Tauchturm Wittenberge : Tauchmaske statt Panzer

Neue Wirkungsstätte: Im Tauchturm auf dem Ölmühlgelände in Wittenberge unterrichtet Michael Schmitt auch Schüler aus Hamburg oder Berlin.
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Neue Wirkungsstätte: Im Tauchturm auf dem Ölmühlgelände in Wittenberge unterrichtet Michael Schmitt auch Schüler aus Hamburg oder Berlin.

Ein Leben unter und mit dem Wasser

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14. Januar 2018, 05:00 Uhr

Eigentlich war der Lebensweg von Michael Schmitt vorbestimmt. Der Vater des gebürtigen Dinslakeners (Nordrhein-Westfalen) war Betriebsleiter des Strandbades in Meersburg am Bodensee, wo Michael Schmitt ab dem Alter von sieben Jahren aufwuchs. „Ich habe in dem Bad und dem See den Großteil meiner Freizeit verbracht. Ich war immer schon eine Wasserratte und konnte schwimmen, bevor ich laufen konnte“, erzählt der 58-Jährige.

Dass er mit dem Tauchen mal seine Brötchen verdienen würde, es anderen beibringen und in der Industrie unter Wasser arbeiten würde, hätte er damals wohl trotzdem nicht vermutet. Heute kann Michael Schmitt auf mehr als 20 000 Tauchgänge zurückblicken. Der Vater war als Schwimmlehrer hauptsächlich „Schuld“ daran, dass sein Sohn sich für das Medium Wasser und das Tauchen interessierte. Mit zwölf begann Schmitt mit der Ausbildung zum Sporttaucher im Bodensee. „Diese fremde Welt hat mich fasziniert.“ Schmitt machte eine Lehre zum Schwimmmeistergehilfen, doch nach dem Abschluss hatte er anderes im Sinn. „Ich wollte eigentlich als Zeitsoldat zur Bundeswehr und Panzerfahrer werden – des Geldes wegen“, wie er zugibt. Bei der Armee wurde Schmitt dann auf die Pioniertaucher aufmerksam und kam ins Grübeln. Panzer oder doch lieber Tauchermaske? Denn so könnte er sein Hobby mit dem Beruf verbinden. „Das hat mich natürlich interessiert und somit entschied ich mich für die Pioniertaucher beim Heer.“ Sein Eignungstest bei der Freiwilligen Annahmestelle 1977 in Minden verlief sehr gut, Schmitt wurde mit 1 eingestuft und konnte somit die Ausbildung in München und am Starnberger See in der Heeresschule beginnen. „Beim Bund musste ich unter anderem einen alten Kupferhelm tragen. Die Ausrüstung wog insgesamt 140 Kilo.“ Vier Jahre hielt es ihn bei der Bundeswehr, danach absolvierte er eine Ausbildung zum Taucherfacharbeiter in Kiel, die Prüfung legte er bei der Industrie- und Handelskammer ab. Michael Schmitt arbeitete bei der Taucher Bodensee GmbH als Taucher und 1983 bestand er seine Tauchlehrerprüfung. „Ich habe im Lauf der Zeit meine ganze Familie angesteckt. Meine Schwester und ihr Mann sind beide Tauchlehrer, mein Neffe und meine beiden Ex-Frauen ebenso.“

Anfang der 1980er Jahre zog es Schmitt zur Bautaucherei. „Ich arbeitete durchschnittlich in zehn bis 20 Metern Tiefe. Beim Bau von Talsperren, Hafenanlagen oder Kanälen war ich dabei, habe auch unter Wasser Spundwände geschnitten“, erzählt Michael Schmitt. Hauptsächlich wurde er in Deutschland eingesetzt. Schmitt kam viel rum, Nord- und Ostsee, Donau, Rhein, Main. „Ich war viel auf Achse. Deswegen ging die erste Ehe auch schnell kaputt“, resümiert er rückblickend. Einmal arbeitete er im Möhnesee (Sauerland) über längere Zeiträume etwa 30 Meter tief. So kam er zum Sättigungstauchen. „Beim Atmen nehmen wir Stickstoff auf, der Körper wird während eines Tauchgangs immer mehr damit gesättigt. Das Wichtigste ist, im Kopf klarzubleiben. Mit einer Stickstoffnarkose ist ab einer Tiefe von etwa 30 Metern zu rechnen. Sie ist vergleichbar mit einem Alkoholrausch.“ Für größere Tiefen sei ein sogenannter Trimix aus Sauerstoff, Helium und Stickstoff zum Atmen nötig.

Wenn Michael Schmitt in großen Tiefen arbeitete, konnte er nicht einfach auftauchen, sondern musste durch Pausen in bestimmten Tiefen seinen Körper entsättigen. Das nahm viel Zeit in Anspruch. „Ich bin dann aus dem Wasser raus in eine Arbeitskammer, von dort aufs Schiff, wo eine Druckkammer auf mich wartete, in der ich dann auch wohnte. Ich fühlte mich wie ein Astronaut – von einem Modul ins nächste.“

Dann lernte Michael Schmitt eine Frau kennen, ging mit ihr 1989 als Tauchlehrer auf die Malediven, nach zwei Jahren nach Sri Lanka, dann für weitere zwei Jahre zurück nach Deutschland. Es folgten weitere Stationen in Kroatien, Spanien und Ägypten. „Ich war immer als Tauchlehrer und Basenleiter angestellt. So kam er zu Rudi Kneip, dem Erfinder der Unterwasser-Safari im Roten Meer. „Ihn lernte ich durch Kontakte kennen.“ Das Gewässer zwischen Ägypten und Saudi-Arabien ist für Michael Schmitt die schönste Tauchregion. „Ich war auch in Thailand, auf den Philippinen und in Süd-Sulawesi. Aber das Rote Meer ist unbeschreiblich. Man hat 40 bis 50 Meter Sicht und es gibt so viele große aber auch kleine Lebewesen zu entdecken. Außerdem bin ich dort mal für 20 Minuten mit zwei Delfinen getaucht“, schwärmt Schmitt. Über seinen Freund Rudi Kneip lernte Michael Schmitt die Filmemacherin Leni Riefenstahl kennen. „Mit ihr bin ich an dem berühmten britischen Frachtschiffswrack, der ,Thistlegorm’, im Roten Meer getaucht. Ich habe dort auch einem ZDF-Fernsehteam bei den Dreharbeiten geholfen“, erinnert sich Schmitt.

In Ägypten lernte er jemanden kennen, der beim Kampfmittelräumdienst in Deutschland arbeitete. „Wir kamen ins Gespräch. Und dann entschloss ich mich, mich zu bewerben und wurde auch genommen.“ Schmitt suchte auf Basis alter Luftaufnahmen in Gewässern nach Blindgängern. „Ich musste Bomben unter Wasser freilegen und wegen der schlechten Sicht erfühlen, wie groß sie sind und wo der Zünder ist. So eine Bombe fühlt sich wie grobes Sandpapier an. Ein Blindgänger wurde meist unter Wasser gesprengt.“ Acht Jahre hat Michael Schmitt diese gefährliche Arbeit gemacht. Parallel dazu hatte er immer auch eine eigene Tauchschule am Bodensee, die heute seine Schwester betreibt. Etwa 3000 Tauchschüler sind im Lauf der Jahre durch Schmitts Hände gegangen. Noch heute prüft er Tauchlehrer und bildet sie aus. Außerdem ist Schmitt seit neun Monaten im Tauchturm auf dem Ölmühlgelände tätig und kümmert sich in dieser Funktion auch um die beiden Tauch-Neulinge von der Lebenshilfe Prignitz, denen unter ärztlicher Betreuung ein Freizeitangebot gemacht wird. Wie schon so oft half auch hier der Zufall wieder, dass Schmitt die Stelle im Tauchturm bekam. „Ich war gerade aus Malta zurück in Deutschland und telefonierte mit einem Kollegen. Der fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, einen Indoor-Tauchturm zu leiten. Ich kannte dieses Angebot und auch die Stadt Wittenberge bis dahin nicht. Als ich dann erstmals hier war, bin ich hinten über gefallen. Das ist wirklich etwas Besonderes und eine Wahnsinns-Herausforderung. In seiner Art und Weise ist der Tauchturm einzigartig“, schwärmt Michael Schmitt. Er wohnt in Wittenberge, direkt an der Elbe und hat das Wasser jeden Tag um sich. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und würde nichts anderes wollen.“

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