Tumult im Parlament

Blaulichteinsatz im Stadtparlament.
Blaulichteinsatz im Stadtparlament.

Streitsüchtiges Paar bekommt Hausverbot in Lenzen / Polizei muss anrücken

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05. Dezember 2019, 10:03 Uhr

Wüste Beschimpfungen, Geschrei, Unterbrechung, Hausverbot, Polizeieinsatz. Diese Stadtverordnetenversammlung am Mittwochabend in Lenzen schreibt Geschichte. So einen Tumult hat es in der Stadt trotz vieler streitbarer Themen in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht gegeben. Was war passiert?

Spannende Themen wie die Seesanierung hatten einen großen Besucherandrang angedeutet. Die Sitzung wurde extra in den Saal des Schützenhauses verlegt. Anfangs verlief sie gewohnt ruhig, um dann in der Einwohnerfragestunde eine dramatische Wendung zu nehmen. Bezugnehmend auf unseren Artikel in der Dienstagausgabe „Knöllchenflut ärgert Anwohner“ ergreift ein Mann das Wort. Er setzt zu einem Redeschwall an und fordert den Abgeordneten Kurt Wilke auf, zum Thema Parken in Lenzen Stellung zu nehmen.

Unser Bericht handelt über Strafzettel für Parksünder in der Berliner Vorstadt, eine Sackgasse. Neben Mitarbeitern des Ordnungsamtes soll nach Berichten von Augenzeugen auch jene Familie Parksünder anzeigen. Anwohner sind empört und Kurt Wilke hatte in dem Beitrag Verständnis geäußert. Er sagte: „Der Zustand ist unerhört. Die Leute werden abkassiert. Hier muss ganz schnell eine Lösung gefunden werden.“

In der Stadtverordnetenversammlung von dem Mann darauf angesprochen, will Wilke Stellung beziehen. Doch der Fragesteller und seine Frau attackieren ihn verbal mehrfach. Es fallen Sätze wie: „Das ist doch blödes Zeug.“. Die Lautstärke schwillt an. „Ich habe die Sache dann abgebrochen, es hätte eh nichts gebracht“, sagt Wilke gestern.

Mehrfach ermahnt Bürgermeister Thomas Wange das Ehepaar. Es möge seine Zwischenrufe unterlassen. Doch dieses reagiert nicht darauf. Wange, der erst seit der Kommunalwahl im Mai im Amt ist, unterbricht sie Sitzung. „Ich habe vom Hausrecht Gebrauch gemacht, um die Lage zu beruhigen und, um eine weitere Eskalation zu vermeiden“, erklärt er.

Das vor einigen Jahren nach Lenzen gezogene Paar ignoriert die Aufforderung. Weigert sich, den Saal zu verlassen. Stattdessen liefert es eine verbale und mit Schimpfwörtern gespickte Auseinandersetzung mit mehreren Anwesenden. Zeitweilig entsteht der Eindruck, dass eine handfeste Auseinandersetzung droht. Abgeordneten und Einwohnern steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Fassungsloses Kopfschütteln dominiert. Amtsdirektor Harald Ziegeler ruft die Polizei.

Erst nach mehrfachen Aufforderungen versehen mit dem Hinweis, dass die Beamten gleich eintreffen, verlässt das weiter schimpfende Paar den Saal. Dabei soll es zu einer Sachbeschädigung gekommen sein. „Der automatische Türschließer wurde demoliert“, sagt Hausherr Hans-Joachim Klein. Er erstattet Anzeige wegen Sachbeschädigung. Die Polizei trifft ein, als sich die Lage beruhigt hatte. Nach einer knapp 20-minütigen Unterbrechung setzt Wange die Sitzung ohne Zwischenfälle fort.

„So eine Eskalation kann nicht toleriert werden. Mir fehlen heute noch die Worte. Ich habe so etwas noch nicht erlebt“, sagt der Bürgermeister unserer Zeitung. Auch Kurt Wilke ist erschüttert: „Ich bin seit 40 Jahren politisch auf Gemeinde- und Kreisebene aktiv. So etwas habe ich noch nicht miterlebt. Diesen Leuten sollte man den Zugang zu Versammlungen verweigern.“

Bürgermeister Thomas Wange überlegt nach dem Vorfall und im Austausch mit Amtsdirektor Ziegeler, die Geschäftsordnung zu überarbeiten. Einwohner sollen im öffentlichen Teil demnach nur noch gezielte Anfragen stellen dürfen. Die Überlegung stößt aber bereits auf Widerstand. „Ich finde das falsch. Jede Form von kontroverser Unterhaltung sollte weiter möglich sein“, meint Ulrich Schiller noch auf der Sitzung und erhält dafür die klopfende Zustimmung vieler Bürger.

Das den Tumult auslösende Ehepaar habe die Verwaltung schon häufiger auf Ordnungsvergehen in der Stadt hingewiesen, heißt es. Rein rechtlich sei das zulässig, auch Privatpersonen dürfen Anzeigen erstatten, hatte Ziegeler unserer Redaktion mitgeteilt.

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