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Ausgrabungen in Perleberg : Richtstätte gibt Geheimnisse preis

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Lehr- und Forschungsgrabung auf dem Galgenberg. Urnenreste und Leichenbrand deuten auch auf urgeschichtlichen Bestattungsplatz

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erstellt am 24.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Der Perleberger Roland – er ist das Sinnbild für Stadtrecht und eigene Gerichtsbarkeit. Und wer die Blutgerichtsbarkeit, sprich die hohe Gerichtsbarkeit besaß, der stellte sie auch zur Schau. Ein eigener Platz bezeugte, dass man die Macht über Leben und Tod hat. Und dieser musste entsprechend gut und das Galgengerüst bzw. Schafott von weitem sichtbar sein.

Belegt ist, dass der Perleberger Galgenberg offensichtlich diese Prämissen erfüllte. Er galt einst als bedeutende Richtstätte in der Mark Brandenburg. Ab 1509 wurden in Perleberg Hexen verbrannt, wurde enthauptet und gehängt. Viele Urteile gibt es dazu, doch wisse man nicht von allen konkret, wo sie letztlich vollstreckt wurden, betont Dr. Marita Genesis von der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Seit 2014 beschäftigt sie sich mit Richtstätten. Die junge Disziplin der Richtstättenarchäologie liefert durch die Erfassung der materiellen Überreste Erkenntnisse über Vollstreckungen historischen Strafrechts.

Mit 19 Studenten der Kulturwissenschaft der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Klassischen Archäologie der Humboldt-Universität zu Berlin ist sie derzeit auf archäologischer Spurensuche auf dem Galgenberg. Mit einem Absolventen der University of Bradford sowie Studenten aus Polen ist gar ein internationales Team in Perleberg am Graben.

Wie spannend das Unterfangen werde, das vermutete man vielleicht, wusste es aber nicht, gesteht die Richtstättenarchäologin. Alles deutet darauf hin, dass hier auf einem urgeschichtlichen Bestattungsplatz später gerichtet wurde. Urnenreste mit Leichenbrand und Rudimenten bronzezeitlicher Beigaben habe man gefunden. Möglicherweise gebe der Leichenbrand noch Aufschluss auf Geschlecht und Alter des Toten. Das werden die anschließenden Untersuchungen im Landesdenkmalamt zeigen.

Verscharrte man Hingerichtete bewusst an dem Ort, wo, nach Meinung des Volkes, die Dämonen der Vergangenheit herrschten? Oder erfolgte das auf dem Galgenberg eher unbewusst? „Das ist die Frage“, betont Dr. Genesis.

Fest steht, 1850 wurde Peter Braun als letzter öffentlich in Perleberg hingerichtet. Wo man jenen aber wahrhaftig verscharrte, weiß niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Die Rede ist auch vom Weinberg. Warum aber dort, wenn man einen Galgenberg hat? Zumal ein solches Terrain dann als unehrenhaft galt, es für den Anbau faktisch tabu war.

Da es, aus Quellenanalysen ersichtlich, durchschnittlich nur zwei bis drei öffentliche Hinrichtungen im Jahr an den einzelnen Plätzen gab, teilte man sich diese oftmals auch mit dem Abdecker, der hier Kadaver begrub. So sei es nicht außergewöhnlich, wenn man auch auf Tierknochen stößt, erläutert die Richtstättenspezialistin.

Das Hügelplateau des Perleberger Galgenbergs habe man auf jeden Fall erreicht und damit die Kuppe. An solcher demonstrierten die Territorialherren ihre Macht über Leben und Tod durch Galgengerüste oder Räderpfähle. Glasierte Scherben, Befunde, „von denen wir noch nicht genau wissen, was es ist, die erst untersucht werden“, wie Dr. Marita Genesis sagt, all das lässt Rückschlüsse auf das zu, was sich einst an dieser Stelle zutrug. Und welche Rätsel das Profil noch preisgibt, bleibt abzuwarten. Die Sondage – ein archäologisches Verfahren zur Abklärung von Schichtfolgen bei der Voruntersuchung eines Terrains, das zur Ausgrabung ansteht – ist bereits abgesteckt. Mit Kratze, Kelle, Nivellierungsgerät, Spaten, Gartenschere, Zollstock, Eimer und Schubkarre wird sich Zentimeter für Zentimeter vorgearbeitet auf der Suche nach Spuren aus der Vergangenheit an einer Stätte des Grauens. Denn im Mittelalter wurden selbst kleine Vergehen grausam bestraft. Befunde werden exakt nummeriert, katalogisiert, inventarisiert, um sie später zu einem Ganzen zusammenfügen zu können. Für 2018 ist die Dokumentation der Grabungsergebnisse zur Rechtsgeschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit in einer Buchpublikation geplant.

„Das Interesse an unserer Arbeit ist allgemein groß. Doch hier in Perleberg wurde daraus konkrete Hilfe und Unterstützung“, betont Dr. Marita Genesis. Seitens der Untereren Denkmalbehörde sind es vor allem Gordon Thalmann und Kai Richter, vom Stadt- und Regionalmuseum Frank Riedel, Jörg Hildebrandt, der dem Archäologenteam ehrenamtlich zur Seite steht, der Stadtbetriebshof und nicht zuletzt die Agrargenossenschaft Quitzow, die als Schlechwettervariante einen Bauwagen zur Verfügung stellt.

„Es ist einfach nur schön, wie wir hier aufgenommen werden“, betont die Leiterin der Lehr- und Forschungsgrabung und sagt damit: „Dankeschön“.  

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