zur Navigation springen

Erinnerungen an letzte Kriegstage : Über die Elbe in ein neues Leben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Magdalena Blum erhielt über Jahre Briefe von einem Soldaten, der 1945 in Gnevsdorf über die Elbe setzte und sich dem Amerikanern ergab

von
erstellt am 16.Mai.2015 | 12:00 Uhr

Wenn Magdalena Blum in den handgeschriebenen, sauber in einer Mappe abgehefteten Briefen blättert und über die letzten Kriegstage im Mai 1945 in Gnevsdorf berichtet, dann merkt man, wie präsent die damaligen Ereignisse in ihrem Gedächtnis noch immer sind. „Ich will einfach nicht, dass das, was damals hier passiert ist, in Vergessenheit gerät“, sagt die rüstige Dame, die erst kürzlich ihren 91. Geburtstag beging.

Die Briefe, die ihr Johannes Stute schrieb, ein ehemaliger Leutnant der Wehrmacht, stammen allerdings nicht aus den letzten Tagen des Krieges. „Johannes Stute war 1991 mit dem Wohnmobil zu Besuch in der Prignitz, weil er den Ort noch einmal sehen wollte, an dem er die letzten Kriegstage verbrachte und in amerikanische Gefangenschaft geriet“, erzählt Magdalena Blum. „Er hat sich durch den Ort gefragt und Leute gesucht, die etwas über die Ereignisse von damals wissen. So landete er schließlich bei mir, und wir sind ins Gespräch gekommen.“

In den Unterlagen, die Magdalena Blum über die Jahre rund um das Kriegsende in der Region gesammelt hat, findet sich auch eine autobiographische Zusammenfassung der letzten Tage, die Johannes Stute als Wehrmachtssoldat erlebte. Stute war als Batterieführer bei der 5. schweren Flakabteilung eingesetzt, die in Kuhblank stationiert war.

Am 1. April erhält er den Befehl, seine Einheit nach Neustadt/Dosse zu verlegen. In einem vertraulichen Gespräch mit dem Abteilungskommandeur kommen beide überein, dass der Krieg verloren sei und die Verlegung im ungünstigsten Fall mit russischer Kriegsgefangenschaft endet. Stute beschließt, mit seinen Leuten zu bleiben, zumal ein amerikanischer Artillerieangriff die Bahnlinien zerstört hat. In den folgenden Tagen schmieden die Soldaten Pläne, wie sie die Elbe am besten überqueren können, um sich den Amerikanern zu ergeben.

Am 29. April entdecken sie nahe Gnevsdorf am gegenüberliegenden Elbufer amerikanische Soldaten. „Wir riefen, der Krieg ist für uns aus, nicht mehr schießen. Wir hatten das Gefühl, dass sie es mit ihrem ,OK’ ehrlich meinten“, schreibt Stute. Prisoner of War wollten sie werden, und die Amerikaner sagen zu.

Am 1. Mai gibt es neue Befehle, die den Fluchtplan der rund 150 Mann starken Truppe gefährden. Stute soll eine weitere Batterie übernehmen, die in Bentwisch stationiert ist. Mit deren Spieß kommt er überein, dass sich die Männer dem Fluchtplan anschließen. Man verabredet, sich in den frühen Morgenstunden des 2. Mai in Kuhblank zu treffen und nach Gnevsdorf zu marschieren, wo die Amerikaner den Transport über die Elbe mit Sturmbooten organisieren.

Der Plan gelingt tatsächlich, rund 300 Soldaten machen sich am Vormittag des 2. Mai 1945 bereit, um sich von Booten des „Nicht mehr Feindes“, in Sicherheit bringen zu lassen. „Für meine Pistole 7.65 interessierte sich kein Amerikaner, so habe ich sie in der Flussmitte versenkt“, schreibt Stute.

Auf der anderen Elbseite angekommen, beginnt das „Fleddern“, und die Amerikaner nehmen den Deutschen ihre Wertsachen ab. Stute ist darauf vorbereitet, hat seine beiden Uhren in den Mützenrand und den Hosenbund eingenäht. Über Seehausen und Arendsee werden die Soldaten abtransportiert, kommen zunächst nach Gifhorn und erleben das Kriegsende schließlich in einem Fußballstadion in Herford. „Mein Entschluss, mit meiner mir anvertrauten Mannschaft von zwei Batterien in die Gefangenschaft zu gehen, war der folgenschwerste für mich, aber der beste, den ich je getroffen habe“, schließt Stute.

Der 2. Mai, der Tag, an dem ihm und 300 anderen Soldaten die Flucht über die Elbe gelang, wird für den jungen Leutnant so etwas wie sein zweiter Geburtstag. Angeregt durch seine Rückkehr an den Ort des Geschehens, durch die Gespräche mit Magdalena Blum, beginnt er, ihr Briefe zu schreiben. „Die kamen immer um den zweiten Mai herum an, ab und an auch mal einer an Weihnachten“, sagt sie.

„Ich weiß nicht, wie der denkbar grausame Tag bei Ihnen im Gedächtnis geblieben ist“, schreibt er zum 2. Mai 2011. „Bei mir war es so etwas wie ein Glücksfall vor dem Weltuntergang. Die Ereignisse haben sich bei mir so eingegraben, dass sie nicht auszulöschen sind.“ Die Briefe scheinen für Stute eine Art Vergangenheitsbewältigung, immer wieder betont er seine Dankbarkeit dafür, am 2. Mai 1945 in Gnevsdorf den Sprung über die Elbe geschafft zu haben.

Er erzählt über Erinnerungen an die Tage in der Prignitz, aber auch, wie es mit ihm weitergegangen ist. Stute studiert nach dem Krieg Pädagogik, arbeitet bis 1981 im Schuldienst und engagiert sich in der Kommunalpolitik. Mit seiner Frau bekommt er fünf Söhne und baut sich 1951 ein Eigenheim. „Mein Sohn hat ihn sogar einmal in Paderborn besucht, da hat er sich wahnsinnig gefreut, sagt Magdalena Blum.

Am 11. Januar 2013 ist Johannes Stute im Alter von 90 Jahren gestorben. Die Erinnerung an ihren Brieffreund, der sie jedes Jahr zum 2. Mai mit ein paar Zeilen bedachte, hält Magdalena Blum indes wach, sammelt noch immer Material zum Kriegsende in der Region in der grünen Mappe.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen