Patenprogramm : Starker Partner an der Seite

Seit 2013 ein Tandem: Die 26-Jährige Nora ist finnisch-afghanischer Abstammung und eine „Patin“ für die neunjährige Ghadir, deren Eltern aus dem Libanon stammen. Sie besucht die dritte Klasse.
Seit 2013 ein Tandem: Die 26-Jährige Nora ist finnisch-afghanischer Abstammung und eine „Patin“ für die neunjährige Ghadir, deren Eltern aus dem Libanon stammen. Sie besucht die dritte Klasse.

Patenprogramm unterstützt Kinder und Jugendliche mit Nachhilfen, Ratschlägen und Zukunftsorientierung

svz.de von
29. Juli 2015, 12:00 Uhr

Manchmal braucht es nur einen Unterstützer, der einem wie eine große Schwester oder ein großer Bruder zur Seite steht. Auf diesem Grundsatz basiert das Projekt Schülerpaten in Berlin. Kinder aus arabischstämmigen Familien werden hier bei Hausaufgaben und schulischen Problemen begleitet.

Einer dieser Paten ist Karim El-Helaifi. Er erinnert sich genau an den Tag, als Calogero in seine Klasse kam. Der Italiener sprach kein Wort Deutsch. Ein Diktat musste er trotzdem mitschreiben. Die Note sechs war das Ergebnis. Wie ungerecht, wie unfair, dachte sich damals der Zweitklässler El-Helaifi. Fortan brachte er seinem neuen Kumpel Deutsch bei. Die Basis für sein späteres Engagement bei den Schülerpaten war gelegt.

„Ich hatte einen besseren Start in der Schule“, sagt der heute 24-Jährige. „Mein älterer Bruder brachte mir viel bei.“ Und auch zu Hause wurde viel gesprochen. Die binationale Ehe seiner Eltern war ein Beispiel für ihn, wie das Zusammenspiel der Religionen und Mentalitäten funktionieren kann. Die Mutter, eine Deutsche aus dem Schwabenland und Musiktherapeutin von Beruf, der Vater aus Ägypten, Geologe, der trotz seines Zweitstudiums in Deutschland Taxi in Berlin fährt, weil keine seiner Bewerbungen beantwortet wurde. Die Mutter katholisch, der Vater Muslim, Karim und seine zwei Brüder bekamen die Segnungen beider Religionen, von der Taufe bis zur Beschneidung.

El-Helaifi hatte den Wunsch, dass auch andere Kinder, die keine Hilfe von zu Hause hatten, diese bekommen. Kostenfrei und individuell zugeschnitten. Der Impuls für das spätere Projekt der Schülerpaten kam von arabischen Müttern, die sich bei Al Nadi, einer Beratungsstelle für arabische Frauen in Berlin gemeldet hatten. Sie suchten jemanden, der ihren Kindern bei schulischen Sachen hilft. Beim Lernen und Hausaufgabenmachen, aber auch anderen Dingen, die der Schulalltag mit sich bringt und die Eltern möglicherweise überfordert. Es war klar, sagt El-Helaifi, es ging um viel mehr als die übliche Nachhilfe, die der Besserung der Noten dient. Wie einen großen Bruder oder eine große Schwester sollten die Kinder und Jugendlichen jemanden haben, der ihnen zur Seite steht. Die Idee, eine Eins-zu-eins-Betreuung in Form einer Patenschaft anzubieten, war geboren, für Kinder von der ersten bis zur zwölften Klasse. Jungs bekamen männliche Paten, Mädchen weibliche. So konnten auch geschlechterspezifische Probleme, mit denen man sich nicht zu den Eltern traute, angesprochen werden.

Das war 2009. Inzwischen wurden 400 Patenschaften vermittelt. Die Kinder und Jugendlichen sind meistens aus arabischstämmigen Familien. Ihre Paten – die meisten sind Studenten, es gibt aber auch Berufstätige und Rentner. Sie haben unterschiedliche Nationalitäten und arbeiten ehrenamtlich. Mindestens ein Jahr betreuen sie ihr „Patenkind“ – oft auch länger. Jeder von den Paten wird überprüft, ein Führungszeugnis ist Voraussetzung für das Engagement, schließlich finden die Treffen einmal wöchentlich zu Hause bei den Familien statt. „Man ist nicht nur Nachhilfelehrer“, berichtet El-Helaifi. „Man wird mit allen Ehren wie ein Gast empfangen, und nach einer Weile ist man ein Teil der Familie.“ Die Beziehung sei enger, persönlicher. „Wir kommen ja nicht über eine Behörde“, sagt er.

Dabei helfe das Patenschaftsprojekt nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern, zu verstehen, was das Kind in der Schule macht, wie das ganze Bildungssystem funktioniert, welche Möglichkeiten es für den Nachwuchs gibt. „Arabisch spricht man in 23 Ländern“, sagte El-Helaifi, der an der Universität Potsdam Politik, Verwaltung und Philosophie studiert, seinem Schüler zur Begrüßung. Dieser hatte Komplexe, war auffällig in der Schule, machte den Halbstarken, prügelte sich, bis er aus dem Unterricht in der Schule flog. Vor allem in Mathe hatte er schlechte Noten. „Also büffelten wir Zahlen, Formeln. Es hat alles soweit funktioniert“, erinnert sich der Nachhilfelehrer. Sein Zögling fiel aber durch. Weil er aufgeregt war? Nicht nur. Es stellte sich heraus, dass er Mathe kann, aber die Aufgabenstellung nicht versteht. „Wir haben dann ein halbes Jahr lang nur Texte gelesen, die er nacherzählen musste. So wurde sein Leseverständnis besser.“ Der Schüler wurde auch ruhiger, störte den Unterricht nicht und bestand am Ende seine Prüfungen.

El-Helaifi erzählt viele Erfolgsgeschichten. Auch davon, wie die Paten mit den Eltern zur Elternsprechstunde gehen, sie unterstützen, stärken und ihnen das Gefühl geben, dass sie es schaffen, ihren Kindern in der Schule ein guter Begleiter zu sein. Denn wie der junge Berliner sagt, gute Noten sind ein Ziel, es gehe aber vielmehr darum, die Kinder zu motivieren, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen. „Manche kennen nur drei Ausbildungsberufe: Friseurin, Kfz-Mechatroniker und Einzelhandelskaufmann. Keiner sagt den Kids, welche Optionen es gibt, welche anderen Wege“, sagt er.

Neulich nahm er sein „Patenkind“ mit in eine Philosophie-Vorlesung. Das Thema war theoretisch. Der Junge verstand wenig, fühlte sich aber sehr stolz, dabei sein zu dürfen. „Er filmte alles“, sagt der Student lachend. „Wirklich alles.“ Danach zeigte er das seinen Eltern und Kumpels. Ein Erlebnis war nicht nur der Besuch der Uni, sondern auch dass er raus ist aus Charlottenburg. „Die Kinder bleiben oft in ihrem Kiez. Viele Paten zeigen ihnen, dass Berlin mehr zu bieten hat.“ Für sein Engagement bekam der Verein Schülerpaten mehrere Auszeichnungen. Finanziert wird er durch Spenden.

Die Anmeldung und Vermittlung der Patenschaften erfolgt über die Homepage. Dort sind auch die Nachfragen der Schüler gespeichert, etwa in welchen Fächern Hilfe benötigt wird. Die zwei Parteien schließen einen symbolischen Vertrag ab. Die Arbeitssprache ist Deutsch. „Und nicht vergessen: Wir sind politisch und religiös unabhängig“, betont El-Helaifi.

Allein 2014 gab es 150 Anfragen von Patenschaftswilligen. Die Helfer werden im Verein entsprechend geschult, pädagogisch, interkulturell und didaktisch begleitet. Das Berliner Projekt funktioniert mittlerweile so gut, dass es auf andere Städte wie Essen, Hamburg und Frankfurt am Main übertragen wird.

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