„Besondere Orte in Wittenberge“ : Stein gewordene Geschichte

Die Burgstraße 37: Von außen noch etwas respektierlich, aber der Verfall lauert überall.  Fotos: Barbara Haak
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Die Burgstraße 37: Von außen noch etwas respektierlich, aber der Verfall lauert überall. Fotos: Barbara Haak

Der „Prignitzer“ stellt „Besondere Orte in Wittenberge“ vor: Diesmal die Burgstraße 37

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06. Januar 2018, 12:00 Uhr

Der „Prignitzer“ schließt seit Jahren ungenutzte Türen auf, steigt in Keller und luftige Höhen, dringt in Tresore vor. In den kommenden Wochen stellen wir Ihnen diese „Besonderen Orte in Wittenberge“ in einer Serie vor. Diesmal: Die Burgstraße 37.

Auf den ersten Blick macht das Haus mit der Nummer 37 in der Burgstraße noch einen recht respektierlichen Eindruck. Das mag auch an dem hellen Verputz an der Vorderfront mit den angedeuteten Säulen und dem Giebel liegen. Aber es ist wirklich nur der erste Eindruck. Aus den Fenstern hat schon lange niemand mehr geschaut. Wer genauer hinblickt, stößt überall auf Spuren des Verfalls.

Ist das Schicksal der Burgstraße 37 endgültig besiegelt?


Hoffnung für eines der ältesten Gebäude

Nein. Es gibt Hoffnung. Eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR), die sich „Altes Ackerbürgerhaus“ nennt, hat das Wohnhaus, das sich direkt gegenüber der Einmündung zur Putlitzstraße befindet, jetzt erwerben können. Der Prozess war etwas kompliziert, denn die Burgstraße 37 war dem Rechtsstatus nach herrenlos, so die GbR, deren Mitglieder dabei sind, die Zukunft für das Haus zu planen. Voraussetzung dafür sei, das sagen die neuen Eigentümer unumwunden, dass es mit dem Fördermodell, das sich auf drei in einander greifende Säulen stützt, klappt. Im Frühjahr, so hoffen sie, falle eine positive Entscheidung, denn davon hänge die Rettung des Gebäudes ab, das Denkmalschutz genießt.

Die Burgstraße 37 ist ein besonderes Haus, verkörpert in mehrfacher Hinsicht steingewordene Wittenberger Geschichte von Rang. „Es ist eines der ältesten Wittenberger Wohnhäuser“, sagen die neuen Eigentümer, auch wenn die verputzte Vorderfront das erst einmal nicht vermuten lässt. Der Verputz sei erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts angebracht worden. Das Gebäude sei gleich nach dem großen Brand von 1757 errichtet worden. Ein Feuer vernichtete damals große Teile der 770 Einwohner zählenden Stadt.

Die Burgstraße 37 ist ein Fachwerkbau. Die Eichenhölzer dafür wurden 1758 eingeschlagen. Die neuen Eigentümer haben ein dendrologisches Gutachten anfertigen lassen, das jenes Jahr ausweist. „Eiche wurde nicht gelagert, sondern grün verbaut. Es muss sich wirklich um einen Neubau gleich nach dem Brand gehandelt haben“, so die GbR.

Wie auch bei anderen Projekten, die die Investoren in der Wittenberger Altstadt bisher angingen bzw. gerade verwirklichen, haben sie sich gründlich mit geschichtlichen Hintergründen und Zusammenhängen rund um ihr Projekt befasst, in Archiven nach historischen Unterlagen geforscht, dabei auch das Grundbuch für die Burgstraße 37, die früher übrigens die Nummer 34 trug, in Potsdam einsehen können. Es sei nicht vollständig, sagen die Eigentümer, trotzdem sind sie auf interessante Namen gestoßen.


Carl-Ludwig Lambateur und Gustav Kreide

Im Jahr 1821 hat laut Grundbuch ein Carl-Ludwig Lambateur das Haus erworben. Lambateur ist bedeutsam für die Prignitz. Im „Amts-Blatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin vom 29. Februar 1828“ findet sich unter der Rubrik Personalchronik folgende Eintragung: „Der Kandidat der Feldmeßkunst Karl Ludwig Lambateur ist als Feldvermesser vereidigt worden.“ Es dürfte sich um jenen Lambateur gehandelt haben, der hier das Haus in der Burgstraße 37 besaß. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts reformierte sich der Preußische Staat in Verwaltung, Militär, Gesellschaft und Bildung. In Wittenberge trägt eine Straße die Namen der dabei hervorragenden Reformer Freiherr von Stein und Karl August von Hardenberg. In die Zeit dieser Reformen fallen im großen Stil Grenzfeststellungen und –kennzeichnungen. Von Lambateur heißt es, er sei derjenige gewesen, der damals die Prignitz vermaß.

Ein Zeitsprung von 110 Jahren rückt die Burgstraße 37 in einem anderen, sehr düsteren Kapitel deutscher Geschichte ins Schlaglicht.

Es ist das Jahr 1938. Die Judenverfolgung in Deutschland erreicht mit den Reichspogromen einen neuen Höhepunkt. Das Haus in der Burgstraße 37 gehört Gustav Kreide, geboren am 7. August 1858, der nach nationalsozialistischen Gesetzen als sogenannter Halbjude gilt. Der 80-Jährige sitzt an besagtem 10. November mit seinem Sohn Max und dessen Frau nachmittags gegen 17 Uhr in seiner Wohnung im Untergeschoss beim Nachmittagskaffee, „als ein Trupp von 12 bis 15 SA- und SS-Leuten … vom Steintor her um die Ecke bog“. „Da stürzt die Meute herein und riß als erstes die Tischdecke mit allem Geschirr herunter. Das alles war eine Sache von wenigen Sekunden. Jetzt wurden alle drei auf die Straße gejagt und die Einrichtung kurz und klein geschlagen. Eine Glasvitrine mit Geschirr wurde zerschlagen und umgestürzt. Sessel wurden mit Messern zerschnitten. Bilder an den Wänden zertrümmert, die Betten aufgeschlitzt und die Federn auf den Hof geschüttet. Nach 15 bis 20 Minuten war der Spuk vorbei. Die SA- und SS-Leute zogen ab, einer der Schläger trug unter dem Arm in einem Kasten eine größere Münzsammlung Gustav Kreides weg.“

Die Schilderung stammt von einer nichtjüdischen Mitbewohnerin aus der Burgstraße 37, die den Überfall miterlebte. Aufgezeichnet hat die Erinnerungen Armin Feldmann. Der Wittenberger Geschichtslehrer und Stadtgeschichtler hat sich – wie auch Günter Rodegast und jetzt Stadtarchivarin Susanne Flügge – mit dem jüdischen Leben in der Elbestadt befasst.


Modernes Wohnen in historischem Haus

Zurück ins Heute der Burgstraße 37: Das Haus ist seit Jahren unbewohnt, die Türen und die Fenster im Untergeschoss sind gut gesichert. Zugang zum Grundstück gibt es für den, der in Besitz der Schlüssel ist, derzeit nur durch die Hoftür in der Steinstraße, an die das Grundstück grenzt.

Mühselig dreht sich der Schlüssel. Die Tür öffnet sich nicht ganz. Gesträuch hat in den letzten Jahren den Hof erobert. Die Stallungen betritt man besser nicht mehr: Einsturzgefahr.

Im Haus sieht es so aus, als seien die letzten Bewohner mitten beim Auszug gestört worden und hätten deshalb einen Teil ihres Hausrats und Möbel dagelassen. Der Sanierungs- und Modernisierungsbedarf ist riesig.

Erinnert noch etwas an die Entstehungszeit des Hauses?

Die Eigentümer verweisen auf die niedrigen und breiten Zimmer- und Flurtüren. Das sei typisch für das 18. Jahrhundert. Und auch die Treppe ins Obergeschoss sei von den Proportionen her typisch für jenes Jahrhundert, sei mit großer Wahrscheinlichkeit 250 oder mehr Jahre alt.

Die Zukunft des Denkmalhauses existiert bereits auf Papier. Die GbR „Altes Ackerbürgerhaus“ will in dem Gebäude – ergänzt durch An- und Ausbauten auf dem Grundstück – drei Wohnungen in einem Standard errichten, den Mieter heute erwarten.

Zupass kommt der Gesellschaft bei den Planungen, dass ihr das bereits vor Jahren sanierte und modernisierte Nachbargrundstück zum Steintor hin ebenfalls gehört.













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