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Der Prignitzer

20. November 2017 | 18:36 Uhr

Seit Jahrzehnten im richtigen Takt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Militärmusiker legten vor 62 Jahren den Grundstein für die heutige Kreismusikschule Prignitz / Höhepunkt 2015 werden die Landesmusikschultage sein

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erstellt am 08.Jan.2015 | 12:00 Uhr

20 Jahre Landkreis Prignitz nahm die Kreisverwaltung zum Anlass, im vergangenen Jahr eine Broschüre herauszubringen. Neben wenigen obligatorischen Eckdaten lernen die Leser interessante Persönlichkeiten kennen, die den Kreis mit ihren Ideen, ihrem Einsatz in diesen zwei Jahrzehnten geprägt haben. Mitgearbeitet an der Broschüre haben Redakteure unserer Zeitung. Einige der Beiträge wollen wir Ihnen vorstellen.

Heute: die Kreismusikschule


„Es war sehr schwierig, einen ausgebildeten Lehrer zu bekommen“, denkt Egon Böhmert 62 Jahre zurück, als er in Perleberg als einer der ersten Schüler an der Volksmusikschule ein Instrument erlernen wollte. Die Klarinette sollte es sein und er hatte letztlich auch das Glück, dass für dieses Instrument ein qualifizierter Ausbilder zur Verfügung stand: ein ehemaliger Militärmusiker des im Fliegerhorst in Perleberg stationierten Musikkorps. Aus diesem Klangkörper konnten schließlich weitere Lehrer gewonnen werden und so schlug im September 1953 unter der Leitung von Claus Clauberg die Geburtsstunde der Volksmusikschule Perleberg.

Claus Clauberg (1890 - 1963) arbeitete vor dem zweiten Weltkrieg als Komponist und Musikpädagoge in Berlin. 1936 wurde er wegen seiner politischen Arbeit von den Nazis mit einem Aufführungsverbot belegt. Nach Ende Krieges kehrte er in seine Heimatstadt Schwerin zurück, wo er mit dem Aufbau der Volksmusikschulen im ehemaligen Bezirk Schwerin und somit auch mit dem der Volksmusikschule Perleberg beauftragt war.

Schon sieben Jahre später veränderte sich der Status der Volksmusikschule Perleberg. Sie wurde zur Außenstelle Perleberg/Wittenberge der Musikschule Ludwigslust. Und damit veränderte sich auch einiges in der inhaltlichen Arbeit. Martin Lahnt übernahm die Leitung, es gab erstmals richtige Lehrpläne, die den Lehrern jedoch enge Grenzen setzten. So war zum Beispiel die Aufnahme streng reglementiert: Die Mädchen und Jungen durften nicht älter als zehn Jahre sein und hatten sich einer Aufnahmeprüfung zu unterziehen. Nur wirklich Begabte wurden genommen. Manchmal sei es zum Verzweifeln gewesen, bedauert Egon Böhmert noch heute, dass für viele das Beherrschen eines Instrumentes ein Traum bleiben musste. Und die, die alle Hürden nahmen, konnten nicht einfach in die Tasten greifen, auf die sie Lust und Laune hatten. Denn die Lehrpläne sahen vor, dass 50 Prozent der Schüler ein Orchesterinstrument erlernen mussten und mindestens zwei Prozent so intensiv zu fördern waren, dass sie ein Musikstudium aufnehmen und Berufsmusiker werden.


Lehrernotstand in den 60er Jahren


Dennoch – das Interesse war stets ungebrochen, der Unterricht mit zehn bis zwölf DDR-Mark monatlich bezahlbar. „Es gab Tage, da konnten wir keine Noten mehr sehen oder Tonleitern hören“, schmunzelt Egon Böhmert in Gedanken daran, dass an der Musikschule Ludwigslust und ihrer Außenstelle Perleberg/Wittenberge über Jahre hunderte Schülerinnen und Schüler von nur 17 bis 18 Lehrern unterrichtet wurden.

Es herrschte ein Lehrernotstand, würde man heute sagen, der sich auch 1966 bei der Übernahme der Leitung der Außenstelle durch Egon Böhmert nicht beseitigen ließ. Nach wie vor gab es nur wenige Lehrkräfte und standen die Orchesterinstrumente im Mittelpunkt. Wer sich einem so genannten Volksinstrument zuwenden wollte, hatte nur geringe Chancen.

Ausschließlich die Lehrpläne gaben den Takt an, der sich jedoch 1989 komplett änderte. Denn mit der politischen Wende konstituierten sich bekanntlich die neuen Bundesländer. Das hatte zur Folge, dass Perleberg und Wittenberge fortan zum Land Brandenburg gehörten. Was wiederum bedeutete, dass die Nebenstelle Perleberg/Wittenberge von der Hauptstelle Ludwigslust abgekoppelt wurde.

Sollte es einen Fortbestand der Musikschule geben? Die Politik musste die Entscheidung treffen und so positionierte sich der Kreistag am 21. Juli 1990: Der Neuaufbau der Musikschule wurde befürwortet.

Am 28. August 1990 nahm die Kreismusikschule Perleberg unter der Leitung von Egon Böhmert ihre Arbeit auf. Das war ein ganz besonderer Augenblick und eine große Herausforderung, denkt er an seine Gefühle und die seiner Mitstreiter Robert Bartkowiak, Manuela Thees und Heiko Leu zurück. Mit ihnen hatte er bereits zu DDR-Zeiten zusammengearbeitet, mit ihnen wollte er den Neuanfang wagen.


Arbeitsverträge mit der Schreibmaschine


„Wir standen zwar auf eigenen Füßen, aber vor dem Nichts“ und die größte Herausforderung war es, den Unterricht mit so wenigen Lehrern abzusichern. Immerhin waren zu diesem Zeitpunkt 77 Schüler angemeldet, für den Beginn des neuen Ausbildungsjahres lagen 200 Anmeldungen auf seinem Tisch. Absagen kamen nicht in Frage und so hieß es, in kurzer Zeit weitere Lehrkräfte zu finden. Larissa Bielefeld war eine der ersten Neuen.

Als sie mündlich zusagte, machte sich der Schulleiter persönlich umgehend mit Schreibmaschine und Stempel im Gepäck auf den Weg zu ihr nach Hause, um den Arbeitsvertrag aufzusetzen und an Ort und Stelle zu unterschreiben. Er wollte nichts anbrennen lassen, staunt Egon Böhmert noch heute über diese Dynamik. Das Perleberger Vereinshaus, das Wittenberger Kulturhaus und einige Schulen im Kreis standen als Unterrichtsräume zur Verfügung. Das erste öffentliche Konzert fand Weihnachten 1990 statt. „Es war toll und machte uns alle stolz.“

Mit der Kreisgebietsreform 1993 kündigte sich nochmals eine Veränderung an: Die Kreise Perleberg und Pritzwalk verschmolzen zum Landkreis Prignitz. Die Kreismusikschule Perleberg und die Kreismusikschule Pritzwalk verschmolzen zur Kreismusikschule Prignitz, in der unter der Leitung von Egon Böhmert an den Standorten Perleberg, Wittenberge und Pritzwalk sowie Karstädt, Meyenburg und Lenzen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet wurde.

Durch den Unterrichtsort Pritzwalk vergrößerte sich die Schülerzahl um zirka 200 und die in der Kreismusikschule Pritzwalk existierende Big Band, die Petko Petkov und Peter Jekal aufgebaut hatten, bereicherte den gemeinsamen Musikschulalltag.

Im Laufe der Jahre vergrößerte sich das Unterrichtsangebot, die Qualität der Ausbildung wurde gesteigert. Mit dem Ergebnis, dass im November 2001 die Auszeichnung als „Anerkannte Musikschule“ erfolgte.


Mehrere Ensembles stehen auf den Bühnen


„Die Kriterien, die wir dafür erfüllen mussten, waren hoch“, würdigt Egon Böhmert die Arbeit seiner damals 33 Lehrkräfte, die darum bemüht waren, dass die 800 Schülerinnen und Schüler immer den richtigen Ton trafen. Ein eigenes Gebäude in der Eichenpromenade in Perleberg wurde bezogen, in dem nicht nur unterrichtet wurde, sondern auch die Verwaltung ihren Sitz bekam und von dem aus bis heute das „Orchester Kreismusikschule“ dirigiert wird.

Das tat Egon Böhmert bis Oktober 2002, dann übergab er den Taktstock an Heiko Leu. Er übernahm ein gut gestimmtes Ensemble, das er acht Jahre führte und das sich der Öffentlichkeit nicht nur mit Solo- und Orchesterkonzerten, Musicals und Ballettaufführungen präsentiert, sondern auch mit solchen Projekten wie der Ausrichtung der Landesmusikschultage 2001 und 2003 und der regelmäßigen Teilnahme am Wettbewerb „Jugend musiziert“. Seit August 2010 leitet Alexander Girsch die Kreismusikschule Prignitz und in diesem Jahr steht er vor seiner bisher größten Herausforderung: In Wittenberge finden im Juli die Landesmusikschultage statt.  

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