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Der Prignitzer

22. Oktober 2017 | 23:14 Uhr

Tagelanges Schlemmen

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erstellt am 14.Dez.2012 | 05:34 Uhr

Uenze | Der Tisch ist voll mit Leckereien. Ja, er muss sich fast biegen unter der kulinarischen Last. Sechs, sieben Salate, Hauptspeisen, Gebäck, diverse Kuchen und all das über mehrere Tage hinweg. "So wie man das neue Jahr begrüßt, so wird es sein", erzählt Lusine Stepanjan von einer uralten armenischen Tradition. Zwischen der Silvesternacht und der armenischen Weihnacht am 5. und 6. Januar bleibt dieser Tisch gedeckt, wird immer wieder nachgefüllt. Es ist eine der wenigen Traditionen ihrer Heimat, die sie mit ihrer Familie in der Prignitz pflegt.

Manch ein anderer Brauch könne hier nicht gelebt werden. Zum Beispiel der von der stets offenen Haustür. "Beginnend zu Silvester bleiben die Türen unverschlossen. Man besucht sich gegenseitig, auch in der Nacht und bringt kleine Geschenke mit, die man auf den Gabentisch legt. Die Deutschen würden es sicher nicht verstehen, wenn wir plötzlich zur Tür hereinkommen würden", sagt Lusine Stepanjan und schmunzelt bei dieser Vorstellung.

1993 kam sie zusammen mit ihren Eltern aus dem Land zwischen Kaspischen und Schwarzen Meer nach Deutschland. "Es war Advent, und alle Häuser waren geschmückt, überall die hellen Lichter. Wow, ist das schön", dachte das damals zwölfjährige Mädchen. Die Adventszeit war etwas völlig Neues für sie. In Armenien beginnen die Feierlichkeiten erst am 31. Dezember. Es gibt keinen Adventskranz, keine Lichtlein, und die Kinder haben auch keinen Adventskalender."

Sucht man nach Gemeinsamkeiten zwischen ihrer alten und neuen Heimat muss man beim Tannenbaum beginnen. Den gibt es in all seiner Pracht hier wie dort. "Meist baute meine Mutti ihn mit mir am 27. oder 28. Dezember auf." Das sei für sie als Kind immer ein Höhepunkt gewesen und ist es bis heute geblieben. Wenn er stand, haben sie sich an den Händen gehalten und gemeinsam ein traditionelles armenisches Lied gesungen. "Das habe ich auch mit meinen eigenen Kindern Carolin und Chosrow gemacht." Aber jetzt seien sie größer und haben nicht mehr recht Lust darauf. "Dann singe ich leise für mich allein."

Mit dem Umzug nach Deutschland und der Gründung ihrer eigenen Familie in dem kleinen Prignitzdorf Uenze vermischten sich die Bräuche. "Unsere Kinder hätten es nicht verstanden, wenn sie bis zum 5. Januar auf ihre Geschenke hätten warten müssen." Auch sie und ihr Ehemann, der ebenfalls aus Armenien stammt, beschenken sich Heiligabend.

Der Weihnachtsmann ist Lusine Stepanjan vertraut, denn den gibt es auch in Armenien. Allerdings kommt er dort genau wie in Russland mit einer Gehilfin: Snegurotschka - das Schneemädchen oder Schneeflöckchen. "Snegurotschka ist immer so schön angezogen. Eigentlich schade, dass es sie hier nicht gibt." Dieses Weihnachtsduo ist zwar eine Gemeinsamkeit mit Russland, aber sonst seien es völlig unterschiedliche Länder und zwei verschiedene Sprachen, erklärt die junge Frau. "Russisch war für uns in der Schule die erste Fremdsprache."

Hat der Weihnachtsmann die Geschenke unter dem Baum abgelegt, begann das große Papierrascheln und Auspacken. Das Warten hatte ein Ende. In beiden Ländern ist es ein Fest der Familie. Alle kommen zusammen, genießen die gemeinsame Zeit. Kirchlich betrachtet wird auch in Armenien die Geburt Jesu gefeiert. "An Weihnachten gehen wir auf die Friedhöfe, legen Blumen nieder und gedenken der Toten und Jesu."

Auf der Festtagstafel stehen deftige Speisen. Es darf geschlemmt werden. In Uenze wird bei Stepanjans traditionell deutsche Kost serviert. Doch auch hierbei geht es nicht ganz ohne eine Erinnerung an die Heimat. "Gata - ein Gebäck aus Blätterteig mit einer Honig-Walnuss-Füllung darf nicht fehlen", verrät die charmante Armenierin.

Ihre Kinder kennen mittlerweile die Heimat ihrer Eltern. Bereits drei Mal besuchten sie die Großeltern, die zwischenzeitlich wieder zurückgekehrt waren. "Aber zu Weihnachten waren wir noch nicht wieder in Armenien. Meist ist es dort viel zu kalt und der Schnee liegt kniehoch."

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