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Tragische Liebesgeschichte in der Prignitz : Spezieller Einblick in ein Leben

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Isolde Gorsboth besitzt über 100 Jahre alte historische Postkarten ihrer Oma. Sie zeugen vom Alltag der Menschen und ihren Sehnsüchten.

von
erstellt am 22.Apr.2017 | 12:00 Uhr

Wie ein Fenster in eine vergangene Zeit wirken die historischen Postkarten, die Isolde Gorsboth auf dem Tisch ausbreitet. Landschafts- und Stadtansichten sind ebenso vertreten wie Motive mit gestellten Szenen aus dem Ersten Weltkrieg. Die Postkarten stammen von ihrer Oma, Alice Gührs, und deren Schwester Minna aus Weisen sowie den Familienmitgliedern. Geschrieben wurden sie zwischen 1908 und 1919.

Wer die Zeilen auf den Rückseiten der Karten liest, merkt schnell, dass sie wie ein Telefon genutzt wurden. Alltägliches wurde ebenso übermittelt wie Liebesbotschaften. „Ich teile ihnen freundlich mit, dass wir keine Saatkartoffeln mehr gebrauchen. Wir haben genug. Hoffentlich haben Sie unseretwegen nicht extra welche zurückgestellt. Dann nehme ich sie natürlich. Ihr ergebener Knacke“, steht auf einer der Karten. Minna Gührs hatte scheinbar einige Verehrer, die ihre Besuche per Postkarte ankündigten. „Komme aber schon am 1. August wieder auf Ferien für zehn Wochen, so dass wir uns dann noch öfter treffen können. Schreiben Sie bitte recht bald. Wenn nach hier, dann bitte nicht auf offener Karte“, schreibt F. Sauer.

Einige Motive stammen aus Wittenberge, Perleberg, Pritzwalk, Lenzen oder auch Groß Breese. Andere wurden aus ganz Deutschland und dem Ausland verschickt. Isolde Gorsboth hat die Karten, gut 200 an der Zahl, noch zu Lebzeiten ihrer Oma Alice Gührs bekommen. „Sie bewahrte sie in einem Schrank in ihrem ,guten’ Zimmer auf, das kaum genutzt wurde. Dieser Schrank barg einige Schätze, darunter auch die Karten“, berichtet Isolde Gorsboth, die mit ihrem Mann Ulrich in Rühstädt wohnt. Sie habe eine sehr enge Beziehung zu ihrer Oma gehabt. „Sie war eine selbstbewusste Frau und hatte es damals nicht leicht.“ Denn Alice Gührs war allein erziehend. Ihr Partner, vermutlich ein litauischer Soldat, den sie zum Ende des Ersten Weltkriegs kennenlernte, blieb aus einem dramatischen Grund nicht bei ihr. „Er schrieb ihr viele Postkarten, die meine Großmutter aber nie zu Gesicht bekam. Ihre Eltern versteckten sie, weil sie gegen den Mann waren. Ich vermute, er war Katholik und das gefiel meinem protestantischen Ur-Großvater nicht“, erzählt Isolde Gorsboth. Auf einer der Karten hätte der Soldat geschrieben, dass er die Region verlasse, wenn Alice nicht endlich auf seine Post antworten würde. Und so kam es auch. „Sie brachte dann meinen Vater am 1. Januar 1919 auf die Welt und hat nie wieder geheiratet. Das war damals für eine Frau nicht leicht“, weiß die 66-Jährige. Immer wieder habe ihre Oma in den Jahren danach noch geweint. „Vielleicht war es, weil sie an den Soldaten dachte. Aber ich weiß es nicht.“

Die Postkarten beschreiben gut das Leben der Geschwister Gührs Anfang des 20. Jahrhunderts. „Ich verehre dieses Andenken. Sie sind eine Erinnerung an meine Oma. Für mich war sie eine wichtige Person, weil sie ein ästhetisches Empfinden hatte. Sie liebte die Kunst, hatte viele Bücher und hat mich unter ihre Fittiche genommen“, erzählt Isolde Gorsboth, die auf dem Familiengut in Weisen aufwuchs. Ihre eigene künstlerische Ader entdeckte sie schon als Kind, dieses Interesse verfolgte sie später weiter. Mit 19 ging sie nach Berlin und studierte Deutsch und Kunsterziehung an der Humboldt-Universität. Beruflich ist Isolde Gorsboth ein Tausendsassa. Sie absolvierte, wie damals üblich, parallel zum Abitur eine Berufsausbildung. Im Wittenberger Nähmaschinenwerk stand sie mit am Band, wurde Nähmaschinenmechanikerin. Später war sie an der Weisener Grundschule tätig, danach von 1965 bis 1969 an der Erweiterten Oberschule in Perleberg. Isolde Gorsboth arbeitete auch als Museumspädagogin und als Instandhaltungsmechanikerin im damaligen DEFA-Kopierwerk in Berlin. „Aber eigentlich bin ich Diplom-Lehrerin der DDR. Und das, obwohl ich nicht in der FDJ war“, betont sie. Durch Glück und einige Dozenten, die selbst nicht mit der Staatsobrigkeit viel am Hut hatten, musste sie der Organisation auch nie beitreten. „Ich bin quasi so durchgerutscht“, sagt Isolde Gorsboth lachend.

Wie ihr Mann, hat sich auch die 66-Jährige der Kunst verschrieben. Sobald es wärmer wird, sitzt sie mit Stift und Block an der Elbe und hält ihre Eindrücke fest. Viele Ausstellungen haben die Gorsboths bereits gemacht. Im vergangenen Jahr stellte Isolde Gorsboth einige ihrer historischen Postkarten unter dem Titel „Grüße von der Elbe“ im Rühstädter Besucherzentrum aus. „Die Resonanz war sehr gut. Freunde aus Paris und Australien kamen, um sich die Karten anzuschauen und mich zu besuchen.“  

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