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Der Prignitzer

23. Oktober 2017 | 21:11 Uhr

Sie geben den Sterbenden Trost

vom

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erstellt am 26.Dez.2012 | 06:06 Uhr

Prignitz | Ja, sie wäre ins Auto gestiegen und gefahren. An Heiligabend oder an einem der zwei Weihnachtstage. Aber der Tod war schneller. Bettina Riep hätte noch einmal die Hand der Frau gehalten, die sie erst seit wenigen Tagen kannte, die sie nur wenige Stunden gesehen hatte. Bettina Riep ist ehrenamtliche Hospizhelferin bei der Caritas. Wenn der Tod naht, wird sie gerufen.

Man kann ihm nicht davonlaufen, ihm kein Schnippchen schlagen. Der Tod und das Sterben gehören zu unserem Leben dazu. "Aber für viele Menschen ist er ein Tabu-Thema", sagt Bettina Riep. Auch für sie persönlich war das bis zu jenem Tag so, an dem ihre Schwester schwer erkrankte. Die Ärzte gaben ihr noch Tage, vielleicht Wochen, aber kein Jahr mehr. "Wir standen als Familie da, wussten nicht, wie wir diese Zeit für meine Schwester und miteinander gestalten sollten."

Die Schwester war erst 42 Jahre alt, hatte eine Tochter. "Es gab auf einmal noch so viel zu sagen, so viel zu regeln." Bettina Riep nahm sich die Zeit dafür, die Zeit, die sie und ihre Schwester brauchten, um voneinander Abschied zu nehmen. "Wir hatten die Möglichkeit, sie als Familie zu begleiten." Seitdem weiß sie, wie wichtig das ist. "Und ich weiß, dass es viele einsame Menschen gibt, die auch noch Wünsche haben, mit jemanden sprechen möchten. Deshalb habe ich 2007 mit dem Hospizdienst begonnen."

Anfangs war es schwierig, waren die Begleitungen kurz. Manchmal blieb es beim flüchtigen Kennenlernen. "Ein Hallo, hier bin ich. Wie war dein Leben? So geht’s nicht. Man muss Vertrauen aufbauen, muss sich herantasten", sagt Riep. Das brauche manchmal Zeit, die nicht mehr vorhanden ist. "Wenn aber erst mal kleine Brücken gebaut sind, erzählen die Patienten oft von ihrem eigenen Leben, von ihren Erinnerungen. Ich spüre, dass ihnen dies hilft."

Bettina Riep ist voll berufstätig. Sie müsste es nicht machen, auch wenn es in der Regel nur ein Besuch pro Woche ist. Ihre Kinder haben sie gefragt: "Mama, hast du ein Freizeitproblem?" Nein, das habe sie nicht.

Dabei ist der wöchentliche Besuch nicht alles. "Der Mensch, den wir begleiten, ist in Gedanken immer dabei." Sie bereite sich auf das Treffen vor, überlege, was sie mitnehmen, worüber gesprochen werden könnte." Je nach Interessen des Patienten sind es mal die Bundesligaspiele, ist es mal die Gartenarbeit oder das Haustier. "Egal, was ist es ist, Hauptsache, es ist ehrlich gemeint. Man muss mit dem ganzen Herzen dabei sein, denn Sterbende haben feine Antennen, spüren, wenn man ihnen etwas vorspielen würde."

Der ständige Umgang mit dem Tod, die immer wieder neue Konfrontation mit dem Ende des Lebens falle ihr nicht so schwer, wie man es vermuten würde. "Es kostet mehr Kraft, den Leuten zu erklären, warum ich es mache." Für Bettina Riep ist es auch nicht nur ein Geben. Ihre eigene Einstellung zum Tod hat sich gewandelt, ihr Leben durch diese Arbeit verändert. "Ich schiebe nichts mehr auf, mache nicht irgendwann einen Termin, sondern mache ihn jetzt." Sie nehme sich mehr Zeit für ihre Eltern, setzte sich klare Grenzen und persönliche Schwerpunkte.

Wahrscheinlich ist Bettina Rieps Weg der richtige. "Man hat das eigene Sterben nicht täglich im Blick, schon gar nicht mit 50 oder weniger Jahren, aber schon morgen kann es uns treffen. Jeden von uns", sagt Gisela Freimark. Die 65-Jährige gehört bei der Caritas Perleberg zu den Hospizhelferinnen der ersten Stunde, ist seit rund zwölf Jahren dabei. In dieser Zeit hat sie oft die Erfahrung gemacht, dass sich mit der tödlichen Diagnose des Arztes die Wertigkeiten für den Patienten von heut’ auf morgen ändern. "Die Wichtigkeiten im Leben verschieben sich, alles stellt sich auf den Kopf."

Wenn dann Freunde oder Verwandte vom nächsten gemeinsam Urlaub sprechen, obwohl es den nie wieder geben wird, wenn Sprüche kommen, wie "Kopf hoch, das wird schon wieder", sei dies eine falsche Rücksichtnahme. Natürlich habe der Sterbende noch Pläne für sein Leben gehabt, "aber unsere Aufgabe es es auch, den Blick für die Realität zu öffnen." Es gehe darum, dass Verwandte diesen letzten gemeinsamen Weg nicht neben-, sondern miteinander gehen. "Das ist es, was Angehörige den Sterbenden noch geben können."

Als Sterbebegleiter ist sie mal der stille Zuhörer, mal der Vermittler. "Manche tragen ungeklärte Dinge mit sich herum, eine Last, die man vielleicht ein Leben lang mitgeschleppt hat. Da kann es helfen, das auszusprechen", sagt Gisela Freimark.

Wünsche werden geäußert und, wenn möglich, realisiert. "Wir fragen auch ganz direkt danach. Einige möchten noch einmal Freunde besuchen, sich verabschieden. Andere wollen auf den Friedhof nach Gräbern schauen oder einfach noch einmal durch ihr Dorf gehen." Dabei sei es wichtig, die Verwandten mit einzubeziehen.

Die Besuche verlaufen unterschiedlich. Manchmal schlafe der Patient oder sei zu schwach, um zu reden. Da genüge es, einfach da zu sein. Wenn es gewünscht wird, bete sie mit ihm. Gisela Freimark ist selbst gläubig, ausgebildete Gemeindepädagogin und Frau eines Pfarrers. Wenn jemand Kirche und Religion ablehne, akzeptiere sie das. Sterbegleitung schließe missionieren aus. Bei den Treffen geht es aber nicht nur trauig zu. "Wir singen auch oder machen Scherze und lachen." Im Gegensatz zu Bettina Riep habe sie Patienten häufig über Monate hinweg betreuen dürfen. Das mache die Arbeit einfacher, man lernt sich besser kennen.

Deshalb rät Gisela Freimark Betroffenen, sich rechtzeitig zu melden, wenn eine Sterbebegleitung gewünscht wird. "Wenn der Arzt von austherapiert spricht, wäre es ein geeigneter Zeitpunkt, beim Hospizdienst anzurufen." Schnellstmöglich werde dann versucht, eine Begleitung zu organisieren. "Im ersten Gespräch wird geklärt, was genau gewünscht wird, wird geschaut, ob beide Seiten zueinander finden. "Man muss spüren, dass es funktioniert."

Die Begleitung endet nicht mit dem Tod. Die Hospizhelferinnen gehen mit zur Beerdigung und gedenken am Ende eines Jahres gemeinsam allen Verstorbenen, nennen ihre Namen und zünden Kerzen an. Diese Arbeit bedeutet für Gisela Freimark ganz viel zu geben, "aber man bekommt Dankbarkeit zurück. Sonst wäre die Arbeit nicht durchzustehen", sagt sie.

Aber selbst nach so vielen Jahren und so vielen gemeinsamen Stunden mit Sterbenden bleibe der Tod der große Unbekannte. "Wie es beim eigenen Sterben sein wird, weiß auch ich nicht."

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