Weihnachten : Sankt Nikolaus ist Türke

Unser Interviewpartner vor dem Imbiss in der Pritzwalker Roßstraße. In der Dömnitzstadt gehört er eigentlich schon fast zum Inventar.
Unser Interviewpartner vor dem Imbiss in der Pritzwalker Roßstraße. In der Dömnitzstadt gehört er eigentlich schon fast zum Inventar.

Für Serif Göker aus Istanbul und seine Landsleute ist Weihnachten kein Anlass zum Feiern

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27. November 2015, 12:02 Uhr

Andere Länder – andere Sitten. Das trifft insbesondere auf die Advents- und Weihnachtszeit zu. In unserer Serie „Weihnachten international“ geht es heute in die Türkei.

„Einmal mit allen Soßen? Knoblauch auch? Bitte sehr, junger Mann …“, bei Serif Gökan geht es im Döner-Imbiss in der Pritzwalker Roßstraße zu wie im Taubenschlag. Eine nette kleine Lokalität, sauber, freundliche und schnelle Bedienung. Ein Anziehungspunkt seit nunmehr fast zehn Jahren. Serif gehört praktisch bereits zum Inventar der Stadt. Der gelernte Koch lebt und arbeitet seit insgesamt 20 Jahren in Norddeutschland, ist gern hier: „Die Leute in Deutschland sind so nett“, findet Serif. Dass für ihn Advent und Weihnachten eher exotische Ereignisse sind – wer weiß das schon? Dass Serif von seiner Nationalität her Kurde ist, eine Frau und fünf Kinder sowie vier Brüder und vier Schwestern hat – darüber plaudert er mit uns, mit der „Prignitzer“-Redaktion, die, wie jedes Jahr um diese Zeit, Menschen mit ausländischen Wurzeln aufsucht und interviewt. Nach außen trägt der höfliche und eher zurückhaltende Mann das wohl eher nicht.

In Serifs Heimat, der Türkei, genauer gesagt Istanbul, kennt man das christliche Weihnachtsfest und die Adventszeit, entdeckt beides sogar nach und nach für sich. In einem Land mit rund 77 Millionen Muslimen kommt der religiöse Charakter dieser Zeit sicher nicht zum Tragen. Weihnachtsmärkte, so Serif, fände man aber auch in Istanbul, ebenso wie weihnachtliche Beleuchtung. Und Einzelhändler bieten Deko sowie Weihnachtsleckereien an. Die Tage um den 25. Dezember herum sind dort aber normale Arbeitstage. Selbst in der religiös durchmischten Familie von Serif Gökan wird Weihnachten nicht gefeiert. Sehr wohl aber, wie überall in der Türkei, der Jahreswechsel. „Silvester, das muss man sich etwa so vorstellen, wie es in Deutschland abläuft. Die Leute feiern, trinken das türkische Nationalgetränk Raki, essen gut. Und zum neuen Jahr gibt es bei uns auch Geschenke“, erzählt der 58-Jährige.

Für ihn persönlich hat das Fest sogar eine spezielle Bedeutung: Serif hat am 1. Januar Geburtstag. Dazu muss man wissen, dass Geburtstage, ebenso wie Weihnachtstage, im Islam keine besonderen Anlässe zum Feiern sind. Für Serif aufgrund des speziellen Datums aber schon. Zu seiner Familie fliegen wird er indes dennoch um Weihnachten herum, wenn in Deutschland Besinnlichkeit einkehrt und in seinen „Taubenschlag“ ein paar Tage Ruhe. „Vom 24. bis 26. Dezember bin ich in Istanbul. Anschließend komme ich wieder in die Prignitz“, blickt er voraus.

Die große Türkei also gänzlich ohne Weihnachtstradition? Das können wir so nicht stehen lassen: Immerhin wurde St. Nicholas, den wir als Nikolaus kennen und am 6. Dezember feiern, am 15. März 270 n. Chr. in Patara, einer kleinen türkischen Stadt, geboren und lebte auch die meiste Zeit dort. Sein Todestag, der 6. Dezember 343 n. Chr., ist unser Nikolaustag. Verstorben ist der Bischof in Myra (heute Demre), ebenfalls in der Türkei. Man verehrte ihn bereits zu Lebzeiten für seine Großzügigkeit, Menschlichkeit und seine Liebe zu Kindern, an die er gern Geschenke und Süßigkeiten verteilte, wie es heißt. So schließt sich der Kreis also. Obwohl die Türkei kein Weihnachts-Mekka ist, findet man auch hier kulturelle Wurzeln, die bis heute – zumindest bei uns – weiterleben. Und man muss nicht einmal lange suchen.  

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