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Der Prignitzer

23. November 2017 | 03:10 Uhr

Flüchtlinge : Sie sind der Hölle entkommen

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Drei syrische Flüchtlingsfamilien bauen sich in Karstädt ein neues Leben auf

von
erstellt am 27.Dez.2014 | 10:00 Uhr

Fünf Monate lang keine Raketenangriffe, keine Explosionen, keine Heckenschützen. Fünf Monate frei von Angst, ohne Hunger. Fünf Monate lang leben in einem fremden Land, das von Tag zu Tag ein Stück mehr zur neuen Heimat wird. Die drei seit dem 24. Juli in Karstädt wohnenden syrischen Flüchtlingsfamilien haben ihr erstes deutsches Weihnachtsfest gefeiert.

Wenn in diesen Tagen Pfarrer und Politiker allerorts pflichtgemäß Frieden in der Welt fordern, registrieren wir das flüchtig, stempeln es als die Floskel der Weihnachtsbotschaft ab. Aber für Abd Al Razak, seine Frau Ragda und ihre syrischen Freunden in der Prignitz hat das Wort Frieden eine andere Bedeutung. Das hört, sieht und spürt, wer mit ihnen spricht.

Am Tag vor Heiligabend sitzen wir gemeinsam in der Diakonie in Karstädt. Susanne Seidel, die als Awo-Sozialarbeiterin die Flüchtlinge im Kreis betreut, hat das Treffen auf Bitten unserer Redaktion ermöglicht. Die Plätzchen auf dem Tisch sehen verlockend aus, die Kinder greifen zu, ihre Eltern trinken den angebotenen Kaffee. Wir wechseln erste Worte miteinander, flechten englische Vokabeln ein, um die Zeit bis zum Eintreffen des aus Havelberg kommenden Dolmetschers zu überbrücken. Die zehnjährige Sondous beginnt von der Schule zu erzählen.

Deutsch, Englisch und Mathe sind ihre Lieblingsfächer. „Kunst und Sachkunde gefallen mir aber auch“, sagt sie in einem fehlerfreien Deutsch. Knapp vier Monate in der vierten Klasse haben ihr genügt, um die Sprache fast fließend zu beherrschen.

Sie wechselt ins Arabische, erzählt ihrem Vater Rima Adman, was sie uns soeben verraten hat. Wir bitten sie, uns ihren Namen zu buchstabieren. „Darf ich ihn aufschreiben?“, fragt sie und nimmt uns Notizblock und Stift aus der Hand.

Abd Al Razak und Rima Adman verstehen fast jede unserer Fragen, aber das Sprechen in der für sie so ungewohnten Sprache sei schwer. Bei der ländlichen Erwachsenenbildung besuchen sie einen Deutschkurs. Fünf Stunden Unterricht, vier Mal die Woche. Die anderen in der Klasse seien deutlich länger dabei, was es für sie schwerer macht. „Wir müssen viel aufholen, aber wir wollen das und werden es schaffen“, sagen die Männer.

Sie fühlen sich wohl in Karstädt, in der Prignitz. Anfangs seien sie auf der Straße angeschaut worden. Nicht feindlich, eher neugierig. Sie hätten nie das Gefühl gehabt, nicht willkommen zu sein, übersetzt der eingetroffene Walid El Baghdady ihre Worte.

Asmaa sitzt mit ihren Töchtern Sabela (4) und Ralif (6) bei uns. Ihre Kinder seien schon kurz nach der Ankunft in den Kindergarten gegangen. Die ersten Tage seien ungewohnt für sie gewesen, aber dann fanden sie Freunde und gehen mittlerweile sehr gerne in die Einrichtung. Ralif möchte im nächsten Jahr eingeschult werden. Darauf freue sie sich bereits, verrät ihre Mutti.

Eigentlich hätte bei den Mädchen noch ein älterer Bruder sitzen müssen. Aber das Schicksal hat anders entschieden. Eine Rakete hat den damals Einjährigen getötet. Auch Asmaas Mann hat bei dem Angriff sein Leben verloren, beginnt Abd Al Razak die Geschichte ihrer Flucht zu erzählen.

Sie wohnten in Homs, in der drittgrößten Stadt Syriens. Er war Koch, hat in großen Hotels im In- und Ausland gearbeitet, darunter Saudi Arabien. Mit dem verdienten Geld wollte er eine Familie gründen, ein Haus bauen. Er hat seine Ragda geheiratet. Dann kam der Krieg.

Seine Schwester Asmaa floh nach dem Tod ihres Mannes mit den zwei verbliebenen Töchtern zu ihm. „Anfangs war es bei uns noch ruhig, die Kämpfe tobten woanders.“

Eines Tages dann der erste Angriff. Homs brachte den Bürgerkrieg in die deutschen Wohnzimmer, die Stadt wurde zu einer Protesthochburg in Syrien und Ziel massiver Angriffe des Assad-Regimes. Die Familie entschied sich zur Flucht, aber kein Auto war groß genug. Ein Freund half ihnen, fuhr sie nach Damaskus. „Auf der Rückfahrt wurde er getötet“, sagt Abd Al Razak.

In Damaskus ging es zunächst nicht weiter. Eine offizielle Ausreise in den Libanon wurde ihnen verwehrt. „Ein Schlepper brachte uns zu Fuß über die Grenze.“ 300 Kilometer lang war der Marsch, führte über Berge und durch karges Land. Frauen und Kinder liefen mit. Ragda war damals schwanger.

Die erhoffte Sicherheit im Libanon fanden sie nicht. Immer wieder habe es Ärger mit Behörden und der Polizei gegeben. Das Aufatmen kam erst im Sommer, als sie ihre Flugtickets nach Deutschland in den Händen hielten. Sie gehörten zu jenen 10 000 Flüchtlingen, die Deutschland aufnahm.

Im Flugzeug lernten sie Rima Adman und dessen Familie kennen. Auch sie waren aus Homs geflohen. „Ich bin Tischler, hatte dort meine Werkstatt und gerade ein Haus gekauft.“ Bei einem der Angriffe wurde es noch vor dem Einzug zerstört. „Wir waren nicht politisch, haben nicht demonstriert“, sagt er. Aber an ein Leben in Homs oder in einer anderen Stadt war nicht zu denken.

Alles, was sie jetzt aus der Heimat hören, bestärkt sie in ihrer Entscheidung zur Flucht. „Entweder wirst du von vorne oder von hinten beschossen und niemand vermag zu sagen, wer schießt“, erzählt Rima Adman. „Sie schlachten die Menschen ab“, sagt er. „Erst töten sie die Kinder vor den Augen der Eltern, dann die Frauen, dann die Männer“, spricht er und Wut schwingt in seiner Stimme mit.

Die Erinnerungen an das Erlebte kosten Kraft. Das Lächeln aus den Augen von Ragda und Asmaa ist verschwunden. Wir fragen nicht weiter, kehren zurück ins hier und jetzt, zurück in die schöne Weihnachtszeit. Mit am Tisch sitzen Karin und Dietmar Vollert. Sie haben für die drei Familien große Pakete gepackt und überreichen diese. Darin ist unter anderem jeweils ein Tischgrill. Die Syrer lieben Gegrilltes. Die Kinder packen Spielzeug aus, dürfen sich aus dem Karton mit den Plüschtieren eines aussuchen.

„Wir wollen ein Zeichen setzen und zeigen, dass es hier Menschen gibt, die sie willkommen heißen“, sagt Dietmar Vollert. Weihnachten steht für Frieden und sei eine wunderbare Gelegenheit, ihnen Freude zu bereiten. Seine Eltern seien im zweiten Weltkrieg selbst als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Er wisse, was das bedeutet. Und als Vollerts hören, dass die Syrer keine Gardinen an den Fenstern haben, beschließen sie, sich darum zu kümmern. „Etwas Privatsphäre gerade jetzt in der dunklen Jahreszeit sollte sein“, sagen sie.

Hände werden geschüttelt, Dankesworte fliegen durch den Raum. Sie nehmen die Geschenke an, die Freude ist echt. Der Abschied nach den knapp 90 Minuten wirkt vertraut. Hier gehen keine Fremden auseinander. Rima Adman lädt uns, Nachbarn und Karstädter ein. „Wir wünschen uns gegenseitige Besuche, wir möchten die Menschen kennen lernen.“ Deutschland habe so viel für sie getan, sie wollen das zurückgeben. „Wir werden weiter Deutsch lernen und hoffen, bald eine Arbeit zu finden“, sagen sie.

Wir haben die Jacken schon an, da beginnt Sondous zu singen: „Lichterschein in dunkler Nacht, in dunkler Nacht. Kinder tragen Licht ins Dunkel und ist diese Flamme auch klein, jeder flackernd frohe Schein sendet Hoffnung in die Welt.“

 

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