Schwester Annette sagt Tschüss

<strong>Annette Sprössel ist die dienstälteste</strong> Angestellte im Kreiskrankenhaus. 1966 begann sie ihre Ausbildung. Am 31. Dezember wird sie in den Ruhestand gehen. Fotos: Hanno Taufenbach
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Annette Sprössel ist die dienstälteste Angestellte im Kreiskrankenhaus. 1966 begann sie ihre Ausbildung. Am 31. Dezember wird sie in den Ruhestand gehen. Fotos: Hanno Taufenbach

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01. März 2013, 11:04 Uhr

Perleberg | Sie ist die letzte ihrer Art. Ein Dinosaurier auf der Frauenstation. Mehr noch. Ein Dino im Krankenhaus: Schwester Annette Sprössel. 1966 begann sie ihre Lehre. Keiner ist länger dabei, keiner hat mehr Kollegen kommen und gehen gesehen, keiner kann mehr Geschichten erzählen.

Aufgeregt sei sie gewesen. Damals, am Tag ihres Vorstellungsgespräches bei Dorothea Fleischer. Ihre Worte hatte sie sich zurecht gelegt, wollte gerne Säuglingsschwester werden. Doch dieser Plan scheiterte. Schuld war ihr Vorname. "Dorothea Fleischer fragte, wie ich heiße. Kaum sagte ich meinen Namen, entschied sie kurzerhand, dass ich Krankenschwester werde, weil sie noch keine Schwester Annette hatte." Basta. So schnell kann es gehen im Leben.

Und dann wurde auch noch die Geriatrie in der Wahrenberger Straße in Wittenberge ihre erste Ausbildungsstation. Ausgerechnet die Station, mit alten Menschen in den Betten. Ganz anders, als Annette Sprössel es sich vorgestellt hatte. "Der erste Anblick war erschreckend", gesteht sie.

Doch die Arbeit machte ihr Spaß. Sie erzählt von einem Alltag, den ihre jungen Kollegen nur noch aus Filmen kennen. "In einem riesigen Becken mussten wir Wäsche vorwaschen, bevor sie eingeweicht in die Wäscherei ging." Desinfektionslösungen wurden selbst angemischt, Tupfer während der Nachtschicht gedreht, gewaschene Binden aufgewickelt, Katheter und Spritzen ausgekocht. Heute ist all das unvorstellbar, wird fast nur mit Einwegmaterial gearbeitet. Rückblickend bezeichnet Schwester Annette dies als die für sie größte Revolution im Berufsalltag einer Krankenschwester.

Sie wechselte in die Chirurgie, hob Patienten auf den OP-Tisch - eine körperlich schwere Arbeit. Heute erleichtern modernste Betten diese Routinetätigkeit. Schwerstkranke lagen neben Leichtkranken. Eine Intensivstation gab es nicht. Eine Intimsphäre auch nicht. Bis zu sechs Betten standen in den Zimmern. "Notfalls schoben wir ein siebentes hinein."

1969 wechselte sie in die Urologie und nach der Geburt ihrer ersten Tochter 1973 in die Poliklinik am Heinrich-Heine-Platz. Dort arbeitete sie in der Jugendzahnklinik. 1975 kam die zweite Tochter zur Welt, und um den Schichtdienst zu vermeiden, wurde sie 1978 Gemeindeschwester.

Bis 1990 fuhr sie mit einem blauen Fahrrad zu ihren Patienten in Wittenberge und bis nach Bentwisch. "Mit der Schwalbe habe ich mir das nicht zugetraut, und so blieb nur das Rad", sagt sie. Es sei eine schöne Zeit gewesen. Eine Zeit, in der sie nicht auf die Minute achten musste. Eine Zeit, in der sich eine Schwester noch Zeit für ihre Patienten nehmen konnte. "Wir haben viel miteinander erzählt, über die Familie, über Probleme und zum Geburtstag saß die Gemeindeschwester mit am Tisch. Wir gehörten zur Familie dazu."

Im Mai 1990 kehrte Annette Sprössel zurück in die Klinik. Neun Jahre blieb sie in der Chirurgie, bis ein Herzinfarkt sie aus dem Berufsalltag schleuderte. Vielleicht war es eine Laune des Schicksals, eine glückliche Fügung zum Ende ihres beruflichen Weges: Die Entbindungsstation auf der Gynäkologie wurde im September 2000 ihr Arbeitsplatz.

Seit 13 Jahren erlebt sie nun täglich das Wunder des Lebens immer wieder neu. Hält zarte Händchen, streichelt süße Wangen, gibt Müttern Tipps beim Stillen. Es ist die Arbeit, von der die junge Annette einst geträumt hatte. Lange überlegt sie, welche Abteilung sie beruflich noch gereizt hätte. "Vielleicht die Intensivstation."

Am 31. Dezember wird die 62-Jährige die Stationstür für immer hinter sich schließen. Mit Annette Sprössel sagt dann jemand Tschüss, der 47 Jahre lang für dieses Haus gearbeitet hat. So etwas wird sich wohl nicht wiederholen, sagt der Dinosaurier. Annette Sprössel ist die letzte ihrer Art.

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