Lesung in der Kirche : Schwere Kost verdaulich serviert

Sie machten gemeinsam die nicht alltägliche Lesung in der Groß Woltersdorfer Kirche möglich (v. r.): Halldor Lugowski (Wahrbergeverein), Christian Gogoll (Pfarrer), Isolde Pickel (Bibliothek Meyenburg), Inez Maus (Autorin), Patrick Blumenthal (CJD Prignitz/Abteilungsleiter Autismus-Kompetenzen), Thomas Brandt (Bürgermeister).
Sie machten gemeinsam die nicht alltägliche Lesung in der Groß Woltersdorfer Kirche möglich (v. r.): Halldor Lugowski (Wahrbergeverein), Christian Gogoll (Pfarrer), Isolde Pickel (Bibliothek Meyenburg), Inez Maus (Autorin), Patrick Blumenthal (CJD Prignitz/Abteilungsleiter Autismus-Kompetenzen), Thomas Brandt (Bürgermeister).

Beachtenswerter Abend in der Groß Woltersdorfer Kirche: Akteure arbeiteten sowohl Kinder-Euthanasie in der Nazizeit als auch Autismus gut auf

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07. März 2016, 08:00 Uhr

So viele Besucher habe die kleine Groß Woltersdorfer Kirche schon lange nicht mehr gehabt, stellte Pfarrer Christian Gogoll am Freitagabend erfreut fest. Dass viele kamen, war beim Thema des Abends durchaus nicht selbstverständlich, denn die Euthanasie behinderter Kinder in der Nazizeit ist eine schwer verdauliche Kost und gehört zu den mit Abstand dunkelsten Kapiteln der deutschen Geschichte.

Aber, wie kam es überhaupt zu diesem ungewöhnlichen Abend an diesem Ort? Die Meyenburger Bibliothekarin Isolde Pickel und die Berliner Autorin und Dozentin Inez Maus traten im Rahmen des Projektes „ÜbeRmut“ bereits 2015 in Kontakt. „ÜbeRmut“ ist ein Kunstprojekt des Vereins Autismus Deutschland e. V., Landesverband Brandenburg. Vor diesem Hintergrund gab es im vergangenen September in Meyenburg eine Lesung zu Kinder-Euthanasie im „Dritten Reich“ mit Ausstellungs-Vernissage. Inez Maus’ Sohn Benjamin ist Autist. Sie setzt sich publizistisch mit diesem Thema auseinander. Der räumliche Bogen zu den vom CJD in Groß Woltersdorf und Seefeld betreuten Autisten war schnell geschlagen. Schon damals, so Isolde Pickel, bestand der Wunsch, eine weitere ähnliche Veranstaltung in der Region durchzuführen. Mit Unterstützung des Groß Woltersdorfer Wahrbergevereins, des Pfarrsprengels Lindenberg/Buchholz des CJD und der Gemeinde gab es die Neuauflage nun am Freitagabend.

Pfarrer Christian Gogoll fand sehr offene, einführende Worte, in denen er daran erinnerte, dass die Kirche sich mitschuldig fühlte und fühlt an dem, was seinerzeit geschah, an der Tötung „lebensunwerten Lebens“. 1945 bekannte die evangelische Kirche in Deutschland offiziell: „Wir waren nicht genug mutig.“ Protest gegen die systematische Auslöschung von Kinder-Leben habe es nur intern und im Untergrund gegeben. Lediglich Kardinal Clemens August Graf von Galen aus Münster habe die Geschehnisse in öffentlichen Predigten angeprangert und es damit – zumindest für kurze Zeit – sogar geschafft, dass die so genannte Aktion T4, gestoppt wurde.

Ebenso spannend wie die historischen Hintergründe, die Inez Maus im Verlauf des Abends weiter ausführte und belegte, waren die Passagen aus dem Buch „Hugo. Der unwerte Schatz“, die Isolde Pickel vortrug. Der Leipziger Autor Tino Hemmann erzählt darin an einem konkreten Schicksal in ergreifender Art und Weise über die NS-Verbrechen. Nach den Darbietungen in der Kirche tauschten sich Interessierte in der Gaststätte „Zur Hexe“ aus, u. a. zu den Publikationen von Inez Maus. Ermöglicht wurde der Abend auch durch die Unterstützung des Engelsdorfer Verlages (Leipzig), in dem die Bücher von Tino Hemmann und Inez Maus veröffentlicht sind. Er erlaubte die kostenfreie Verwendung der Werke.  

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