Oberschule und Gymnasium Pritzwalk : Schülerzahlen bis 2025 sicher

sep

Kreisliche Schulverwaltung widerspricht Aussagen von Finanzminister Görke und sieht Standort Pritzwalk nicht gefährdet

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28. Juli 2014, 22:00 Uhr

„In Pritzwalk gibt es heute ein Gymnasium und eine Oberschule, aber 2019 werden beide Schulen nicht genügend Schüler haben – deswegen braucht es die Gemeinschaftsschule, um den Standort zu erhalten.“ Wieviel Wahrheit steckt in diesen Worten, die Brandenburgs Finanzminister und Linken-Spitzenkandidat Christian Görke zuerst auf dem Landesparteitag seiner Partei vor gut drei Wochen sprach und auch auf Nachfrage gegenüber unserer Zeitung mehrfach bestätigte?

Nur wenig, heißt es aus der Prignitz. Die Behauptung Görkes entbehre jeglicher Grundlage und sei aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar, machte Harald Glöde, Schulleiter am Pritzwalker Goethe-Gymnasium, deutlich und verwies auf Zahlen des kreislichen Schulentwicklungsplans. Dieser prognostiziert für das von Görke angesprochene Jahr 2019 insgesamt 158 Schüler, die aus der Grundschule in die Sekundarstufe I wechseln. Bis zum Schuljahr 2024/2025 sind diese Zahlen nahezu konstant und sinken nie unter 129 Schüler.

„Bei der Schulentwicklungsplanung stützen wir uns auf etablierte Berechnungsmethoden, die im Laufe der Jahre stets verfeinert worden sind und recht genaue Prognosen über die Schülerzahlen der Zukunft ermöglichen“, sagt Barbara Nieß, Leiterin des Sachbereichs Schulverwaltung, Kultur und Sport bei der Kreisverwaltung. Ihr Kollege Bernd Kaffenberger erklärt das Procedere: „Basis für den Schulentwicklungsplan sind zuerst die Grundschüler, die in absehbarer Zeit in die Sek I wechseln. Für weiterführende Prognosen ziehen wir die bereits geborenen Kinder heran, die noch nicht in die Schule gehen. Diese Daten erheben wir von den Ämtern und Gemeinden. Weitere Variablen für die Vorhersagen sind das Wahlverhalten aus den Vorjahren, also ob die Schüler nach Klasse 6 aufs Gymnasium oder die Oberschule wechseln, sowie eine angenommene Verlustrate von 10 bis 15 Prozent, in der Wiederholer und Schulwechsler berücksichtigt werden.“

Zwar gebe es auch über das Schuljahr 2024/2025 hinaus bereits Prognosen, diese basierten aber auf Daten des Landes zur allgemeinen Bevölkerungsentwicklung. „Das ist ein bisschen Glaskugelvorhersage, deswegen äußern wir uns dazu nicht öffentlich“, sagt Kaffenberger, räumt aber ein, dass es künftig aufgrund des erwarteten so genannten demografischen Echos, einer Phase, in der Geburtenschwache Jahrgänge selbst nur wenige Kinder bekommen, zu Veränderungen kommen wird. Diese beträfen aber zunächst die Grundschulen.

„Anhand der Zahlen, die mir die Fachkollegen zugearbeitet haben, bleibt mir nur zu sagen, dass diese Diskussion, wie sie Minister Görke angestoßen hat, aus heutiger Sicht nicht sinnvoll ist und wir die Pritzwalker Schulen erhalten können“, kommentierte der künftige Landrat Torsten Uhe den Sachverhalt.

Vergleicht man die Zahlen aus dem Schulentwicklungsplan mit den Mindestanforderungen, die das brandenburgische Schulgesetz zur Einrichtung von Klassen ab Oberschulen und Gymnasien verlangt, wird klar, Görke hat unrecht. „Oberschulen und Gymnasien müssen mindestens zweizügig sein, wobei für die Oberschulen im ländlichen Raum mindestens zwölf Schüler pro Klasse, für die Gymnasien einheitlich 27 Schüler pro Klasse das Minimum sind“, sagt Stephan Breiding, Pressesprecher des Bildungsministeriums. Kleiner dürften die Jahrgänge nicht werden, da es sonst kaum mehr möglich sei, den Fachunterricht abzudecken. Ausnahmen seien jedoch möglich, wenn an anderen Schulen keine Kapazitäten frei sind oder die Fahrten dorthin mit einem unzumutbaren Aufwand verbunden sind.

Offen bleibt, woher der Finanzminister seine Informationen zu den Schülerzahlen erhielt. Laut eigener Darstellung habe er mit Stadtverordneten in Pritzwalk gesprochen. „Tatsächlich gab es eine Diskussionsrunde mit Görke“, bestätigt Pritzwalks Stadtverordnetenvorsteher Klaus-Peter Garlin. „Dabei haben wir aber auf strukturelle Probleme im Land aufmerksam gemacht, insbesondere fehlende Lehrerstellen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Stadtverordneter über zu niedrige Schülerzahlen geklagt hätte. Vielmehr hat Herr Görke dieses dunkle Bild gemalt.“ Was der Finanzminister in einer internen Runde mit der Pritzwalker Linksfraktion besprochen habe, das entziehe sich jedoch seiner Kenntnis, so Garlin.

Thomas Domres, Prignitzer Landtagsabgeordneter der Linkspartei, führt die hochkochende Diskussion auf ein Missverständnis zurück. „Auf diesem Parteitag ging es allgemein um die Entwicklung der Schülerzahlen. Christian Görke wollte einen Trend verdeutlichen, der perspektivisch sicher kommen wird, und nicht den Schulstandort Pritzwalk totreden.“ Dass die Schülerzahlen zurückgehen würden, sei unstrittig, und man müsse sich bereits jetzt mit Lösungsansätzen beschäftigen. „Ob die von der Linken favorisierte Gemeinschaftsschule der richtige Weg ist, ist offen, aber man muss darüber reden, denn es gilt auch, Gesetze rechtzeitig anzupassen.“

Christian Görke ist derzeit im Urlaub und hat noch nicht auf die „Prignitzer“-Anfrage reagiert.

Kommentar

Absolut unsensibel

von Lars Reinhold

Dass Politiker wenige Wochen vor der Wahl ordentlich  Stimmung machen, ist klar. Mit der Aussage, in Pritzwalk gäbe es ab 2019 nicht genügend Schüler für beide weiterführenden Schulen, hat sich Görke aber selbst ins Bein geschossen. Ein Finanzminister, der  öffentliche  Aussagen mehrfach in offensichtlichem Widerspruch zu fundierten Zahlen vorbringt ist schon peinlich genug. Noch schwerer wiegt aber, dass er mit den Pritzwalker Schulen zwei  heilige Kühe schlachten wollte, um im Bildungsstall Platz für die Gemeinschaftsschule, eine programmatische Idee seiner Partei, zu schaffen.

Der Streit um die Berger Grundschule vor ein paar Jahren hat gezeigt, wie sensibel  Bürger reagieren, wenn es um die Schulen geht. Mit diesem Thema Stimmung machen zu wollen, konnte nur schiefgehen.

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