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Der Prignitzer

24. November 2017 | 03:05 Uhr

Sternenbilder zieren den Autohimmel

vom

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2013 | 06:22 Uhr

Perleberg | Könnten Sie sich vorstellen, für rund 24 000 Euro einen Neuwagen zu kaufen, nur um dann noch einmal diese Summe in Umbauten zu investieren? Für echte Tuningfans wie auf dem Seat-Treffen am Sonnabend in Perleberg stellt sich diese Frage nicht. "Tuning hat nie ein Ende. Das ist eine Sucht", sagt Jasmin Scheffelt.

Fast zärtlich streichelt sie ihren Seat Ibiza GP 01. Mit seinem Lack in Pink gehört er zu den auffälligsten Autos auf dem Platz. Natürlich habe sie ihn nicht in dieser Farbe erworben, sondern umlackiert. Dass es Pink wurde, sei eher Zufall gewesen. Mittlerweile hat Jasmin Warnwesten und Werkzeugkasten ebenfalls in Pink.

Dass auf den Westen "Tussi on Tour" steht, empfindet sie nicht als störend. Was Autos betrifft, habe sie garantiert eine Macke, aber ansonsten stehe sie mit beiden Beinen im Leben, meint die junge Frau, die zum Treffen auch ihre zwei Hunde Hannibal und Mercedes mitgebracht hat.

183 000 Kilometer ist sie bis jetzt mit dem Auto gefahren. In Kürze stehe eine Generalüberholung an. Teuer, sehr teuer werde das. Vielleicht stattdessen doch ein neues, moderneres Auto kaufen? Jasmin winkt ab: "Hier stecken so viel Geld, so viele Emotionen drin. So lange ich den TÜV bekomme, fahre ich ihn. Danach kommt er in meinen Garten."

Nun könnte der Tuning-Skeptiker und Otto Normalverbraucher die Macke jungen Menschen zuschreiben. Menschen, die noch ihren Lebensweg suchen, sich ausprobieren und vor allem auffallen wollen. Karin Drenkhahn schmunzelt: "Ich bin 54 Jahre alt, zweifache Oma und habe erst vor knapp fünf Jahren mit diesem Hobby begonnen."

Sie steht neben ihrem gelben Seat Leon FR 1P. Sanft gleiten die Flügeltüren in die Höhe. "Praktisch, nicht wahr? Damit habe ich in keiner Parklücke Schwierigkeiten", sagt die Berlinerin. Ärgerlicher sei es da schon, mit dem tiefer gelegten Auto in verkehrsberuhigten Zonen oder zu einer bekannten Fastfoodkette zu fahren. Die Huckel seien nervig, doch auch dafür gibt es technische Lösungen: "Hydraulisch kann ich das Auto um bis zu vier Zentimeter anheben. Das macht es dann einfacher."

Auffallend an ihrem Auto sind die Löwen. Gleich sechs von ihnen rekeln sich als Plüschexemplare in unterschiedlichen Größen auf und im Wagen. Sie mag Löwen und öffnet die Motorhaube. Dort brüllt der Löwe: Der Motorblock zeigt den König der Tiere in der Savanne. "Ich selbst besitze ein Löwenkostüm und damit werde ich hier auf dem Treffen noch eine Show machen", sagt Karin.

Beim Europatreffen im vergangenen Jahr habe ihr die Show in Kombination mit dem Auto den Pokal "Best of Show" eingebracht. Eine höhere Auszeichnung kenne die Szene nicht. Die Unterbodenbeleuchtung und die sich dem Diskorhythmus anpassenden Dioden haben daran auch ihren Anteil.

Hier in Perleberg geht es beschaulicher zu. An diesem Tag geradezu familiär. Rund 150 Seat-Fahrer hatten sich angemeldet, doch nur etwa 50 sind tatsächlich angereist. "Es macht einfach Spaß hier. Ich bin schon zu den ersten Treffen nach Bendelin gefahren", erzählt Karin Drenkhahn. "Hier wird gefachsimpelt, man bekommt Tipps und ich schaue mich neugierig um, was die jungen Leute so für neue Ideen haben", gesteht die Erzieherin.

Veranstalter Christopher Teschner von der Interessengruppe Seatszene Prignitz ist aber nicht glücklich über das Fernbleiben der Seatfahrer. "Für uns ist das ein Super-Gau", sagt er. Vor allem finanziell. Die rund 15 Prignitzer Seatfans haben ihr 5. Treffen finanziell kalkuliert und fest mit den Einnahmen gerechnet, die nun nicht kommen. "Aber es gibt einen echten Zusammenhalt in der Szene. Unsere Gäste haben noch etwas auf den regulären Eintritt draufgelegt", bedankt sich Christopher Teschner.

Deutschlandweit gebe es aktuell nur zwei reine Seat-Treffen. Alle anderen seien mit der VW-Szene verschmolzen. Deshalb wollen die Prignitzer ihre Veranstaltung gerne beibehalten. Das Gelände in Perleberg sei dafür bestens geeignet. Und das Lob der Teilnehmer mache Mut. "Die Stimmung hier ist einfach gut. Es stehen gar nicht so sehr die Autos im Vordergrund", meint Steve Ossowski, Zusammen mit Sven Prell hat er eine Bar aufgebaut - Karibikflair am Perleberger Stadtrand. Der Pool davor verspricht an diesem heißen Tag eine willkommene Abkühlung - man muss sich nur hinein trauen.

Musikalisch untermalen könnte Maik Baldauf das Treffen. Dazu braucht er nichts weiter als sein Auto - Baujahr 1994.

Der rote Seat ist ein Kinosaal auf vier Rädern. Ob Dolby Surround, feinste Abstimmung zwischen den einzelnen Frequenzen oder ein ausgesprochen gutes Fernsehbild - all das hat der 30-Jährige in seinem Auto drin.

Zwei DIN A 4-Blätter sind dicht beschrieben und fassen alle seine Umbauten zusammen. Es ist leichter zu fragen was er nicht verändert hat. Wer die Frage anders herum stellt, muss Geduld mitbringen und sollte von der Materie Ahnung haben. Anderenfalls hilft eine dicke Fotomappe, in der alles dokumentiert ist.

Vom TÜV zugelassen, von der Polizei immer wieder gerne überprüft. Maik ist stolz auf sein Auto, das er vom Opa bekam und nicht wieder hergeben möchte. Sogar romantisch ist es in seinem Wagen. Den Himmel zieren scheinbar wahllos angeordnete Leuchtdioden - die Sternenbilder von ihm und seiner Freundin.

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