Ärzte retten Kinderleben : Tränen der Angst, Tränen des Glücks

Wieder glücklich: Katharina Roese und Andre Schutta mit ihrer Marlene.
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Wieder glücklich: Katharina Roese und Andre Schutta mit ihrer Marlene.

Bangen und Hoffen, Tage der Ungewissheit. Am Ende eine glückliche Perleberger Familie. Die kleine Marlene überlebt einen Gehirntumor. Prignitzer und Schweriner Ärzte haben das Mädchen gerettet.

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11. Juni 2016, 04:45 Uhr

Sie wird sterben. Ihre süße, kleine Marlene. Diese Erkenntnis traf Katharina Roese wie ein Blitz. Wie aus dem heiteren Himmel kam die Diagnose der Ärzte: Gehirntumor.

Die zweijährige Marlene starb nicht. Sie hat ihr Lachen wieder gefunden. Es ist das Happy End einer Geschichte, deren Drehbuch glückliche Umstände, die Perleberger Kinderklinik und Schweriner Ärzte schrieben.

Erste Symptome

Ihr Mund steht nie still. Marlene kann pausenlos plappern. Mehr und besser als andere in ihrem Alter, aber das Laufen bereitet ihr Probleme. Mal zieht sie ein Bein nach, mal stolpert sie oder fällt auf den Po. Ihrem Papa fällt das als Erstem auf. Andre Schutta arbeitet im Kindergarten, vergleicht seine Tochter mit anderen Kindern.

Die Eltern sprechen darüber, fragen Verwandte und Freunde nach deren Meinung. „Das ist Quatsch. Jedes Kind ist anders. Das wird noch“, lauten die beruhigenden Antworten. Die nächste reguläre Untersuchung stand bevor. „Bis dahin wollten wir warten. So schlimm kann es ja nicht sein“, erzählt Katharina Roese.

Doch dann muss Marlene erbrechen, das erste Mal überhaupt. Die Eltern sind erschrocken, eilen zum Kinderarzt. Der beruhigt sie. Kinder übergeben sich, das kann passieren. „Ich wollte ja auch nicht hysterisch werden, keine Übermutti sein.“ Und die Kleine läuft plötzlich besser, klettert sogar.

Nur eine Woche danach erbricht sie erneut. Es ist Sonntag, ein schöner Tag bei Freunden. Es muss ein hartnäckiger Infekt sein, denken die Eltern und entscheiden abends, am nächsten Tag zum Arzt zu gehen. Eine innere Unruhe ergreift Katharina Roese. Erst sträubt sie sich dagegen, doch dann schaltet sie den Computer ein, sucht nach Erklärungen. Später wird sie vom „Mutterinstinkt“ sprechen.

Die Kombination Probleme beim Gehen und Erbrechen auf nüchternen Magen deutet auf einen Tumor hin. Das erste Mal taucht dieses schreckliche Wort auf, lässt bei den Eltern sämtliche Alarmglocken schrillen. „Wir waren verrückt vor Sorge, konnten nicht schlafen, aber glaubten nicht daran. Sonst hätten wir den Notarzt gerufen.“

Die Diagnose

Am Morgen sitzen sie im vollen Wartezimmer der Kinderpraxis. Sie schildern ihre Ängste. Ein Anruf in der Perleberger Kinderklinik, sie können sofort hinfahren. Im Kreiskrankenhaus untersucht eine Ärztin Marlene. „Ich hatte das Gefühl, die Ärztin wird immer trauriger, dann ging sie hinaus. Da wurde mir irgendwie klar, es könnte doch schlimmer sein“, sagt Andre Schutta.

Vielleicht ist es eine Mittelohrentzündung, beruhigen sich die Eltern gegenseitig und sind überzeugt, bald wieder zu Hause zu sein. Es folgt eine MRT-Untersuchung. Ein Arzt und zwei Schwestern kommen zu dem jungen Paar: „Setzen Sie sich bitte.“

Der Arzt spricht von einer „großen Raumforderung“ im Kopf des Mädchens und fügt hinzu: „Diese können wir in Perleberg nicht behandeln.“ Es fallen Orte wie Würzburg und Wien. Die Mama hat Tränen in den Augen, eine Schwester nimmt sie in den Arm und doch fühlt sie sich in diesem Moment allein und verloren.

Ihre Erinnerungen sind bruchstückhaft. Sie will das soeben Gehörte verdrängen, als Traum deuten. Marlene hatte doch niemals Kopfweh und jetzt soll sie an einem Tumor im Kopf sterben? „Schnell in eine dieser anderen Kliniken. Wohin war mir völlig egal, Hauptsache Marlene kann behandelt werden.“

Der erste Eingriff

Während die Eltern rätseln, wie es weitergeht, ob sie Sachen packen und selbst fahren müssen, glühen die Telefondrähte. Katharina Roese und Andre Schutta ahnen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass nur wenigen Stunden über Leben und Tod ihrer Marlene entscheiden.

Ein Krankentransport bringt Mutter und Tochter in die Helios Kliniken nach Schwerin. Ein Team um PD Dr. Oliver Heese, Chefarzt der Neurochirurgie, wartet bereits auf sie. Erst jetzt erfährt Katharina Roese, wie lebensbedrohlich der Zustand ihrer Tochter ist. Das Hirnwasser staut sich im Kopf, ein Koma droht. Die Ärzte legen eine Drainage, das Wasser kann ablaufen. Die größte Gefahr ist gebannt.

Die Operation

Untersuchungen, Gespräche mit den Eltern über die bevorstehende Operation. Eine schreiende, ans Bett gefesselte Marlene. „Du musst das aushalten, ich selbst auch“, sagt sie zu ihrer Kleinen. Schwestern kümmern sich um die Familie aus Perleberg. Die Mutti darf ihr Mädchen waschen. „Das hat gegen die Ohnmacht geholfen.“

Drei Stunden soll die Operation dauern. Sie könnten shoppen fahren, sich ablenken, rät ihnen Dr. Heese. Doch das Eis schmeckt ihnen nicht. Katharinas Eltern sind gekommen. Gegenseitig geben sie sich Kraft. Der Blick geht immer wieder zur Uhr, deren Sekundenzeiger scheinbar still steht. Der Anruf erreicht sie im Auto. Andre Schutta geht ran. Worte fehlen ihm. Er reckt den Daumen in die Höhe.

Banges Warten

Die Operation ist geglückt, der Tumor entfernt. Marlenes Gesicht ist aufgedunsen, ihr Körper mit Drähten verkabelt, die zu Armaturen führen. Die schönen langen Haare durfte sie behalten. „Das hatte Dr. Heese uns und ihr gleich zuerst versprochen.“

Noch ist die Gefahr nicht gebannt. War der Tumor gut- oder bösartig. Die Ärzte sind optimistisch, Gewissheit muss ein Laborergebnis bringen. Dazwischen liegt ein quälend langes Wochenende. Entwarnung. Es war ein gutartiger Tumor und er ist vollständig entfernt. Marlene wird wieder gesund werden.

Das Urteil des Arztes

Oliver Heese ist nicht minder erleichtert. „Nach Leukämie sind Gehirntumore bei Kindern die zweithäufigste Krebsart.“ Das Heimtückische daran: „Sie werden oft verkannt.“ Auch lasse sich nicht sehen, ob sie gut- oder bösartig sind.

„Bei Marlene saß der Tumor im Kleinhirn, drückte bereits auf den Hirnstamm und den Nervenwasser-Abflusskanal“, erklärt Heese. Das heißt, das Nervenwasser läuft nicht ab, der Druck im Gehirn steigt.

Er kennt mehrere solcher Fälle, in denen die Eltern erst kamen, als das Kind bereits im Koma lag. „Dann können wir meist nichts machen, es wird sterben.“ In Marlenes Fall habe das Perleberger Krankenhaus schnell und richtig gehandelt.

„Die MRT-Bilder bekamen wir sofort über eine Datenleitung, konnten die Diagnose stellen“, sagt Heese. Das habe wirklich gut geklappt. „Einen Tag später wäre Marlene tot gewesen“, so der Chefarzt. Die Operation sei kompliziert, bleibende Störungen nicht ausgeschlossen. „Wir hatten noch Glück, denn der Tumor hatte wichtige Nerven beiseite geschoben. Würde man bei einem gesunden Menschen an gleicher Stelle so ein Loch machen, könnte er danach nicht mehr laufen“, erklärt Oliver Heese. Bei Marlene sei alles gut gegangen. Spätfolgen könne er nahezu ausschießen. Mehr noch: „Die süße Kleine wird mit uns nie wieder zu tun haben.“


Wieder daheim


Daheim können die Eltern ihr Glück nicht fassen. „Schon auf der Autofahrt hat Marlene hinten gesessen und nur gegrinst“, erzählt ihr Vater. Ein Glücksmoment, nachdem sie in den Tagen zuvor entweder geschrien hatte oder apathisch war.

Vor dem Abschlussgespräch mit Dr. Heese überlegen sie, wie sie ihm danken können. „Nicht nur für die Operation, sondern für alles: für die Betreuung, für die Empathie aller Beteiligten.“ Blumenstrauß? Präsentkorb? Nicht angemessen. Am Ende wird es ein kräftiger Händedruck, ein Dankeschön, ein Blick der Eltern, der mehr sagt, als Geschenke es vermögen.

„Er hat das Leben unserer Tochter, unserer ganzen Familie gerettet. Wir möchten allen Eltern sagen, dass sie auf ihr Gefühl hören sollen. Deshalb haben wir uns entschieden, Ihnen diese Geschichte zu erzählen.“

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