Schulden : Ruck, zuck in der Schuldenfalle

Armut aus Sicht eines Wittenberger Gymnasiasten. Der Fotowettbewerb ‚Armut und Reichtum“ läuft weiter, aktuell mit Bildern von Frauen mit Kindern. Fotos: privat (2)
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Armut aus Sicht eines Wittenberger Gymnasiasten. Der Fotowettbewerb ‚Armut und Reichtum“ läuft weiter, aktuell mit Bildern von Frauen mit Kindern. Fotos: privat (2)

Insolvenzhilfe Prignitz registriert Zunahme der Schuldner und erhält für Präventionsarbeit erneut eine hohe Auszeichnung

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26. November 2014, 12:00 Uhr

Heute Rechnungen bezahlen, morgen nicht mehr. Im Landkreis ist das kein Einzelfall. Der Insolvenzhilfe Prignitz e. V. hat rund 2000 Klienten in seiner Datei, jährlich kommen 200 neue hinzu, sagt Dienststellenleiterin Marlies Schmidt.

Schlimmer noch: Die Zahl der Schuldner steigt seit einigen Jahren an, ebenso die Höhe pro Schuld und die Schuldenhöhe pro Haushalt. Die Statistik des Vereins lässt fast keine Frage unbeantwortet: Knapp 38 000 Euro beträgt die Schuld pro Haushalt, das Durchschnittsalter der Schuldner liegt bei 41 Jahren und steigt.

Betroffen sind alle Bevölkerungsgruppen, am stärksten Ledige, aber ebenso Verheiratete und Geschiedene. Zum Personenkreis gehören Arbeitslose, Arbeitnehmer ja selbst Beamte. „Jeden kann es treffen“, sagt Schmidt.

Spätestens wenn die erste Rechnung unbezahlt bleibt, sei es Zeit für Hilfe.„Dann gibt jemand mehr Geld aus, als er zur Verfügung hat“, so Schmidt. Ein Teufelskreis beginnt, irgendwann verlieren die Schuldner den Überblick: Was ist bezahlt, was offen? Wo fallen Mahngebühren und Zinsen an? Laien können diesen Finanzdschungel kaum noch überblicken.

Ein älteres Ehepaar kam in die Beratungsstelle. 3000 Euro Schulden – so dessen Schätzung. „Es waren 7000 Euro pro Nase“, musste Marlies Schmidt korrigieren. Ein läppischer Betrag von 50 Euro kann über Jahre hinweg unbemerkt wachsen und wachsen. Beauftragte Inkassofirmen steht es frei, nach wie vielen Jahren sie das Geld zurückfordern. Schulden verfallen nicht.

„Die Einstiegsdroge ist das Handy“, sagt Marlies Schmidt. Gebühren und Vertragskosten, hinzu kommen Einkäufe übers Internet... Warnungen an den Kunden wird es kaum geben, eher Lockangebote, weiterhin Geld auszugeben. „Es ist nicht verboten, Schulden zu haben. Jeder, auch die eigene Hausbank vor der Tür, will Geld haben“, warnt Schmidt vor Gutgläubigkeit und vor unübersichtlichen Verträgen, u. a. bei Hauskrediten.

Die drei Mitarbeiter der anerkannten Beratungsstelle beraten kostenlos, persönlich und bis zu sieben Jahre lang im Fall einer Privatinsolvenz. Gerade den persönlichen Kontakt hebt die Leiterin hervor. Er sei für eine gewissenhafte Betreuung unersetzbar, denn die Schuldenproblematik sei extrem komplex.

Alle Schulden, auch die lange zurückliegenden, müssen gefunden, die Gläubiger angeschrieben werden. Es geht um den Schutz des Einkommens der Betroffenen, um die Vorbereitung und Begleitung von Prozessen, um das Aushandeln von Vergleichen.

Mühelos kann Marlies Schmidt diese Aufzählung fortsetzen. „Wir machen sogar Lebensbetreuung“, sagt sie. Dazu arbeitet der Verein mit der Suchthilfe, dem Weißen Ring und anderen Beratungsstellen zusammen, stellt Kontakte her. „Wir haben ein funktionierendes Netzwerk.“

Letzter Ausweg sei die Privatinsolvenz mit all ihren Tücken und Schwierigkeiten. Wer den komplizierten Prozess vollständig durchläuft, ist nach sechs Jahren schuldenfrei, kann ein neues Leben beginnen. Und treffen kann es jeden, betont Schmidt: Trennung, Unfall und anschließende Schwerbehinderung, Arbeitslosigkeit. Oft genüge es, wenn ein Einkommen plötzlich wegbricht.

Wichtig ist Prävention und die macht der Verein auf hohem Niveau. Vergangene Woche erhielt er für das Fotoprojekt zum Thema „Armut und Reichtum“ den Paritätischen Stiftungspreis. Es ist bereits die zweite Auszeichnung für ein Präventionsprojekt des Vereins.


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