Erntesaison in der Prignitz : Schwierigstes Jahr seit der Wende

Der Mais steht noch und die Kartoffeln müssen aus dem Boden, aber die Erntebilanz bleibt schlecht.
Der Mais steht noch und die Kartoffeln müssen aus dem Boden, aber die Erntebilanz bleibt schlecht.

Schwache Ernte und niedrige Erzeugerpreise belasten Prignitzer Landwirte – Alternativen sind nicht in Sicht

svz.de von
23. August 2016, 21:00 Uhr

2016 ist vielleicht das schwierigste Jahr für die Prignitzer Agrarwirtschaft, meinen Landwirte. Selbst Christina Stettin, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes, kann als geborene Optimistin kaum Positives erkennen. „Die Preise für fast alle Agrarprodukte sind im Keller“, sagte sie dem „Prignitzer“. So werde für Roggen zehn bis elf Euro je Dezitonne gezahlt, kein auskömmlicher Preis für Agrarbetriebe. Ähnlich sehe es bei den anderen Getreidearten aus. Auch die Preise für Milch und Fleisch seien im Keller. Und die Getreideernte liege in Qualität und Quantität unter dem Durchschnitt. Zu den Ursachen zählt die Trockenheit im Frühjahr. „Der Rat, die Produkte einzulagern, bis die Preise steigen, ist schwer umsetzbar. Für die großen Mengen gibt es keine Unterbringungskapazitäten und Lagerung kostet Geld“, so die Geschäftsführerin.

Große Sorgen bereitet den Prignitzer Landwirten der Raps. „Der Schädlingsbefall unter anderem durch den Erdfloh ist gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen. Meist werden nur noch 25 Dezitonnen pro Hektar geerntet. Die Probleme mit dem Wetter wurden durch das Verbot des Beizens von Saatgut mit Neonicotinoiden verschärft. Hält der Trend an, könnten Betriebe künftig auf Rapsanbau verzichten. Das wäre bedauerlich, diese Kultur gehört in die Prignitz“, betonte Christina Stettin. Trotz der wissenschaftlichen Untersuchung, wie sehr Neonicotinoide Bienen schaden, ist eine kurzfristige Veränderung nicht in Sicht. Der Raps für 2017 ist ausgesät, neue Erkenntnisse helfen frühestens der Ernte 2018.

Einige Betriebe haben die Milchproduktion aufgegeben und die Tiere mit guten Leistungen abgegeben. Die Geschäftsführerin verweist darauf, dass nicht alle Agrarbetriebe, selbst wenn sie das wollen, aus der Milchproduktion aussteigen können. Wer Fördermittel zur Modernisierung der Milchproduktion erhalten habe, müsse sich an die zwölfjährige Laufzeit halten oder die gesamte Förderung plus Zinsen zurückzahlen. Als Ausweg bleibt nur, die Milchproduktion zurückzufahren und eventuell eine Mutterkuhhaltung aufzubauen.

Nur eine gute Kartoffelernte sei noch möglich, aber dann würden die Preise sinken, fürchtet Christina Stettin. So viele negative Faktoren seien schon lange nicht mehr zusammengekommen. Der Ausblick bleibe schwierig, Effektivitätsreserven gebe es in den Betrieben kaum noch. Eine Durchschnittsernte hat der Landesvorsitzende des Bauernbundes, Karsten Jennerjahn, auf seinem Prignitzer Hof im Gumtower Ortsteil Schrepnitz eingebracht. Die Rapsernte sei schwächer als in den Vorjahren ausgefallen, etwa um die 25 Dezitonnen je Hektar. Bei Getreide hat Jennerjahn einen Durchschnittswert erreicht. Die Qualität sei bei ihm wie bei anderen Landwirten in diesem Bereich gut. „Alles noch im grünen Bereich“, schätzt der Landwirt ein. „Abweichungen von 20 Prozent nach oben oder unter vom Durchschnittswert sind normal, wir arbeiten in und mit der Natur, schrauben keine Autos zusammen.“

Wetterbedingte Ernteverzögerungen nimmt Jennerjahn gelassen. „Natürlich ist eine zügige Ernte gut für die Qualität. Aber früher haben wir noch im September gedroschen, jetzt soll möglichst Anfang August alles erledigt sein. Die Ernte durch höheres Tempo der Maschinen zu beschleunigen, erhöht die Körnerverluste und feuchtes Getreide zu trocknen kostet Geld.“

Von einer nicht gravierend schlechten Ernte bei den Familienbetrieben geht Reinhard Jung, der Landesgeschäftsführer des Bauernbundes, aus. Zu Problemen habe der fehlende Regen im Frühjahr bereitet. Auch makroökonomische Faktoren schlügen bis in die Prignitz durch. Seit einigen Jahren habe sich ein Trend herausgebildet, dass sinkende Ölpreise auch die Erzeugerpreise für Agrarprodukte negativ beeinflussten. Dies hänge unter anderem mit der energetischen Nutzung einiger Agrarprodukte für Kraftstoffe und die Herstellung von Biogas zusammen.

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