vater bleibt als Deichläufer zurück. "Ich habe alles mitgenommen. Teddy, Spielzeug, Fußball", berichtet sie. Und der Kontakt zum Vater? "Wir haben telefoniert und einmal sind wir an den Rand des Sperrgebiets gefahren. Er hatte frei und so konnten wir uns dort kurz treffen."

Es beginnt das bange Warten. Halten die Deiche? Sie halten. Nach Aufhebung der Evakuierung kehren sie zurück. Mit etwas Angst, aber die erweist sich als unbegründet. Das Haus ist bewohnbar. Die Möbel werden eingeräumt, der Alltag kehrt wieder ein und mit diesem auch der Schulbeginn - sehr zum Leidwesen von Anja Baumgart. "Ich hätte gern länger Ferien gehabt".

"Es war wirklich ungewöhnlich. Die Hitze und Hochwasser. Das schöne Wetter war vielleicht auch etwas unser Glück", denkt Anja Baumgart noch einmal zurück. Sie weiß aber auch, dass die Flutung der Havelpolder viel Druck von den Prignitzer Deichen nahm. Dennoch fand sie, dass bisweilen etwas zu viel Panik gemacht wurde: "Das Winterhochwasser 2003, wo die Eisschollen den Deich bedrohten, empfanden wir als schlimmer." Eins hat sich die Familie Baumgart fest vorgenommen: Beim nächsten großen Hochwasser wollen sie Bälow nicht verlassen.

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