Runddorf begeht Jubiläum : Streesow feiert 500. Geburtstag

Zur Feier des Tages hielt selbst die alte Kreisringbahn in Streesow. Einsteigen und auf ging es zu geschichtsträchtigen Orten in der Gemarkung.  Fotos: Doris Ritzka
Zur Feier des Tages hielt selbst die alte Kreisringbahn in Streesow. Einsteigen und auf ging es zu geschichtsträchtigen Orten in der Gemarkung. Fotos: Doris Ritzka

Für einen Tag zurück ins Mittelalter mit Handwerksburschen und Marktweibern sowie Pflaumenmus aus dem Kupferkessel

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20. September 2015, 21:00 Uhr

„Es sind nette, bodenständige Leute, die mit den Reckenzinern zusammenhalten, wie es auch umgekehrt der Fall ist“, so beschreibt Ortsvorsteher Axel Scheer die Streesower. Wenn es darum geht, anzupacken, dann könne er sich auf sie verlassen. Das zeigte sich einmal mehr, als es darum ging, den 500. Geburtstag des kleinen Runddorfes vorzubereiten. „Als Ortsbeirat haben wir Unterstützung gegeben, die eigentlichen Vorbereitungen samt Organisation haben die Streesower aber selbst in die Hand genommen“, betont Scheer.


Kompliment vom Prignitzer Uradel


Am Freitag war so fast das ganze Dorf auf den Beinen, half beim Aufbauen und Dekorieren. Sonnabend dann war es endlich so weit: Der 38 Seelen-Ort unweit der Bahnstrecke Berlin-Hamburg lud zur Geburtstagsfeier und die fiel, wie es sich zu so einem ehrwürdigen Jubiläum geziemt, standesgemäß aus. Letzteres kann man mit einem Augenzwinkern gar wörtlich nehmen, denn einer, der insbesondere den geschichtlichen Werdegang des Dorfes recherchierte, ist Hans-Hartwig von Platen – „Prignitzer Uradel“, wie er anfügt, darauf aber nicht sonderlich großen Wert legt.

Vor zwei Jahren zog es ihn aus dem Baden-Württembergischen in die Prignitz. „Ich fühle mich hier sehr wohl, die 40 Jahre Baden Württemberg vermisse ich nicht.“ Er sei jetzt hier zuhause und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich aktiv mit in die Jubiläumsvorbereitungen eingebracht hat.

„Zuvor wusste ich so gut wie gar nichts über das Dorf“, gesteht Hans-Hartwig von Platen. Etliche Bücher wälzte er, wandelte auf geschichtlichen Pfaden. Herausgekommen ist eine Art kleine Chronik. Und die beginnt mit der Ersterwähnung des Dorfes vor 500 Jahren.

Im Zusammenhang mit den Mühlen derer von Winterfeld aus Dallmin sei auch die Löcknitz-Wassermühle und damit erstmals der Ort Streesow erwähnt worden. Aus dem Runddorf entwickelte sich eine Gutssiedlung, die von 1549 bis 1771 als Rittersitz diente. Bis zum Jahre 1928 tauchen fortan verschiedene Besitzer in den Annalen des Dorfes auf, dann wurde die Herrschaftszugehörigkeit aufgelöst, alle Bauern wurden selbstständig.

Die Landwirtschaft prägt seit Jahrhunderten das Gesicht des Dorfes, „was anderes gab und gibt es hier auch nicht“, weiß von Platen. Abgesehen von besagter Wassermühle im Jahre 1515 und einer späteren Bockwindmühle. Mit der Bahnstrecke Berlin-Hamburg kam 1846 ein Hauch der großen weiten Welt in das eher verträumte kleine Dorf, „zumindest rauschte er an ihm vorbei“, ergänzt der Hobbychronist schmunzelnd, denn einen Bahnhof habe Streesow nie besessen.

38 Einwohner zählt das kleine Runddorf heute. 204 Einwohner waren es aber auch schon mal, weiß von Platen, im Jahre 1946 nach Flucht und Vertreibung. 1550 allerdings soll es ein öder Landstrich gewesen sein, wo nur ein Schäfer gelebt habe.


Mit Kreisringbahn auf Geschichtsexkurs


Geschichte für Momente noch einmal erleben, das offerierte der Umzug zum Jubiläum. Doch statt eines historischen Abrisses auf Rädern ging es mit Treckerlok und drei Anhängern der Prignitzer Kreisringbahn in die Gemarkung zu Orten, die die Geschichte des Dorfes schrieben, beispielsweise die alte Wassermühle. Wo sie genau einst stand, das vermag allerdings niemand mehr mit Sicherheit zu sagen, denn auch die Löcknitz hat in den Jahrhunderten ihr Bett verändert. Behauene Steine, die ein Landwirt einst fand, deuten darauf hin, dass sie weiter entfernt vom jetzigen Verlauf des Flusses gestanden haben muss, erzählt Hans-Hartwig von Platen.

Sei es wie es sei, ein Zug hielt auch am Samstag das erste Mal in Streesow und die Fahrgäste – eine illustere Schar in mittelalterlichen Roben. Ja, extra schick hatten sich etliche Streesower gemacht und ein echter Hingucker war auch ihr kleiner mittelalterlicher Markt mit waschechten Handwerksburschen und Marktweibern. Und zum Gaudi aller wurden Wikingerschach gespielt, mit Baumstämmen geworfen und Nägel in Stämmen versenkt, allerdings mit der Spitze von Hammer und Axt, ganz wie anno dazumal.

Mit viel Liebe und tollen Ideen hatten die Streesower ihr Jubiläum vorbereitet. Die Gaststätte Gerlach aus Pröttlin hatte Gulasch gekocht, so dass der eigene Herd getrost kalt bleiben konnte. Für den Nachwuchs hatte Gabriele Philippeit Nudeln mit Tomatensoße im Angebot. Ein besonderer Gaumenkitzel köchelte in einem kupfernen Tiegel auf dem Dorfplatz – Pflaumenmus. „Denn haben wir gestern angesetzt. Heute wird er noch mal aufgekocht. Dann gibt es für alle einen kleinen ,Wintervorrat’ mit auf den Weg“, so Sigrid Schondorf.  

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