Rohrstockhiebe und knien auf Holz

<strong>Maschieren:</strong> Das üben wir noch.
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Maschieren: Das üben wir noch.

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12. Juni 2012, 07:46 Uhr

Perleberg | Es hätte gestern sein können: Vom Perleberger Wallgebäude aus zogen vor 100 Jahren Schüler und Lehrer der damaligen Gemeindeschule in Richtung Beguinenwiese. Vorn weg der Pfarrer. Ihr Ziel: Das neue Schulgebäude, das heute die Rolandgrundschule beherbergt. Mit den Worten: "Vom ältesten Gebäude kommen wir, vor dem Neuesten stehen wir", weihte der damalige Direktor Böttger das Schulhaus ein. Und dann begann der Unterricht an der neuen Gemeindeschule. Den konnte man gestern noch einmal live erleben.

Schüler und Lehrer waren ins andere Jahrhundert gesprungen und natürlich auch entsprechend gekleidet. Rektorin Herta Richter: "Als wir mit Hut und im Frack bzw. ganz in Schwarz wie eine Beerdigungsgesellschaft vor den Schülern standen, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Alle waren mucksmäuschenstill." Es wird hart durchgegriffen und so bekommen einige ganz Vorlaute schon den Rohrstock zu spüren bzw. müssen auf Holz knien, ergänzt sie schmunzelnd. "Aber die Fingernägel waren heute schon sauberer, und keines der Mädchen hatte noch lackierte Nägel", fügt Eva Hohensee an. Sie ist an diesem Tag "Herr Lehrer" und gibt Benimmunterricht. Geht die Klassenraumtür auf, heißt es aufstehen, und der Gast wird im Chor höflich begrüßt. Gerade sitzen, Hände gefaltet - "das ist ganz schön anstrengend", gesteht Marvin aus der 3b. "Aber es macht Spaß, auch wenn wir lachen müssen und nicht dürfen." Cihan, 6b, beichtet, dass so ein Rohrstock schon Furcht einflößend sei, man richtig Respekt habe. "Man kann ja nicht wissen, ob es wirklich eins auf den Hosenboden gibt." Die Lacher der Mitschüler hat er da natürlich auf seiner Seite. Fakt sei aber, einer achtet mehr auf den anderen, dass er sich auch ordentlich benimmt. "Weil es eben auch Spaß macht", sagt Jette, 6b. Sie, Pia, Kaya und die anderen haben gerade Nadelarbeit. Sticken steht auf dem Stundenplan. "Wir machen das auch in der AG. Nun können wir den anderen mal zeigen, wie es richtig geht", so die drei ganz stolz. Derweil haben die Jungen der 4a auf dem Schulhof Leibesertüchtigung bei Frau Brennauer. Schreiben lernen die Steppkes der Klasse 1a bei Frau Brunk. Erst Luftschreiben, dann mit Kreide auf der Schiefertafel. "Die Buchstaben sehen schon komisch aus, aber es ist irgendwie cool", berichtet Dion. Neben ihm auf der Schulbank hat die Oma von Leon Platz genommen. Sie ist eigens aus Magdeburg gekommen, um diese außergewöhnliche Unterrichtswoche mitzuerleben. "Es ist einfach toll und man erinnert sich an die eigene Schulzeit. Obwohl, so streng ging es bei uns schon nicht mehr zu."

Schönschreiben in Sütterlinschrift mit Federkiel und Tinte bei Frau Kohls. Fabian hat seinen Vornamen bereits zu Papier gebracht und vorlaut fragt er, ob er auch seinen Nachnamen schreiben kann. Zur Strafe musst er nach vorne, mit dem Gesicht zur Wand stehen. Gar vor die Klassenraumtür wird Sophie, 4a, verbannt. "Ich konnte nicht stillstehen im Sport. Die hinter mir haben immer gelacht." Früher seien die Lehrer ganz schön streng gewesen. "Mal das zu erleben, ist aber super. Außerdem lernen wir so einiges Neues, denn Leibesübungen oder Benimmunterricht, wer kennt das schon."

Ines Welk verfolgt als Mutti das Geschehen. "Einfach spannend, und es macht einen Heidenspaß. Es ist schon interessant, wie sich die Jungen aber auch Mädchen beim Knöpfeannähen so anstellen. Jetzt ist gerade marschieren und singen angesagt." Erst die Mädchen. "Singen vorzüglich, doch mit dem Rechnen hapert es noch. Ihr sollt euch doch in Zweierreihen aufstellen", fordert Frau Lehrerin auf.

Endlich große Pause: Auf dem Schulhof tummeln sich die Mädchen und Jungen, spielen Seilhüpfen oder Ziehedurch. Und auch hier fehlt der Rohrstock nicht, herrscht ein ungewohnt rauer Ton. "Es ist auch für uns Lehrer überaus anstrengend. Während heute die Schüler eine Aufgabe bekommen und sie dann selbstständig lösen, wurde vor 100 Jahren alles befohlen", berichtet Helga Brunk. Die Schüler waren ständig Aug’ in Aug’ mit dem Lehrer. Und wer nicht folgte, wurde gezüchtigt.

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