Weihnachtsstrauß : Sie helfen ohne große Worte

Mit einem Weihnachtsstrauß dankt am Heiligabend  Torsten Uhe (r.), erster Beigeordneter des Landrates, Marlies Müller und Günter Kolip für ihren ehrenamtlichen Einsatz für die Prignitzer Tafeln.
Mit einem Weihnachtsstrauß dankt am Heiligabend Torsten Uhe (r.), erster Beigeordneter des Landrates, Marlies Müller und Günter Kolip für ihren ehrenamtlichen Einsatz für die Prignitzer Tafeln.

Diesjähriger Weihnachtsstrauß des Landkreises geht an Marlies Müller und Günter Kolip für ihren ehrenamtlichen Einsatz.

svz.de von
27. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Sie wollen nicht in der ersten Reihe stehen. Die ist reserviert für rund 5000 hilfsbedürftige Menschen in der Prignitz. Sie sind es, denen Marlies Müller und Günter Kolip seit Jahren schon ihre Kraft, ihre Aufmerksamkeit schenken. Aber Heiligabend war es einmal anders herum. An diesem Tag standen die Organisatoren der Prignitzer Tafeln im Mittelpunkt. Torsten Uhe, erster Beigeordneter des Landrates, überreichte ihnen den Weihnachtsstrauß 2013.

„Sie bekommen den Strauß stellvertretend für die tausenden Menschen, die sich in der Prignitz ehrenamtlich einsetzen. Es ist ein Dankeschön, dass Sie ihre Freizeit den Bedürftigen schenken“, sagt Uhe. Es war der 10. Weihnachtsstrauß, mit dem er jährlich am Heiligabend soziales Engagement würdigt. Im vergangenen Jahr ging dieser an Oberarzt Dieter Karcher für die Leitung der Herzsportgruppe.

Bei Marlies Müller und Günter Kolip vermischen sich Freude und ein wenig Unbehagen miteinander. Sie sehen in ihrer Arbeit nichts Außergewöhnliches. Vielmehr sei das, was sie machen, ihnen ein tiefes Bedürfnis. Sie wollen keine großen Worte darüber verlieren, dass sie Heiligabend schon um 7.30 Uhr in der Perleberger Tafel waren, obwohl sich die Tür erst um 10 Uhr für die Essensgäste öffnet.

Marlies Müller hatte 2006 einen ersten Kontakt zur Tafel. Nach 14 Jahren Selbstständigkeit mit einem Lebensmittelgeschäft in Perleberg war sie zwei Jahre lang arbeitslos gewesen, bekam dann einen Ein-Euro-Job. „Ich kannte das System der Tafeln gar nicht“, gesteht sie. Schritt für Schritt arbeitete sie sich ein. Fördermaßnahmen und ehrenamtliche Arbeit wechselten sich in den folgenden Jahren ab. Konstant blieb ihr permanenter Einsatz für den Tafelgedanken, für die hilfsbedürftigen Menschen.

Und so stellte sich für Marlies Müller nie die Frage, ob sie sich auch ohne Bezahlung weiter engagieren werde. Sie tat es einfach. „Mir liegt das Soziale am Herzen. Dafür stecke ich selbst gerne einmal zurück.“ Hinzu komme, dass sie seit mehr als vier Jahren alleine lebt und in dieser Arbeit eine Aufgabe sieht. Das bedeute aber nicht, dass jeder Tag Spaß mache. „Es gibt auch Tiefpunkte, Momente, in denen ich sage: Ihr könnt mich alle mal.“ Aber es sind nur Augenblicke, die schnell wieder vergehen, Marlies Müller nicht von ihrem Engagement abbringen. „Wenn ich gesund bleibe, mache ich weiter“, sagt die 62-jährige Perlebergerin.

Günter Kolip hört diese Worte gern. Für ihn sei die Kollegin unverzichtbar geworden: Büroarbeit, Anträge an das Jobcenter, Geld verwalten – all das mache Marlies Müller. Er selbst gehört zu den Gründungsmitgliedern der Prignitzer Tafeln. 2003 kam Kolip von Augsburg zurück in seine Perleberger Heimat. Beruflich und privat stand er vor einem Neuanfang. „In den Tafeln sah ich eine Möglichkeit der Hilfe zur Selbsthilfe.“ Ohne diese Arbeit wäre er in einer für ihn persönlich sehr schwierigen Zeit gescheitert, gesteht er.

Zunächst baute er den Stepenitz-Tisch in Perleberg mit auf. Seit 2007 gibt es die Prignitzer Tafeln. Das Soziale Aktionsbündnis Prignitz fungiert als ihr Träger, Kolip ist Vorsitzender des Bündnisses. Wie seine Kollegin wechselten sich auch bei ihm geförderte Maßnahmen und ehrenamtlicher Einsatz ab. Heute ist er ausschließlich freiwillig aktiv. „In dieser Arbeit sehe ich einen Sinn, darin kann ich mich verwirklichen.“

In der Prignitz gibt es etwa 6000 Bedarfsgemeinschaften, die Hartz IV beziehen. Das sind rund 10 000 Menschen. Etwa die Hälfte von ihnen bezieht Lebensmittel von den Prignitzer Tafeln zwischen Meyenburg und Lenzen, schätzt Kolip. Bis zu 250 Personen nehmen das Mittagsangebot an. Gekocht wird in der Tafel Perleberg.

Längst könnten die Hilfsbedürftigen nicht ausschließlich durch die Spenden von Prignitzer Märkten versorgt werden und der Bedarf steigt weiter. „Wir fahren nach Hamburg und Berlin, nach Wismar und Bernau“, sagt Kolip. Nur so sei es möglich, den Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Einige Tafeln bekommen mehr, als sie für ihre Region benötigen. „Das hilft uns“, so Kolip.

Er spricht von einer hohen Hilfsbereitschaft in der Region und hebt ganz besonders die diesjährige Spendenaktion unserer Zeitung zu Weihnachten hervor: „Ihre intensive Berichterstattung hat uns geholfen, Menschen sprachen uns daraufhin an, das Spendenvolumen ist erfreulich hoch geblieben“, dankt Günter Kolip unserer Zeitung. Freuen würde es ihn, wenn künftig auch Aldi-Nord Lebensmittel abgeben würde. Bisher lehne dies die Unternehmensführung ab, sagt Kolip.

Mittlerweile ist es 10.55 Uhr. Torsten Uhe hat den Blumenstrauß überreicht und noch einen Sack kleiner Aufmerksamkeiten für die weiteren Tafel-Mitarbeiter, die am heutigen Tag das Mittagessen vorbereiten. Die ersten Gäste stehen vor der Tür. Für Marlies Müller und Günter Kolip wird nach dem Abwasch nicht gleich Feierabend sein. Tausend Kleinigkeiten sind auch Heiligabend noch zu bedenken, der heimische Tannenbaum muss sich ein wenig gedulden. Aber auch darüber verlieren sie nicht viele Worte und sie sind froh, dass sie jetzt wieder zurück in die zweite Reihe treten dürfen.

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