Sparkasse plant keine Schließung

Vorstand André Wormstädt spricht über das sich ändernde Bankwesen und das noch immer beliebte Sparbuch

von
27. Dezember 2016, 13:57 Uhr

Weniger Einwohner, mehr Online-Banking. Sind Bankfilialen ein Auslaufmodell? Und wie belastet die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) regionale Kreditinstitute? Über diese Fragen sprach Redakteur Hanno Taufenbach mit André Wormstädt, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Prignitz.

Herr Wormstädt, ist Niedrigzinspolitik überhaupt noch das richtige Wort?
André Wormstädt: Nein, denn faktisch hat die EZB die Zinsen abgeschafft.


Halten Sie diese Geldpolitik für richtig?
Ich denke, sie ist nicht gerechtfertigt. Zinsen sind der Gegenwert für zur Verfügung gestelltes Geld und das dauerhaft nicht zu bepreisen, ist falsch.
Außerdem gelang es der EZB bisher nicht wie erhofft, die Inflation in den Zielbereich von zwei Prozent zu steuern.


Aber Unternehmen können billig Geld bekommen und investieren. Das ist doch gut?
Günstige Kreditbedingungen sind nur ein Aspekt für eine Investition. Niemand wird sich neue Maschinen kaufen, nur weil er sich gerade billig Geld leihen kann.


Aber ohne Zinsen lohnt das Sparen nicht mehr.
Ja, eine ganze Sparkultur ist bedroht. Das Sparen hat in Deutschland Tradition und ist für die Altersvorsorge wichtig.


Vielleicht ist diese Sparkultur überholt. Hat das Sparbuch nicht längst ausgedient? Aktien sind riskanter, aber langfristig bringen sie Sparern in aller Regel eine deutlich attraktivere Rendite.
Ich glaube nicht, dass das Sparbuch ausgedient hat. Bei uns sind die Bestände jedenfalls nicht rückläufig. Risikobereitschaft, Anlagedauer, individuelle Verhältnisse des Sparers sind bei seinen Geldanlagen zu berücksichtigen. Aktien können genauso richtig sein, wie ein Sparbuch. Der Mix macht’s.


Die Sparkultur hat sich Ihrer Ansicht nach nicht überholt. Aber wie ist es mit der Filialkultur? Sind Filialen in Zeiten des Online-Bankings noch zeitgemäß?
Ich sage ganz klar ja. Das reine Schaltergeschäft ist rückläufig und wird noch weiter abnehmen, aber das macht Filialen nicht überflüssig. Ihre Aufgaben ändern sich.


Was sind diese neuen Aufgaben?
Der Service und die Beratung. Gerade letztere gewinnt an Bedeutung im gewerblichen Bereich, für die Anlageberatung und auch in der privaten Baufinanzierung. Was den Service betrifft, hatten wir in diesem Jahr zum Beispiel in neue SB-Terminals investiert. Sie gibt es jetzt in jeder unserer Filialen, die aber auch ihr Gesicht verändern werden. Wir brauchen nicht mehr die große Kundenhalle mit all ihren Schaltern. Stattdessen wird es deutlich mehr Beratungsräume geben.


Brauchen wir in der Prignitz noch alle 13 Filialen?
Wir wollen in der Fläche präsent bleiben.


In Städten wie Wittenberge und Perleberg halten sie sogar noch Zweitstellen vor, obwohl die Einwohnerzahlen seit Jahren rückläufig sind. Gibt es für die Sparkasse keinen Handlungsdruck?
Bis November haben wir beispielsweise fast 1900 neue Girokonten in den Filialen eröffnet. Anlaufstellen vor Ort sind also durchaus notwendig. Trotzdem schauen wir uns die – weiter abnehmende – Kundenfrequenz in allen Filialen an. Denn viele Kunden nutzen ihre Konten über die SB-Technik oder über das Internet, mit steigender Tendenz.


Im vergangenen Jahr haben Sie die Filialen Lindenberg und Breese geschlossen. Planen Sie in den nächsten drei bis fünf Jahren weitere Schließungen?
Unsere Aufgabe ist es, in der Fläche präsent zu bleiben. Ich werde keine Aussage zu einer eventuellen Schließung machen.


„Sparkassen gehen schwierigen Zeiten entgegen“, sagte Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Das kostenlose Giro habe ausgedient, höhere Gebühren drohen. Wie stehen Sie dazu?
Ein kostenloses Girokonto haben wir nie propagiert. Wir erbringen eine Leistung und die hat ihren Preis.


Und dieser ist zum 1. Mai in der Sparkasse Prignitz gestiegen.
Nach elf Jahren haben wir erstmals die Entgelte angepasst. Das ist eine Reaktion auf Investitionen und Personalkosten. Weitere Anpassungen sind vorerst nicht geplant.


Um wie viel haben sich die Entgelte erhöht?
Geringfügig. Es gibt ganz unterschiedliche Modelle. Zum Beispiel kostet das Onlinekonto jetzt im Monat 2,50 Euro. Das sind 50 Cent mehr.


Die Zinspolitik hat gewiss Auswirkungen auf Stiftungen. Spüren Sie den langen Arm der EZB in der Jugend- und Kulturstiftung?
Natürlich spüren auch wir das, konnten aber einen gewissen Ausgleich schaffen, etwa durch höheren Kapitalzufluss in die Stiftung.


Können Sie weniger Geld für Projekte ausschütten?
Natürlich wirkt sich die Zinspolitik auf die Ausschüttungshöhe aus, die wir in den letzten Jahren aber stabilisieren konnten. Zum Ende des vergangenen Jahres konnten zwölf Projekte mit einer Fördersumme von 38 450 Euro für die Umsetzung in 2016 bewilligt werden. Im Vorjahr war eine Förderung von 14 Projekten in Höhe von 36 165 Euro möglich. Die Ausschüttung hängt auch von den bewilligten Anträgen und deren jeweiligen Summen ab.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen