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Der Prignitzer

23. November 2017 | 04:54 Uhr

Streit um Kilians künftige Schule

vom

svz.de von
erstellt am 04.Apr.2013 | 06:44 Uhr

Neustadt-Glewe | Der fast siebenjährige Kilian Reibstirn aus Neustadt-Glewe ist ein kleiner Kämpfer. Schon mehrfach hat SVZ über den Jungen berichtet, der an dem sehr seltenen Femoral-Facial-Syndrom leidet. Kilian würde nie laufen können, hatten die Ärzte gesagt und auf die fast komplett fehlenden Oberschenkel, einen deformierten Fuß und ebensolche Hüftgelenke verwiesen.

Der Kleine hat es ihnen gezeigt. Dank in Neumünster bei der Firma Kowsky angefertigter Orthesen kann er in der Wohnung ganz gut laufen. Die Eltern Michaela und Michael Reibstirn sind von Einem zum Anderen gelaufen, um ihrem Sohn, dem mittleren von drei Kindern, so viele gleichberechtigte Chancen wie möglich zu eröffnen. Ein Hindernisweg durch den deutschen Bürokratie-Dschungel.

Kilian wird nun im August eingeschult - die Evangelische Schule Hagenow soll es sein. "Diese Schule war von Anfang an bereit, Kilian ohne Wenn und Aber dort aufzunehmen! Was uns sehr gefreut hat. Also stellten wir einen Antrag auf Beförderung für unseren Sohn", erzählt Michaela Reibstirn.

Da kam es zu Hindernissen. Nun prüft der Landkreis andere Schulen, ob sie Kilians Unterricht gewährleisten können. Es geht um Geld. Wenn der Landkreis eine Schule findet, die dichter liegt und die Kilian nehmen würde, würde der Landkreis die Schülerbeförderung nur bis zu dieser Schule zahlen. So steht es im Schulgesetz. Aber da gibt es ja noch das von der Politik arg strapazierte Wort Inklusion.

UN-Behindertenrechte noch nicht umgesetzt

Müssten nicht bei Kindern wie Kilian andere Richtlinien als die bei nicht gehandicapten Kindern angewendet werden? Schließlich setzt die Einschulung eines behinderten Kindes in eine normale Schule ein hohes Maß an gegenseitiger Akzeptanz voraus, um eine erfolgreiche Eingliederung zu gewährleisten. Das wollte SVZ von der Kreisverwaltung wissen.

Dort stimmt man im Grundsatz zu. Mit Verweis auf den §113 Abs. 4 des Schulgesetzes könne der Landkreis aber nicht nach Sympathie oder Medieninteresse verfahren. In diesem Fall eines Schülers mit Behinderung habe er die Beförderungspflicht zur nächstgelegenen Schule.

Um ein Problem dabei kommt die Verwaltung allerdings nicht umhin: Bisher haben nur wenige Schulen die baulichen und personellen Voraussetzungen, Inklusion umzusetzen. Die Verwaltung sei verpflichtet, innerhalb des rechtlichen Rahmens und kostenbewusst zu handeln. Laut Auskunft des Landkreises ist im Falle Kilians noch zu klären, welche Schule als nächstgelegene zu betrachten ist. Die Verwaltung will sich nicht den Schwarzen Peter zuschieben lassen, allein durch die Schülerbeförderung ein Konzept für wohnortnahe inklusive Beschulung zu ersetzen. Bildungsministerium sowie das Staatliche Schulamt Schwerin seien gefordert. Insofern sei Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention eine noch nicht erledigte Aufgabe.

Den Eltern Michaela und Michael Reibstirn hilft diese Feststellung nicht. "Warum werden uns Eltern die es sowieso schon nicht einfach haben, ständig Steine in den Weg geworfen, nur weil man das Beste für sein Kind will?", fragt Michael Reibstirn. "Wie sollen wir Kilian dann bei bringen, du durftest zwar in Hagenow letztes Jahr und auch dieses Jahr in deine zukünftige Klasse rein schnuppern und mitmachen, dir alles angucken, aber leider muss der Landkreis noch überlegen, ob er einen Fahrdienst stellt." Für die Reibstirns ist klar: Hier im Landkreis ist Integration Ge handicapter noch lange nicht angekommen.

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