Nutrias in der Prignitz : Schwerer Abschied in die Freiheit

Wieder auf sich allein gestellt: Nutrias „Ernie und Bert“ fühlen sich Nahe der Löcknitz trotz Gefahren sichtlich wohl.
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Wieder auf sich allein gestellt: Nutrias „Ernie und Bert“ fühlen sich Nahe der Löcknitz trotz Gefahren sichtlich wohl.

Prignitzer Nutrias von ihrer Ziehmutter wieder ausgewildert / Tagelange Vorbereitung und Umstellung für „Ernie und Bert“

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12. April 2015, 10:00 Uhr

Als es dann soweit war, ging alles ganz schnell. Ein paar kurze Blicke zurück auf ihre Ziehmutter und schon waren die beiden Nutrias vorerst im Wasser verschwunden. Lang und Ereignisreich war jedoch der Weg, den die beiden bis zu dieser augenscheinlich recht alltäglichen Situation zurücklegen mussten.

Begonnen hatte alles Ende November in der Nähe von Muggerkuhl. Hier entdeckte eine Prignitzerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, die beiden verlassenen Jungtiere. Hatte sie die Familie mit den sechs Jungen schon öfter beobachtet, wirkten die Tiere nun verstört. „Der Kleine hat am Ufer gerufen. Wo sonst immer die Geschwister und die Mutter geantwortet haben, war nun nichts mehr zu hören. Da wusste ich schon, dass etwas ganz schlimmes passiert sein musste“, erzählte sie damals. Schnell war klar, dass die Tiere ohne Mutter den Winter nicht überstehen würden, also nahm sich die Tierschützerin der Nutrias an. Und nicht nur das – sie richtete ihnen bei sich zuhause auch ein regelrechtes Nutria-Paradies ein, mit Schwimmbereich, genügend Auslauf und Platz zum graben. Doch immer mit der Prämisse die beiden irgendwann wieder auszuwildern. Jetzt war es soweit.

Und dass es ein besonderer Tag für die „Ernie und Bert“ getauften Sumpfbiber sein würde, schienen beide bereits sehr früh zu spüren. „Ich bin am Samstag um 5 Uhr aufgestanden und habe alles vorbereitet. Um 6.30 Uhr saßen die beiden schon vor der Tür und wollten raus, das war um diese Uhrzeit noch nie der Fall“, erzählt die Tierschützerin. Vorausgegangen waren mehrere Tage, an denen die beiden auf ihre nahende Freiheit vorbereitet wurden. „Ich habe verstärkt versucht Schilf und Algen mitzubringen, da sie in der Natur die Schilfwurzeln fressen – das ist zu dieser Jahreszeit gar nicht so einfach“, erzählt sie und ergänzt: „Es wurde jetzt auch Zeit – sie wollten einfach raus. Vor allem Bert stand schon wieder verstärkt am Zaun und hat nach Mädchen gerufen.“

Das sollte nun ein Ende haben. In ihrer natürlichen Umgebung sollten die Jungtiere wieder das Leben ihrer Artgenossen führen. „Wir haben sie dann in die Nähe der Löcknitz, an einen ruhigen Ort gebracht. Sie sind dann noch eine Stunde in meiner Nähe geblieben, haben die Schwäne neugierig betrachtet und sind denen dann gefolgt“, so die Prignitzerin, die allein an diesem Tag fast zwölf Stunden in der Nähe ihrer Schützlinge blieb. Vor allem „Bert“ sei sofort ganz „cool“ in die Freiheit gestürzt, während „Ernie“ ganz seinem Charakter nach eher scheu und zurückhaltend die neue Umgebung annahm.

Auch am Folgetag war dies noch zu spüren. „Ernie war etwas eingeschüchtert. Das erkennt man an gewissen Verhaltensarten, die die Nutrias zum Spannungsabbau nutzen – etwa mit Schilf rumzuspielen. Aber auch das wird sich noch geben“, erklärt die Ziehmutter, die ihre Schützlinge noch ein paar Tage begleiten will, gelegentlich etwas Futter verteilt und dabei die Abstände zwischen den Besuchen stetig verlängert.

„Die beiden haben sich ja auch selbst auf ihre Freiheit vorbereitet, Höhlensysteme gegraben usw. Bert sitzt teilweise schon da wie ein Alter, nur meinem ‚Wintergarten-Ernie‘ sind manche Dinge noch etwas suspekt“, so die Prignitzerin, bei der sich stolz und Abschiedsschmerz abwechseln: „Im Vorfeld habe ich mehr gelitten als im Moment. Dadurch, dass Bert sich sich so verhält, als ob er nie woanders war, ist mittlerweile alles in Ordnung.“

Nun verschwindet nach und nach die Anlage auf dem Hof und auch die Terrasse, die Nachtbehausung der Nutrias, wird zurückgebaut. „Es ist schon ungewohnt ohne die Tiere aufzuwachen. Es ist nun wesentlich ruhiger, aber trotzdem anders“, so die Tierschützerin, die sich mehrere Stunden täglich mit den Nutrias beschäftigte.

Was bleibt sind die Erinnerungen, wie „Ernie“ einmal bei aufgelassener Tür ins heimische Wohnzimmer stürmte oder die Bilder der Tiere beim spielen. „Sie mussten aber wieder in die Natur es sind wilde Tiere und ich kann ihnen kein Halsband umbinden“, rekapituliert sie.

Und noch eine Hoffnung hat die Tierfreundin: „Dass die beiden vielleicht zumindest noch dieses Jahr in ihrem jetzigen Areal bleiben, denn sobald sie wandern, sind sie Freiwild. Wenn sie dann irgendwann eine eigene Familie gründen und fort gehen, ist das nun einmal so.“

Dass sie jedoch trotz Auswilderung nicht gänzlich von ihren Lieblingen lassen kann, zeigt sich bei ihren Abschiedsworten: „Tschüss, ich muss jetzt zu meinen Kinderchen.“

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