Prignitz : Segenszauber auf einer Karte

Eine Neujahrskarte, wie sie bei dem Perleberger Händler W. Mewis zu finden waren.  Repro: Hennies
Eine Neujahrskarte, wie sie bei dem Perleberger Händler W. Mewis zu finden waren. Repro: Hennies

Linsen verhelfen zu Gold, eine Sense vertreibt Hexen – Über Prignitzer Bräuche zum Jahreswechsel

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31. Dezember 2018, 12:00 Uhr

Zum Jahresende werden Raketen in den Himmel geschossen und Böller geworfen. Ihr lautes Knallen wird die bösen Geister vertreiben, glaubten die Prignitzer noch im 19. Jahrhundert. Damals schoss man in den Dörfern am Silvesterabend statt mit Raketen mit Gewehren in den Ziehbrunnen, knallte mit Peitschen, um mit dem Krach den gleichen Zweck zu erfüllen. „Seit der Handel Knallkörper liefert, wird auch bei uns in neuerer Zeit ausgiebig geballert“, berichtet der Premsliner Ortschronist Franz Giese 1970.

Der Lärm in der Silvesternacht sollte aber auch die Freude über den Sieg des Lichtes, die erneute Fruchtbarkeit der Erde und das für das kommende Jahr erhoffte Glück sein. Franz Giese berichtet: „Sobald der Uhrzeiger auf 12 rückt oder der Gongschlag des Lautsprechers den Anbruch des neuen Jahres kündet, mischt sich in das lustige, unbefangene Böllern der Jugend der ernste Klang der Kirchenglocken, der die Alten mit einem bestimmten Blick in die Vergangenheit und Zukunft aufhorchen lässt. Glockengeläut in der Silvesternacht war nicht immer Brauch in Premslin. Es erklingt erst seit den 1920er Jahren.“

Die Sitte, sich in der Silvesternacht für das neue Jahr Glück zu wünschen, war ursprünglich keine bloße Höflichkeit, sondern ein Segenszauber. Daher kommt die Sitte, seit über 100 Jahren Neujahrskarten zu verschicken. Ende Dezember 1868 bot der Perleberger Buchhändler Louis Kloß im „Kreisblatt für die Westprignitz“ eine „große Auswahl von vorjährigen humoristischen Neujahrskarten zum halben Kostenpreis“ an. Der Lithograph C. Krüger empfahl in Perleberg sein „großes Lager von höchst eleganten Neujahrskarten“. Der Perleberger Händler W. Mewis hatte „gute und billige Neujahrskarten in großer Auswahl“.
Am Silvesterabend aßen früher diejenigen Linsen und Hirsebrei, welche im kommenden Jahr zu Geld und Gold kommen wollten. Heute ist in vielen Familien der Silvesterkarpfen üblich. Franz Giese überliefert, dass dies erst nach dem 1. Weltkrieg in Premslin Brauch wurde. Die Anregung vermittelten Fischhändler aus Lenzen und Perleberg, welche die Karpfen ins Dorf brachten.

Punsch und Pfannkuchen gehören seit jeher zur Silvesterfeier, bei der in der Wohnstube Konfetti und Luftschlangen auf die Gäste geworfen werden. Zum Bleigießen ist bei Franz Giese zu lesen: „Junge Mädchen wollten aus der Form des im Wasser erstarrten Metalls die Schicksale des kommenden Jahres erforschen. Bis zum 2. Weltkrieg wurde der Brauch noch vereinzelt ausgeübt, allerdings mehr zur Unterhaltung und im Scherz als in erstem Glauben.“

Abergläubische Prignitzer achteten Silvester auf die Windrichtungen, zogen sie doch darauf Rückschlüsse auf das bevorstehende Jahr: Ostwind bringt Obst, Südwind Korn, Westwind Milch und Fische, Nordwind Sturm und Kälte. Weht allerdings am Neujahrsmorgen starker Wind, egal aus welcher Richtung, dann wird das Jahr viele Krankheiten bringen. Man sollte am Neujahrsmorgen gleich nach dem Aufwachen ein Lied im Gesangbuch aufschlagen, das verrät, was das neue Jahr bringt. Wer im alten Jahr zuletzt einem jungen Menschen begegnet, wird Glück haben, trifft er eine alte Frau, kommt Unglück auf ihn zu. Die alten Prignitzer hielten noch einige sichere Tipps gegen die dämonischen Kräfte bereit, die ihrer Ansicht nach uns ständig umlauern.

Alle Viehhalter müssen am Neujahrsmorgen ein Beil in die Stallschwelle schlagen, dann können die Hexen dem Vieh nichts antun. Den Viehtrog kann man gegen Hexenzauber mit Salz oder Räuchern reinigen. Hexen werden auch vertrieben, wenn man mit einer Sense ins Heu stößt. Folgende Voraussagungen verkünden Prignitzer Volksweisheit: „Wecker Neijohr reist, däi reist ganz Johr“ (wer Neujahr reist, der reist das ganze Jahr) und „Wecker Neijohr borgt, däi borgt ganz Johr“ Das heißt: „Wer Neujahr borgt, der borgt das ganze Jahr.“

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