Zeitzeugenbericht : Sah aus, als ob Pritzwalk brennt

An den Schautafeln im Pritzwalker Bahnhof zur Explosionskatastrophe erkennt Horst Paetz auf einem Bild einen Munitionszug mit einer V2-Waffe. „Die habe ich stehen sehen“, erinnert er sich.  Fotos: Martina Kasprzak
1 von 2
An den Schautafeln im Pritzwalker Bahnhof zur Explosionskatastrophe erkennt Horst Paetz auf einem Bild einen Munitionszug mit einer V2-Waffe. „Die habe ich stehen sehen“, erinnert er sich. Fotos: Martina Kasprzak

Zeitzeugenberichte anlässlich der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der verheerenden Explosionskatastrophe von Munitionszügen

von
21. April 2015, 12:00 Uhr

„Es gab einen gewaltigen Knall abends so gegen neun Uhr. Selbst bei uns in Birkenfelde flogen die Fensterscheiben raus, kamen die Dachziegel runter“, erinnert sich Horst Paetz im Gespräch mit dem „Prignitzer“ anlässlich der Gedenkfeier am Sonnabend im Pritzwalker Bahnhofsgebäudes zum 70. Jahrestag der verheerenden Explosionskatastrophe.

In der Nacht vom 15. auf den 16. April 1945 detonierten nacheinander Munitionszüge der Wehrmacht mit V2-Waffen im Pritzwalker Bahnhof. Sie waren dorthin verfrachtet worden. Einen Munitionszug versuchte Lokführer Friedrich Schein noch aus dem Bahnhof zu fahren, er bezahlte seine Heldentat mit dem Leben. Wie viele V2-Waffen explodiert waren, sechs, sieben oder mehr, kann heute nicht mehr genau nachvollzogen werden.

„Ich habe sie stehen sehen“, so Paetz. Der damals Zehnjährige war „bei meinem Großvater auf dem Bauernhof“. „Soldaten waren dort einquartiert. Selbst sie konnten sich nicht erklären, was da los war. Es gab immer wieder Explosionen, das zog sich die ganze Nacht hin. Das sah so aus, als ob Pritzwalk brennt, der Nachthimmel war hell erleuchtet“, erzählt Horst Paetz weiter. „Die große Frage war, was kommt danach? Stunden später kamen auch schon die ersten Pritzwalker zu uns raus.“

Er ist ein Zeitzeuge, der über die Katastrophe – wie einige andere auch – reden kann. Andere haben die schrecklichen Ereignisse verdrängt. „Wir gedenken heute einer der schwersten Stunden der Stadt. Die Bilder, Schreie, Fassungslosigkeit. Es kann sich niemand vorstellen, wie es ist, durch brennende Straßen zu gehen, die Toten zu sehen“, so Pritzwalks Bürgermeister Wolfgang Brockmann in seiner Ansprache.

Wo einst das Bahnhofsgebäude gestanden hatte, war nur noch ein riesiger Krater, das Bahnhofsviertel war völlig zerstört. Wie viele Menschen der Explosionen zum Opfer fielen, ist nicht bekannt. „Wir gehen von etwa 200 Toten aus. 80 konnten namentlich identifiziert werden. Es waren zu der Zeit viele sowjetische Zwangsarbeiter, Soldaten der Wehrmacht, Flüchtlinge in Pritzwalk“, hat die Leiterin des Stadt- und Brauereimuseums, Katja Rosenbaum, während ihrer Recherche in Erfahrung gebracht.

Auch der Kinosaal gegenüber dem Bahnhof, der rund 350 Besucher fasste, war voll gefüllt. An diesem Abend wurde die Komödie „Es fing alles so harmlos an“ mit Johannes Heesters gezeigt. „Die Leute sollten dadurch ein bisschen abgelenkt werden. Es war Ironie des Schicksals“, so Katja Rosenbaum. Auszüge dieses Films wurden am Sonnabend im Gepäckraum des Bahnhofs gezeigt. An der Stelle, als das Unglück seinen Lauf nahm, wurde angehalten und Schüler der AG „Darstellendes Spiel“ des Johann-Wolfgang-von-Goethe-Gymnasiums verlasen einige Zeitzeugenberichte.

„Der nächste Morgen bot einen grauenvollen Anblick. An Wiederaufbau war nicht zu denken. So blieb der Stadt nur, die Trümmer zu räumen, den Krater zu verfüllen und die Toten zu begraben“, sagte Dr. Wolfgang Simon, Vorsitzender der Gesellschaft für Heimatgeschichte Pritzwalk und Umgebung e. V., der zusammen mit Katja Rosenbaum und der Stadt die Gedenkveranstaltung vorbereitete und in den vergangenen Monaten viele Gespräche mit Zeitzeugen geführt hat.

„Krieg bedeutet Inferno, Vernichtung von Leben, so auch in unserer Stadt. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, aus der Katastrophe und den Erkenntnissen der Geschichte, des Nazi-Regimes zu lernen und an die junge Generation weiterzugeben. Und für Freiheit, Demokratie und Wahrung der Menschenrechte einzutreten“, schloss Wolfgang Brockmann.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen