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Lehrermangel in Wittenberge : Schwimmhalle statt Klassenzimmer

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

An der Jahn-Grundschule fielen so viele Lehrer aus, dass die Kinder anders beschäftigt werden mussten.

von
erstellt am 20.Apr.2017 | 21:00 Uhr

Der Lehrermangel an der Friedrich-Ludwig-Jahn-Grundschule nimmt zeitweise groteske Züge an. „Vor etwas mehr als einer Woche fehlten an einem Tag neun Lehrer, so dass die Klassenstufen vier bis sechs in die Schwimmhalle gingen. Es konnte einfach kein normaler Unterricht für diese sieben Klassen stattfinden“, berichtet Steffen Gitter, Vorsitzender der Schulkonferenz. Seine Tochter besucht die fünfte Klasse und war ebenfalls von diesem ungewöhnlichen Schultag betroffen. „Das erfolgte in Absprache mit der Schwimmhalle, denn es mussten ja genug Rettungsschwimmer vor Ort sein“, berichtet Rektorin Kerstin Schulz auf „Prignitzer“-Anfrage.

Ein extremer Fall, der aber symbolisch für das Problem an sich steht. Seit fünf Jahren ist die Lage an der Schule ernst. Ganze 1875 Stunden mussten im ersten Schulhalbjahr vertreten werden, 434 fielen aus. „Das sind 5,5 Prozent der gesamten Unterrichtsstunden“, hat Gitter errechnet. Über seinen Briefwechsel mit Landesbildungsminister Günter Baaske (SPD) berichteten wir bereits. Er gibt in einem weiteren Brief an Gitter zu, dass die Ausfallquote von 5,5 Prozent deutlich über dem landesweiten Schnitt für Grundschulen von 1,5 Prozent liegt. In seiner Antwort auf Gitters ersten Brief hatte Baaske noch behauptet, das Problem sei nicht schlimmer als anderswo.

Für Kerstin Schulz ist die Lage an ihrer Schule deutlich schlechter als an anderen Grundschulen der Umgebung. „Im ersten Schulhalbjahr hatten wir in der ersten Unterrichtswoche eine komplette Besetzung. Seitdem nicht mehr.“ Vier Pädagogen sind krank bzw. fallen langfristig krank aus. Um sie zu ersetzen, müssen Kollegen und die Rektorin immer wieder einspringen. „Manchmal erfährt man kurz vor Stundenbeginn, dass man vertreten muss. Eine Vorbereitung des Unterrichts ist dann natürlich nicht mehr möglich. Das zehrt an den Nerven und die Stimmung unter den Kollegen wird schlechter“, beschreibt Kerstin Schulz den Teufelskreis. Baaske spricht in seinem jüngsten Brief davon, dass der Lehrermangel an der Schule eingedämmt wird. Drei neue Pädagogen wurden bzw. sollen noch eingestellt werden. Für Steffen Gitter ist das eine falsche Einschätzung. „Wenn wir vier dauerkranke Lehrer haben, wird durch die Neueinstellungen nicht einmal das alte Niveau wieder erreicht. So fehlen trotzdem noch Lehrer.“

Inklusion derzeit kaum möglich

Die Jahnschule ist eine Einrichtung mit Inklusionskonzept. Dieses ist derzeit aber auf Eis gelegt. „Wir können nicht in kleinen Gruppen arbeiten, um einzelne Schüler besser zu fördern. Dazu brauchen wir zwei Pädagogen pro Klasse. Durch die Ausfälle muss ich aber einen Lehrer immer abziehen und in eine andere Klasse schicken, wo ein Kollege fehlt“, schildert Kerstin Schulz. Das Land möchte mehr Quereinsteiger in den Schulen, weil der Lehrernachwuchs fehlt. An der Jahnschule sind derzeit zwei „sehr engagierte“ Quereinsteigerinnen tätig, wie Schulz sie beschreibt. Beide haben einen fachfremden Hochschulabschluss. Doch sie können sich kaum für den Lehrerberuf weiterqualifizieren, weil das Land Brandenburg sehr strenge Regeln anwendet. Und: „Fachlich qualifizierte Fortbildner sind nicht beliebig verfügbar und bilden einen Engpass. Es mangelt (...) an den Personen“, schreibt Minister Baaske an Steffen Gitter. „Das heißt, diese motivierten Quereinsteiger sind gut genug, um unsere Kinder zu beschulen, aber nicht qualifiziert, sich fortzubilden. Das ist absurd“, findet Steffen Gitter klare Worte. Kerstin Schulz würde die beiden gern auf lange Sicht behalten. Doch wenn die dauerkranken Kollegen zurückkommen, müssen sie weichen. „Ich würde mir wünschen, dass sie parallel weiter bei uns Erfahrungen sammeln könnten, indem sie hospitieren und assistieren. Anschließend sollte ihnen eine Perspektive eröffnet werden.“

Dass nicht jeder Fachfremde geeignet ist für diesen Job, weiß Schulleiterin Kerstin Schulz. „Deswegen müsste es beim staatlichen Schulamt eine Beratungsstelle für Interessenten geben, wo ihnen klargemacht wird, was von ihnen gefordert wird. Doch diese Beratung gibt es nicht.“ Schulz bedankt sich bei ihren Kollegen, den Quereinsteigerinnen und den Eltern für die Unterstützung, die sie täglich geben.  

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