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Leichenfund in Wittenberge : Toter liegt wochenlang in Wohnung

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Fliegen am Fenster und überquellender Briefkasten deuteten Tragödie in Wittenberger Allendestraße an

von
erstellt am 15.Aug.2014 | 08:00 Uhr

Als am Mittag des  26. Juli die rechte Erdgeschosswohnung in der Wittenberger Allendestraße 81 durch die Polizei geöffnet wird, deutet noch wenig auf die Tragödie  hin, die sich hier ereignet hat. Erst ein Blick ins Schlafzimmer, das  die Feuerwehr nur unter Atemschutz betritt, bringt Gewissheit: Der Mieter, ein 56-jähriger Mann, ist tot.

Wie lange er hier unentdeckt gelegen hat, ist zunächst nicht klar. Die Verwesung ist  sehr weit    fortgeschritten. Selbst  anhand der in der Wohnung gefundenen Dokumente  ist  die Leiche nicht sofort identifizierbar. Alles deutet auf einen Zeitraum von Wochen hin.

Eine Nachbarin, die im Nebeneingang mit dem Verstorbenen Wand an Wand wohnte, hatte den Mann das letzte Mal am 2. Mai gesehen.  Ein überquellender Briefkasten nährte den Verdacht, es sei etwas passiert, sagt sie. Auch die Mieterin, die die Wohnung im Erdgeschoss links bewohnte, habe Verdacht geschöpft, andere Bewohner im Treppenaufgang gaben an, verreist oder berufsbedingt wenig zuhause gewesen zu sein und nichts  bemerkt zu haben.

Laut Polizei handelt es sich bei dem Toten um den Mieter der Wohnung. So wie  er gefunden wurde   und in Anbetracht der Tatsache, dass es keine Spuren für einen Einbruch gab, sei von einer natürlichen Todesursache auszugehen, informierte Pressesprecherin Dörte Röhrs. Auf eine Obduktion sei darum verzichtet worden. Unklar ist, ob der Mann Angehörige hatte.

Die Nachbarn erheben   Vorwürfe gegen den Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Wittenberge. Mehrfach hätten sie Hinweise bezüglich ihres Verdachts gegeben, passiert sei nichts. Erst als das Fenster des Opfers schwarz  vor Fliegen war, hat eine Pflegedienstmitarbeiterin, die im Nachbarhaus zu tun hatte, die Polizei alarmiert, die den Toten entdeckte.

Wurden Hinweise ignoriert?
Anneliese Trostmann war mit den Nerven am Ende. Immer wieder stockt die Rentnerin beim Erzählen, entschuldigt sich, dass ihr bei den Erinnerungen an das, was nebenan passiert ist,  übel wird.

Am 26. Juli finden Polizei und Rettungsdienst, alarmiert durch eine Pflegekraft, die Anneliese Trostmann betreut, eine verweste Leiche in der Nachbarwohnung. „Da wurde mein Verdacht, dass etwas passiert ist, bestätigt“, sagt Trostmann. Die ganze Chronologie der Tragödie hat sie akribisch in einem Block notiert, Episoden offensichtlicher Ignoranz.

„Am 2. Mai habe ich meinen Nachbarn das letzte Mal gesehen. Er ging fast jeden Abend einkaufen, ein großer, schlanker Mann, zwischen 55 und 60 würde ich sagen. Dann ging er plötzlich nicht mehr zur gewohnten Zeit raus. Mit einer Nachbarin habe ich gewitzelt, vielleicht hat er eine Freundin oder so. Auch sein Briefkasten wurde immer voller. Ende Mai hat sie die Wohnungsbaugesellschaft WGW informiert, dass da etwas nicht stimmt. Die Mitarbeiter  haben über den Balkon ins Wohnzimmer geschaut und festgestellt, dass es unordentlich aussieht. Mehr haben sie nicht getan.“

Hinweise bleiben ohne Folgen
Anneliese Trostmanns Unbehagen wächst. „Ich war mir sicher, der ist tot.“ In der Nacht zum 17. Juli fühlt sie sich zunehmend schlechter, ruft den Rettungsdienst. „Ich meinte schon Leichengeruch wahrzunehmen, mir war nur noch übel“, sagt sie. Dass sie tatsächlich etwas gerochen hat, ist indes unwahrscheinlich. Der behandelnde Notarzt Dr. Thomas Libuda mutmaßt eine psychosomatische Reaktion, verursacht durch den Stress. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Leichengeruch bemerkt hätte. Aber die Angst vor dem, was sich möglicherweise nebenan abspielt, kann zu solchen körperlichen Reaktionen führen“, erklärt der Arzt.

Generell könnten die Witterungsumstände, vor allem die Trockenheit und die hohen Temperaturen, zu einem Mumifizierungsprozess ohne übermäßige Geruchsentwicklung geführt haben, mutmaßt Libuda. „In der Nachbarwohnung etwas zu riechen, ist da sehr unwahrscheinlich, eher hätte man es im Treppenhaus wahrgenommen.“

Am Donnerstag, dem 24. Juli, ruft Anneliese Trostmann den Hausmeisterservice an, weil sie in ihrer Wohnung immer mehr Fliegen findet.  „Bei der WGW war niemand mehr zu erreichen, und ich bat darum, das Problem zu melden.“ Nichts passierte. Am Freitag früh versucht sie es selbst bei der WGW.  „Die teilte mir aber mit, dass man sich erst am Montag darum kümmern werde“, sagt die 86-Jährige.

Als am Samstagmittag der Pflegedienst zu Anneliese Trostmann kommt, ist das Fenster des Zimmers, in dem der Leichnam liegt, bereits schwarz vor Fliegen. „Ich habe das auch gesehen, die Pflegekraft von Frau  Trostmann darauf hingewiesen, und dann hat sie die Polizei alarmiert“, sagt Frank Metschulat, wie Trostmann Mieter im Nachbarblock. „Komisch kam mir das alles schon vor, aber erst als ich die Fliegen  gesehen habe, bin ich richtig stutzig geworden.“

Vermieter weist Vorwürfe zurück
Die Vorwürfe, die WGW als Vermieter hätte trotz eindeutiger Zeichen und Hinweise nichts getan, weist Geschäftsführer Torsten Diehn energisch zurück: „Solange nicht Gefahr in Verzug ist, werden wir nicht aktiv. Erkennen wir eine Gefahr, schalten wir unverzüglich die Behörden ein.“ Für einen überquellenden Briefkasten und das plötzliche Verschwinden von Personen gebe es viele Gründe, und es sei unmöglich, in jedem einzelnen Fall die Tür zu öffnen. „Wir haben an dem Freitag, als uns Frau Trostmann ansprach, die Situation  angeschaut und beschlossen, am Montag zu handeln, sofern sich bis dahin nichts ändert. Durch den Polizeieinsatz hatte sich das dann überholt“, sagt Diehn. Unverständlich sei ihm, warum die Nachbarn oder der Pflegedienst trotz aller Sorgen nicht selbst früher die Polizei informiert haben.

„Das Ereignis ist dramatisch, aber kein Einzelfall, auch nicht in unseren Wohnungen. Es ist sicher Aufgabe des Vermieters, sich um seine Mieter zu kümmern. Aber wir können es nicht kompensieren, wenn der Sozialstaat, die Familien und die Gesellschaft versagen, Menschen vereinsamen und allein sterben. Die WGW als Schuldigen hinzustellen, der zu spät regagiert hat, finde ich nicht in Ordnung“, so Diehn.

Anneliese Trostmann  muss jetzt das Erlebte verarbeiten. „Es hat sie wirklich sehr mitgenommen. Sie nimmt sich das sehr zu Herzen und muss  erstmal wieder zur Ruhe kommen“, sagt Pflegedienstleiterin Liane Zucht.

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