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Der Prignitzer

21. November 2017 | 03:42 Uhr

Seit zwei Wochen geht nichts mehr

vom

svz.de von
erstellt am 20.Jun.2013 | 06:58 Uhr

Breese | Das Bürogebäude und die Produktionshallen wirken wie Inseln in einem See. Das Wasser steht teilweise bis an die Hauswand heran, der Teppichboden im Büro ist noch feucht, die Mitarbeiter müssen an einigen Stellen kleine Behelfsbrücken benutzen, damit die Schuhe nicht nass werden. Mehrere Pumpen arbeiten ununterbrochen. Seit das Hochwasser vor zwei Wochen Breese erreichte, steht der Betrieb bei der Firma Euro Stahl Prignitz an der Perleberger Straße in Breese still. An Arbeit ist nicht zu denken. Geschäftsführer Jens-Peter Gorski rechnet mit einem Produktionsausfall von vier Wochen und länger. Seine Angst vor der Insolvenz ist nicht unbegründet: Sein Vater blieb nach der Flut 2002 auf dem Schaden seiner Firma sitzen - und ging pleite.

"Wir bekommen normalerweise Lieferungen von 100 Tonnen Stahl pro Woche", macht Jens-Peter Gorski deutlich. 18 Meter lange 40-Tonner, beladen mit 25 Tonnen Stahl befahren täglich das Betriebsgelände. Der provisorische Deich auf der Perleberger Straße verhindert nun, dass die schweren Sattelzüge durch die Zufahrt auf das Gelände kommen - das aber ohnehin unter Wasser steht. "Wir rechnen mit einem Produktionsausfall von vier Wochen und mehr", befürchtet Gorski. Die Sorgenfalten sind dem Mann deutlich ins Gesicht geschrieben. Sein europaweit tätiges Unternehmen - unter anderem war es am Bau der EZB-Bank in Frankfurt am Main beteiligt - beschäftigt 40 Mitarbeiter. Der Großteil muss nun zu Hause bleiben. Gorski hat Kurzarbeit beantragt, "doch bis das bewilligt wird, kann es dauern." 5000 Euro Soforthilfe bekommt er vom Landkreis, "ein Tropfen auf dem heißen Stein", wie er sagt. Mehr Unterstützung sei nicht in Sicht. "Das größte Problem ist der Produktionsausfall, und der ist nicht förderfähig", so Gorski. Bisher gebe es keine Programme, die diesen Schaden auffangen würden.

"Gott sei Dank haben wir alles an Technik und Möbeln ausgeräumt und Sandsäcke verlegt, bevor das Wasser kam", sagt Gorski. Alle Mitarbeiter hätten mit angepackt. Den Produktionsausfall konnte dennoch niemand verhindern. An diesem scheiterte bereits Gorskis Vater Dietmar Krempner mit dessen gleichnamiger Stahlbaufirma nach dem Elbehochwasser 2002. Zwei Jahre später musste er Insolvenz anmelden. Sein Sohn gründete eine neue Firma an derselben Stelle, stellte seinen Vater als Mitarbeiter ein. Ereilt Gorski nun das gleiche Schicksal? Die Firma soll wieder aufgebaut werden, jeder hofft, dass der Schaden aufgefangen werden kann. Ein anderer Standort für den Betrieb komme nicht in Frage. "Wir hoffen noch immer auf einen neuen Deich", geben sich Gorski und Krempner optimistisch. "Auch wenn uns der schon zig Mal versprochen wurde."

"Das ganze Geld ist futsch, ich muss bei Null beginnen"

Nur ein paar Meter weiter, an der Ecke Perleberger Straße/Trift, steht Ronny Schulz vor den Trümmern seines großen Traums. Zwei Wochen vor der Flut hatte der 28-Jährige zusammen mit seiner schwangeren Freundin Maria Dannehl dort ein Eigenheim bezogen. Schulz kaufte das Haus von seinem Großonkel für 45 000 Euro. Er sanierte es in den vergangenen anderthalb Jahren von Grund auf, investierte dafür weitere 50 000 Euro, steckte alles hinein, was er von seinem Lohn abzweigen konnte, ohne Hilfe der Bank. Alles umsonst. Ronny Schulz pustet symbolisch über seine Handfläche. "Das ganze Geld ist futsch. Ich muss bei Null beginnen." Dass sein Haus gefährdet ist, hat er nicht ahnen können. "Bei allen bisherigen Hochwassern blieb dieses Haus immer verschont", sagt er fast schon entschuldigend. Dieses Mal nicht. Schulz verbarrikadierte zwar Fenster und Türen, doch das Wasser kam von den Nachbarhäusern durch die Außenwände und von unten. Retten konnte er nur wenig. Vom Landkreis bekam er immerhin einen Scheck über 5000 Euro. Dass er weitere finanzielle Hilfe erhält, darauf will er sich nicht verlassen: "Ich gehe lieber davon aus, für alle Schäden selbst aufzukommen." Hilfe bekommt er jedoch auch ganz unverhofft: Frank Rose und Michael Gevigne aus Nordrhein-Westfalen haben über Facebook einen Spendenaufruf für die Breeser gestartet und bereits zwei Lkw-Ladungen mit allem, was Flutopfer benötigen könnten, zum THW gebracht. Diese Sachen werden nun an Schulz und seine Schicksalsgenossen verteilt. "Dafür bin ich sehr dankbar", sagt Schulz.

Auf jeden Fall wolle er wieder in das Haus ziehen, hat mit den Renovierungsarbeiten bereits begonnen. "Es ist halt unser Traum vom eigenen Haus", sagt er achselzuckend. Er geht fest davon aus, dass bald der dringend benötigte Deich gebaut wird. "Vielleicht bin ich aber auch zu optimistisch".

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