Tödliche Windräder

Windkraftanlagen sind immer öfter Ziel von Dieben. Sie haben es auf Kupferkabel und Edelstahl abgesehen. Das Herumhantieren an den Kabeln kann lebensgefährlich sein. dpa
Windkraftanlagen sind immer öfter Ziel von Dieben. Sie haben es auf Kupferkabel und Edelstahl abgesehen. Das Herumhantieren an den Kabeln kann lebensgefährlich sein. dpa

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18. Oktober 2011, 06:37 Uhr

Potsdam | Mittlerweile sind sie in Brandenburgs Landschaft allgegenwärtig: An den mehr als 3000 Windkraftanlagen drehen sich die Rotorblätter und liefern Strom. Gleichzeitig sind die zum Teil über 100 Meter hohen Kolosse mit kompliziertem technischen Innenleben für Kriminelle ein Eldorado an wertvollen Rohstoffen.

Angesichts ständig steigender Preise auf den Weltmärkten schauen Diebe nicht mehr nur nach Bronzeplastiken oder Kupferdächern, sondern immer begehrlicher auch auf die riesigen Windräder. In diesem Jahr wurden nach Angaben des Brandenburger Polizeipräsidiums bereits 30 Diebstähle an diesen Anlagen gemeldet. 2009 und 2010 waren es jeweils nur 16 beziehungsweise 17 Straftaten.

Besonders beliebt sind Kupferkabel, Baugruppen aus Edelstahl wie Einstiegstreppen und Handläufe. Aber auch technische Ausrüstungen wie Hebebühnen und Abseiltechnik sind im Visier von Dieben. Selbst Feuerlöscher, Arbeitsschutzbekleidung, Werkzeuge und Sanitätskästen werden nicht verschmäht.

Die Täter verfügten durchaus über ein gewisses Maß an technischem Wissen, sagt der Sprecher des Landeskriminalamtes, Toralf Reinhardt. Sie betätigen Notschalter und überwinden Einbruchssperren, nehmen dabei aber die Zerstörung der Zugangssicherungen in Kauf - und spielen mit ihrem Leben. Bei unsachgemäßer Durchtrennung der Kabel drohen Stromschläge bis zu 20 000 Volt.

"Die Täter nehmen erhebliche gesundheitliche Risiken in Kauf", sagt Reinhardt. An den Tatorten seien Brandspuren entdeckt worden, die auf die Bildung von Lichtbögen an stromführenden Leitern hindeuteten. Das heißt, die Spannung hat sich entladen und kommt zum gefährlichen Funkenflug. Das kann nicht nur Personen treffen, die das Kabel anfassen. Bis zu einem Meter drumherum besteht dann Lebensgefahr. Aber: "Tote waren glücklicherweise noch nicht zu beklagen", sagt Reinhardt.

Die Taten werden oft erst bemerkt, wenn die elektronischen Sicherungssysteme anschlagen. Bei Unterbrechung der Stromerzeugung geht eine Havarie-Meldung beim Betreiber der Windkraftanlagen ein.

Von dort werden private Sicherheitsdienste informiert, die dann vor Ort den Sachverhalt prüfen. Jörn-Jakob Bauditz vom Regionalverband Berlin-Brandenburg des Bundesverbandes WindEnergie erklärt: "Wir versuchen Anlagen zu sichern." Doch meist stehen sie in großer Entfernung von Ortschaften und in dünn besiedelten Gebieten. Die Zufahrten sind zudem oft auch noch gut ausgebaut, so dass Kriminelle schnell flüchten können.

"Die Täter kommen nachts", sagt Bauditz. Ungestört könnten sie dann Türen aufbrechen, nutzen dazu sogar starke Seile und die Zugkraft von Lastwagen. "Es wird mit roher Gewalt gearbeitet." Dann greifen sie ungeniert zu: Besonders begehrt sind die armdicken Kupferkabel, die vom Boden bis in den Rotorbereich in mehr als 100 Meter Höhe verlegt sind. Bauditz: "Solch ein Kabel bringt mehr als 100 Kilogramm auf die Waage." Er wundere sich, dass die Diebe ihre Ware in Deutschland los werden. "Jeder Händler müsste erkennen, woher das Kabel stammt."

Die Brandenburger Polizei beziffert die Summe für dieses Jahr bisher auf mehr als 410 000 Euro. Neben dem Materialverlust sind darin auch Sachschäden enthalten. Eine Windkraftanlage kann nach Angaben von Bauditz drei bis fünf Millionen Euro kosten. Bei Reparaturen stehe sie still und speise keinen Strom ins Netz. Diese Ertragseinbußen muss der Betreiber zusätzlich zu den Diebstählen verkraften.

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