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Platz für Trauerrituale : Todesfall: Wie viel Zeit bleibt für den Abschied?

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine Begebenheit im Pritzwalker KMG Klinikum war für unsere Zeitung der Anlass nachzufragen

von
erstellt am 20.Mai.2015 | 07:45 Uhr

Zeit zum Abschiednehmen – hat man sie, wenn ein naher Angehöriger verstirbt, man selbst aber gar nicht nah dran, sondern z. B. aus beruflichen Gründen weit entfernt ist? Ein Sohn, der sich unlängst von seiner verstorbenen Mutter im Krankenhaus in Pritzwalk verabschieden wollte, hatte diese Zeit nicht. Zumindest nicht im Klinikum. Als er von außerhalb zum Krankenhaus angereist war, hatte man die sterblichen Überreste seiner Mutter bereits einem Bestattungsunternehmen anvertraut. „Der Prignitzer“ hakte nach – und fand heraus, dass das in diesem Fall nichts Ungewöhnliches ist. Sowohl die Ärztliche Direktorin des KMG Klinikums, Dr. Anne-Grit Bialojan, als auch Franz Christian Meier, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der KMG Kliniken plc in Bad Wilsnack, bestätigen, dass ein Leichnam zwei Stunden nach dem Feststellen sicherer Todeszeichen von einem Bestattungsunternehmen abgeholt werde. Dort bestehe dann allerdings, je nach Wunsch der Hinterbliebenen, die Möglichkeit der Aufbahrung und des persönlichen Abschiednehmens.

Über einen eigens für diese Zwecke eingerichteten Raum mit angeschlossener Kühlmöglichkeit verfügt das Pritzwalker Klinikum derzeit nicht. Anders, als zum Beispiel das Kreiskrankenhaus in Perleberg. Auch dort ist diese Art des Rituals in einem annehmbaren Ambiente allerdings noch relativ jung – der Raum der Stille wurde vor knapp zwei Jahren neu hergerichtet, das Angebot werde gut angenommen, wie Pfarrer und Krankenhausseelsorger Olaf Glomke in einem Gespräch mit unserer Redaktion bestätigt.

Würdevoll sterben, das sei ihr insbesondere als Palliativmedizinerin eine Herzensangelegenheit, wie Dr. Anne-Grit Bialojan, zugleich Chefärztin der Klinik für Geriatrie, bestätigt. Gute räumliche Möglichkeiten im eigenen Haus würde sie sehr begrüßen. Momentan, so Franz Christian Meier, werde hier bei Bedarf ein Einzelzimmer hergerichtet, in dem die Angehörigen ihrem Verstorbenen ein letztes Mal nahe sein können, so sie das möchten. Aber eben nur innerhalb der schon erwähnten rund zweistündigen Frist. Der Gesundheitskonzern ist unterdessen an dem Thema dran, bietet bereits in den Akutkliniken Kyritz und Wittstock räumliche und auch seelsorgerische Offerten, letztere in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche an. In Kyritz gibt es mit Krankenhausseelsorgerin Aljona Hofmann eine feste Ansprechpartnerin. Für Pritzwalk befände sich dies im Aufbau, wie Meier verdeutlicht.

Generell – so sehen es alle Befragten – sei das teilweise Fehlen dieser Möglichkeiten ein historisch gewachsenes Problem. „Geboren und gestorben wurde früher zu Hause – heute jedoch vielfach im Krankenhaus“, so Dr. Bialojan. Und: „Das Sterben ist in Deutschland institutionalisiert“, formulierte es vor einiger Zeit Olaf Glomke. Kirchliche Angebote der Sterbebegleitung und Seelsorge seien zudem speziell in den ostdeutschen Bundesländern nicht so verankert wie anderenorts, ergänzt Franz Christian Meier. Die daraus erwachsenden Diskrepanzen werden nun allerdings Schritt für Schritt mit Nachbesserungen beseitigt, wie die Beispiele in der Prignitz zeigen.

Was jedoch das offene Abschiednehmen – also die offenen Aufbahrungen Verstorbener, egal an welchem Ort, angeht – so ist diese Zahl seit Jahren rückläufig, bewegt sich in Deutschland zwischen fünf und zehn Prozent bezogen auf die Todesfälle, ermittelte die Online-Suchmaschine für Sozialfragen „Betanet“.

 

 

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