Brügger Hof : Seit Jahrzehnten ein zweites Zuhause

Hausleiterin Simone Leu (l.) freut sich über den symbolischen Scheck, den die einstigen Heimkinder Karl-Heinz Brüdigam und Heike Mebs (r.) überreichen.
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Hausleiterin Simone Leu (l.) freut sich über den symbolischen Scheck, den die einstigen Heimkinder Karl-Heinz Brüdigam und Heike Mebs (r.) überreichen.

Ehemalige Heimkinder übergeben Spendenscheck für Jubiläumsfeier des Brügger Hofes, die im kommenden Jahr stattfindet

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19. November 2015, 00:33 Uhr

Der Brügger Hof Dallmin, eine psychotherapeutische Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit lerntherapeutischem Angebot zur schulischen Wiedereingliederung, feiert im September 2016 sein 20-jähriges Bestehen. Zur Ausrichtung des Jubiläums ist jede finanzielle bzw. materielle Unterstützung gern gesehen. So freute sich Hausleiterin Simone Leu diese Woche über einen Spendenscheck von 350 Euro – noch dazu, da er von ehemaligen Heimkindern übergeben wurde.

Im Oktober trafen sich in Dallmin einstige Heimkinder aller Jahrgänge ab 1953, für die das frühere Gutsschloss zu DDR-Zeiten zu einem zweiten Zuhause geworden war. 50 Ehemalige folgten der Einladung, veröffentlicht auf der Internetseite www.heimkinderdallmin.de. „Es wären noch mehr gekommen, wäre nicht die Seite defekt gewesen”, meint Karl-Heinz Brüdigam, selbst Heimkind.

Für das Treffen war ein Unkostenbeitrag erhoben worden für Beköstigung und mögliche Übernachtung. Die nicht verbrauchten Gelder gingen jetzt an den Brügger Hof: 350 Euro. 2011 gab es bereits ein Treffen der Jahrgänge 1975 bis 1985, dessen Teilnehmer spendeten ihren Unkosten-Restbetrag von 186 Euro. Er wurde zur Instandsetzung eines Sandkastens verwendet.

Karl-Heinz Brüdigam kam 1957 als Neunjähriger nach Dallmin aus einem Heim aus Schwerin, das aufgelöst wurde. Er besuchte hier bzw. in Karstädt die Schule, schloss sie erfolgreich ab, drückte weiter die Schulbank, wurde Erzieher und kehrte 1969 nach Dallmin zurück, um hier in diesem Beruf zu arbeiten. Von 1983 bis 1989 leitete der Diplom-Pädagoge das Heim. „Ich verbrachte hier die Hälfte der Kindheit, meine Jugendzeit und viele Berufsjahre. Für mich ist Dallmin ein Stück Heimat, mit der sich viele dankbare Erinnerungen verbinden. Natürlich gab es Dinge, die nicht so in Ordnung waren, so wie in manchen Elternhäusern auch. Keine Frage, jeder hat das Heim anders erlebt. Doch möchte ich mich energisch dagegen verwehren, dass in politischen Diskussionen Heimerziehung in der DDR einseitig auf Unrecht fokussiert wird. Mich hat das Heim gut auf das Leben vorbereitet”, betont der heute 68-Jährige.

Ähnlich sieht es Heike Mebs, in Dallmin eher unter ihrem Mädchennamen Preusker bekannt. In Blüthen zu Hause, kam sie 1974 als Siebenjährige mit vier weiteren Geschwistern nach einem tödlichen Unfall der Mutter in das damalige Kinderheim „Ernst Thälmann“.

„Es gab Höhen und Tiefen, insgesamt war es aber schön. Was wir hier alles unternahmen, hätten wir wohl zu Hause nicht erlebt. Zum Beispiel die Ferienlager in Bad Brambach oder das Zelten in Neustadt/Glewe“, blickt die heute 48-Jährige zurück. Über eine Patenschaft kooperierte das Heim mit einem Textilbetrieb in Werdau/Zwickau und nutzte mehrfach dessen Ferienheim in Bad Brambach. Nicht verschwiegen werden soll der „Hintergedanke“” des Betriebes, Berufsnachwuchs aus Dallmin zu gewinnen. Und so wurde auch Heike Preusker 1983, damals 16, nach Werdau gelockt. 26 Jahre blieb sie hier, arbeitete in dem Textilbetrieb, heiratete und gründete eine Familie. 2009 zog es sie wieder nach Dallmin zurück.

„Das Heim und seine Bewohner waren im Dorf nicht isoliert, sondern integriert. Die Mädchen und Jungen haben mit den Kindern im Ort gespielt, sind hier zur Schule gegangen, haben Kartoffeln gesammelt und Rüben gehauen und auch Kulturprogramme aufgeführt, unter anderem mit Volkstanz- und Musikgruppen“, erzählen Brüdigam und Mebs.

Das einstige Kinderheim, 1953 gegründet (zuvor Ausbildungsstätte für Neulehrer) und zu Spitzenzeiten mit bis zu 65-70 Kindern und Jugendlichen belegt, wurde 1992 aufgelöst. Die Tür schloss damals Simone Leu zu, 1985 als Erzieherin angefangen und 1991 als Leiterin eingesetzt. Nach vier Jahren Leerstand übernahm der Brügger Hof, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) mit Hauptsitz in Brügge/Holstein, Schloss Dallmin, das seit 2008 wieder von Simone Leu geleitet wird.

Im Leitbild bzw. in den Angeboten des privaten Trägers der Jugendhilfe heißt es: „In die Gemeinschaft des Brügger Hofes nehmen wir Kinder und Jugendliche auf, die auffällige Verhaltensweisen und erhebliche schulische Defizite mitbringen und in ihren Herkunftsfamilien oder mit familienähnlichen, ambulanten, teilstationären bzw. vorangegangenen stationären Hilfeformen nicht mehr förderbar waren. Die uns anvertrauten jungen Menschen lernen im Brügger Hof gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu erkennen, zu akzeptieren und sich diesen behutsam anzupassen, ohne dabei ihre eigenen Interessen aus dem Blick zu verlieren.“

Derzeit leben 24 Jungen im Alter von acht bis 16 Jahren im Schloss sowie weitere drei Jungen in einer betreuten Wohngruppe auf dem Gutsgelände. Zudem ist in einem separaten Gebäude eine Tagesgruppe untergebracht. Die elf Mädchen und Jungen werden morgens geholt und am Nachmittag wieder zu ihren Familien zurückgebracht. Bis zur Reintegration ins öffentliche Schulsystem werden alle Kinder und Jugendlichen in der heiminternen Lerntherapie betreut.

Eine weitere Wohngruppe mit sechs Jugendlichen wird in der Quandtschen Villa in Pritzwalk auf das selbstständige Leben vorbereitet. Zusätzlich zu den elf Kindern in der Dallminer Tagesgruppe betreuen die Erzieher in zwei Wohnungen aktuell vier minderjährige unbegleitete Flüchtlingskinder. „Die Verständigung klappt gut. Die 15- und 16-Jährigen wollen Deutsch lernen und gehen auch zur Schule“, erzählt Hausleiterin Beate Haas-Neukirch.  





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