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Zukunft der Prignitz : Sterben der Dörfer hat begonnen

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Professor Simons spricht über Ergebnisse seiner Prignitz-Studie und sagt eine düstere Zukunft voraus.

von
erstellt am 17.Jan.2017 | 04:45 Uhr

Er warnt vor einem privaten Hausbau in der Prignitz und sieht die öffentliche Wasserversorgung im ländlichen Raum gefährdet. Professor Doktor Harald Simons vom Forschungs- und Beratungsinstitut empirica ag formuliert seine Ergebnisse schonungslos. Im Gespräch mit Redakteur Hanno Taufenbach erklärt er die Ergebnisse seiner Prignitzer Studie und spricht von sterbenden Dörfern.

Professor Simons, ist Ihre private Wasserversorgung gesichert?

Harald Simons: Selbstverständlich, ich wohne in der Schwarmstadt Berlin. Übertragen könnte ich sagen, dass meine neuen Nachbarn ehemalige Prignitzer sind.

Wie zugespitzt sollen wir Ihre Formulierung der wegbrechenden Wasserversorgung verstehen?

Das ist ein sehr deutliches Beispiel. Mit öffentlichem Geld können sie zwar leere Busse über Dörfer fahren lassen, aber bei der Wasserversorgung brauchen sie Menschen in Dörfern, die den Hahn aufdrehen. Ist nur noch jedes dritte Haus bewohnt, fließt zu wenig Wasser, es wird schlecht in der Leitung.

Erklären Sie uns bitte Ihre Begriffe Schwarmverhalten und -stadt.

Weder Arbeits- noch Studienplätze machen eine Schwarmstadt aus. Wir hatten in den 70er Jahren einen Geburtenknick und in den 90er Jahren die große Abwanderung. Die Dichte der jungen Menschen hat abgenommen, die verbliebenen rotten sich dort zusammen, wo ihre Altersgenossen sind. In Leipzig finden sie Tausende junge Leute und jeder findet Gleichgesinnte. Es gibt Cafés, Bars und Kneipen. Mit jedem Zuzug wird so eine Schwarmstadt noch attraktiver und der Herkunftsort noch unattraktiver.

Wollen wirklich alle in große Schwarmstädte? Reißt der Trend nicht wieder ab?

Es spricht eher alles dafür, dass sich dieser Trend verstärkt. Allerdings müssen nicht die immer gleichen Schwarmstädte dauerhaft solche Anziehungskraft ausüben. Berlin hat beispielsweise nachgelassen, und Schwerin ist eine neue Schwarmstadt, mit der ich selbst nicht gerechnet hatte.

Nach ihren Studien folgen hauptsächlich die 25- bis 35-Jährigen dem Schwarmverhalten. Aber lernt man danach nicht eher das Familienleben in der ländlichen Region schätzen?

Leider nicht. Zwar gibt es ab 30 Jahren einen positiven Wanderungssaldo, aber der gleicht den vorherigen nicht aus. Beispiel Prignitz bezogen auf die Jahre 2011 bis 2015. Bei den 15- bis 20-Jährigen sind von 1000 Jugendlichen pro Jahr 30 abgewandert, 50 waren es zwischen 20 und 25 Jahren und noch einmal 22 bis zu den 30-Jährigen.

Zurück kamen in den zwei Altersgruppen 30 bis 35 und 35 bis 40 aber nur jeweils zwei pro Jahr. In Ostprignitz-Ruppin waren es drei bis fünf.

Das ist doch vergleichbar?

Ja, aber von dort sind vorher weniger abgewandert. In Ostprignitz-Ruppin ist lange nicht alles gut, der Trend nicht wesentlich anders, aber es ist dort alles zumindest ein bisschen besser.

Also ist die Hoffnung auf die Rückkehr von jungen Familien eine falsche?

Im Vergleich zur Zahl der Abwanderung ja. Die jungen Leute haben einen Partner gefunden. Sollen sie in ihre oder in seine alte Heimat ziehen? Beides machen sie nicht. Sie ziehen in einen Vorort oder an den Stadtrand, bleiben aber dort, wo sie ihre Freunde und ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben.

Und Sie bleiben dabei, dass ein privater Hausbau in der Prignitz auf den Dörfern ein Fehler wäre?

Ja auf den Dörfern, aber Wittenberge, Perleberg oder Pritzwalk behalten natürlich eine Infrastruktur. Die Zusammenrottung erfolgt auf allen Ebenen, nicht nur in Großstädten. Schon jetzt wandern Leute aus den Dörfern in die nächst größere Stadt ab.

Und wie sieht die Zukunft vieler Dörfer aus?

Sie werden aussterben, nicht irgendwann, sondern der Prozess hat schon begonnen.

Und wohin sollen öffentlichen Investitionen fließen?

Stärken stärken, so wie es Brandenburg bereits macht. Das muss konsequent erfolgen. Es ist falsch, eine Dorfschule mit Millionen Euro zu sanieren, wenn es sie in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Wenn Anlieger einen neuen Gehweg über Beiträge mit finanzieren, würden sie diesen doch auch ablehnen, wenn jedes dritte Haus schon leer steht.

Also endet für Sie die Daseinsvorsorge des Staates an einem gewissen Punkt?

Ja, das muss sie.

Wie erklären Sie, dass aber Firmen in Größenordnungen hier investieren ?

Fachkräfte zu finden, bleibt ein Problem, aber sie können reinpendeln, müssen nicht zwingend vor Ort wohnen. Maschinen sind nach zehn Jahren abgeschrieben. Der Anlagehorizont von Unternehmen ist deutlich kürzer als bei einem privaten Hausbau.

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