Rollstuhlrampen für Arztpraxen?

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21. Juli 2012, 01:59 Uhr

Potsdam | Die Zulassung für Arztpraxen in Brandenburg soll nach Ansicht des Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel auch an die Barrierefreiheit der Einrichtungen geknüpft werden. "Die medizinische Infrastruktur im Land muss für alle Menschen - egal ob mit oder ohne Behinderung - gleichermaßen zugänglich sein", sagte Dusel. "Ähnlich wie die Richtlinien zum Brandschutz oder Hygieneverordnungen sollte die Barrierefreiheit selbstverständlich ein Kriterium sein."

Diese Einschätzung sei eine logische Konsequenz der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, erklärte Dusel. Dort werde ein barrierefreier Zugang zur medizinischen Versorgung verlangt. Deshalb sieht der Behindertenbeauftragte auch den Staat in der Pflicht, sich für Barrierefreiheit zu engagieren. "Die Kommunen, das Land und der Bund müssen dafür sorgen, dass diese Rechte den Menschen tatsächlich auch gewährt werden können."

Viele Arztpraxen in der Mark sind nicht auf Menschen mit Behinderung eingerichtet. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg schätzt, dass nur knapp die Hälfte der rund 3000 Praxen und ambulanten Versorgungszentren für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Daten zu Behinderungen anderer Art werden nicht systematisch erfasst.

"Barrierefreiheit ist aber mehr als Rollstuhlgerechtigkeit", bekräftigte Dusel. Die Problematik betreffe zum Beispiel auch Sehbehinderte, Gehörlose oder Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. "Auch die haben ein Recht auf freie Arztwahl, eine umfassende Aufklärung durch den behandelnden Arzt und die Achtung ihrer Persönlichkeit", sagte Dusel. Besonders beim Umgang mit geistig behinderten Menschen sehe er deutliche Defizite.

Er halte es für "schlichtweg rechtswidrig" und zudem "unethisch", bestimmte Personen von der medizinischen Infrastruktur auszuschließen, erklärte der Behindertenbeauftragte. Deshalb sei ein Wandel im Bewusstsein der Gesellschaft nötig - aber auch in der konkreten Arbeit der Mediziner selbst. "Das Thema muss Eingang in die akademische Ausbildung der Ärzte finden", forderte Dusel.

Zwar sei zurzeit ein Bewusstseinswandel zu beobachten, doch die Verantwortlichen müssten noch stärker auf die Menschen mit Behinderung und deren Verbände zugehen: "Diese sind Experten in eigener Sache und wissen am besten, was sie für einen barrierefreien Zugang zur Medizin brauchen."

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