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Singer-Maschinen nähen "Den ganz großen Traum"

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erstellt am 01.Mär.2011 | 06:48 Uhr

Wittenberge | Seit einer Woche läuft der Streifen "Der ganz große Traum" in den deutschen Kinos. Die Filmemacher erzählen die Geschichte des jungen Braunschweiger Gymnasiallehrers Konrad Koch, der im ausgehenden 19. Jahrhundert mit dem Sport aus England - Fußball - frischen Wind in ein erstarrtes Erziehungssystem bringen will. Dass auch Singer-Nähmaschinen aus Wittenberge mitnähen an diesem ganz großen Traum, mag für normale Kinogänger zwischen Hamburg und Dresden egal sein. Ehemalige Nähmaschinenwerker und darüber hinaus so manchen Wittenberger und Prignitzer wird es freuen.

Wo Fußball gespielt wird, braucht es Bälle. Im Film überzeugt ein pfiffiger Schüler von Konrad Koch seinen Vater, der bis dahin schon gut mit der Produktion von Sportgeräten, darunter auch Medizinbälle, im Geschäft ist, auch die kleinen Bälle zu fertigen. Der Film zeigt vier Frauen, die an Nähmaschinen sitzen, die Nadeln rattern. "Es sollten unbedingt Maschinen von Singer sein", sagt Birka Stövesandt. Bei der Chefin des Wittenberger Stadtmuseums landete die Anfrage der Filmausstatterin für "Der ganz große Traum". "Die Frau wollte wissen, ob wir ihr helfen können", erinnert sich Stövesandt. Ja, das Wittenberger Museum konnte helfen. Das Haus verfügt über einen großen Fundus.

Und es gibt in der Stadt zum Glück noch Menschen, die sich auskennen. Einer von ihnen ist Siegfried Leppin. Leppin ist ein Glücksfall, und das in mehrfacher Hinsicht: Für das Museum, wenn es fachkundige Unterstützung bei der Bestimmung und Einordnung von Nähmaschinen benötigt. Baujahr, Hersteller, nähtechnische Besonderheiten, Siegfried Leppin ist der Kenner. Im Internetchat des Veritasklub beantwortet Leppin Anfragen zu Problemen beim Nähen mit Maschinen der unterschiedlichsten Hersteller.

Als das Nähmaschinenwerk noch ein lebendiger Betrieb war, in dem geforscht, entwickelt und produziert wurde, war Siegfried Leppin Abteilungsleiter im Bereich Forschung und Entwicklung. Er habe vor allem die funktions- und nähtechnische Erprobung aller neuentwickelten Nähmaschinen zu verantworten gehabt, blickt Leppin zurück. Er vereint damit quasi Nähmaschinentheorie und -praxis.

Die Anfrage der Filmemacher landete bei ihm. Denn so einfach war das mit den Singer-Nähmaschinen auch nicht. Zwar ist der Museumsfundus gut gefüllt, aber nicht jede Maschine rattert auch Sticht für Stich durch den Stoff. Ein Fall für Siegfried Leppin: Er nahm sich vier Singer-Geräte vor. "An die drei Stunden habe ich für jede der Maschinen gebraucht, dann liefen sie wieder", sagt der Könner. Doch wie bringt man Markentechnik, die mehr als 100 Jahre auf ihren Greifern, Spulen und Transporteuren hat, zum Laufen? "Mit Wissen und Ersatzteilen, die man bei der Schließung des Werkes noch retten konnte", formuliert Leppin kurz und knapp. Nur ungern erinnert sich der Fachmann, der heute zum Freundeskreis Nähmaschine gehört, daran, "welche Werte bei Betriebsschließung einfach verloren gingen und auch sinnlos vernichtet wurden. Eine Reihe von uns Ehemaligen hat versucht, zu retten, was möglich war", sagt Leppin. Ein Großteil der historischen Nähmaschinen, die heute dem Stadtmuseum gehören, stammen aus diesen Aktionen.

Die vier Filmmaschinen stehen mittlerweile wieder im Depot, während sie auf der Leinwand gerade angefangen haben, am ganz großen Traum zu nähen. "Vielleicht haben sie ja irgendwann noch einmal einen Filmauftritt. Auszuschließen ist das nicht. "Wir erhalten recht häufig Anfragen zum Nähmaschinenwerk, nach Filmen, historischen Unterlagen oder eben Maschinen. Wenn wir können, helfen wir gern", sagt Stövesandt und verweist auf die Außenwirkung für die Stadt und das Museum.

Im hiesigen Movie Star Kino wird der Film vorerst nicht gezeigt, die Betreiber schließen aber nicht aus, ihn später einzukaufen.


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