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Ist die Prignitz lebenswert? : Über die Rückkehr der Prignitzer

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Gemeinden Plattenburg, Gumtow und die Ämter Bad Wilsnack sowie Lenzen sehen sich als lebenswert. Hier steigt die Nachfrage nach Grundstücken an.

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erstellt am 25.Jan.2017 | 21:00 Uhr

„Thema verfehlt“, sagt Bad Wilsnacks Amtsdirektor Torsten Jacob und legt die Studie „Abwanderung aus Nordwestbrandenburg – Folgen und strategische Lösungen“ von Professor Harald Simons aus der Hand. Die Studie und die im rbb sowie im Interview mit unserer Zeitung von Simons getätigten Aussagen von einem drohenden Zusammenbruch der Wasserversorgung auf Dörfern und seiner Warnung vor privaten Hausbauten in der Prignitz bezeichnet Jacob als einen „Schlag ins Gesicht. Hier werden bewusst Tabus gebrochen“. Die Studie komme nur zu einer Erkenntnis: „Neuruppin müsse Kreisstadt werden. Andere Lösungen bietet sie nicht an“, sagt Gumtows Bürgermeister Stefan Freimark. Selbst der Auftraggeber, die Arbeitsgemeinschaft Autobahndreieck Wittstock, erhalte keine Antworten auf ihre Fragen, wie der Fachkräftemangel zu lösen, wie die Abwanderung zu stoppen sei.

Um so unverständlicher sei, dass der Vereinsvorsitzende Mike Blechschmidt diese Studie öffentlichkeitswirksam an Finanzminister Christian Görke (Linke) überreichte. „Müssen wir eine neue Förderpolitik befürchten? Erhalten wir als Randregion künftig weniger Geld? Soll das die politische Antwort sein?“, fragt Plattenburgs Bürgermeisterin Anja Kramer.

Folgt man der Studie, ja. Simons fordert eine Grenze der öffentlichen Daseinsvorsorge. Er ist überzeugt davon, dass Dörfer in Regionen wie der Prignitz bereits sterben. Keiner der drei verschließt die Augen vor dem Bevölkerungsrückgang, nur die Schlussfolgerungen teilen sie nicht, weil sie eine andere Realität wahrnehmen.

Plattenburg ist mit rund 3500 Einwohnern mit die kleinste Gemeinde in der Prignitz. „Aber beispielsweise haben sich in Burghagen und Zichtow junge Familien niedergelassen. Glöwen ist Dank der Bahnanbindung und der Oberschule ein starker Ort. Hoppenrade hat mit dem CJD einen großen Arbeitgeber“, zählt Kramer auf. Jacob ergänzt: „Bad Wilsnack sucht neue Baugrundstücke, Breese will sein Baugebiet erweitern.“

Ins kleine Straßendorf Haaren sind so viele Familien gezogen, dass es zu einem der jüngsten Dörfer der Region wurde. Oder Breetz bei Lenzen. Einst nahezu ausgestorben, sind mittlerweile fast alle Häuser saniert und wieder bewohnt. Die Einwohnerzahl habe sich in zehn Jahren verdoppelt.

Landflucht habe es immer gegeben, aber die Anziehungskraft der von Simons beschriebenen Schwarmstädte habe ihre Grenzen: Miet- und Grundstückspreise, Parkplätze, Verkehrsstau, dichte Bebauung... All das werde zu einem Gegentrend führen, sind sie sich einig.

Trotz der Abwanderung sei die Prignitz nicht ausgestorben, merkt Freimark an. „Die Landesregierung hat uns nicht abgeschrieben, sonst würde sie nicht Millionen Euro in den Hochwasserschutz investieren“, meint er.

Die Studie attestiere dem Land jedoch eine 20-jährige Fehlpolitik in ihrer Raumordnung. Wenn Simons richtig liege, wären Teile der Uckermark und der Lausitz ebenfalls vom Aussterben bedroht. „Wir brauchen Wissenschaftler, die Antworten auf den demographischen Wandel geben, ohne das Land aufzufordern, eine ganze Gegend leer zu räumen“, fordert Freimark.

Eigentlich lohne es nicht, sich mit der Studie intensiv auseinanderzusetzen. Ihr Auftragscharakter sei zu offensichtlich. Aber die durch den rbb nicht kommentierten Äußerungen des Professors hätten einen Imageschaden verursacht. „Für mich war das im Fernsehen eine einseitige Darstellung“, sagt Torsten Jacob. Er geht noch weiter: „Die Aussagen des Professors verachten die Region und der rbb bot dafür ein Forum.“ Ein Sender, der auch durch die Gebühren der Prignitzer finanziert wird, ergänzt Freimark.

Bezogen auf die Schlussfolgerungen der Studie zu einer künftigen Kreisstadt Neuruppin, vertritt Stefan Freimark eine klare, persönliche Haltung: „Wird Neuruppin nicht Kreisstadt, wird sich die Stadt dennoch weiter positiv entwickeln. Wird Perleberg keine Kreisstadt, wird sich das negativ auswirken.“ Das Land sollte über andere Modelle nachdenken, zum Beispiel über geteilte Kreisstädte.

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