Abschied nach 26 jahren : Resolut und unorthodox

Auch Hendrik Fischer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Brandenburg, kam, um sich von Edelgard Schimko persönlich zu verabschieden.
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Auch Hendrik Fischer, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Brandenburg, kam, um sich von Edelgard Schimko persönlich zu verabschieden.

Edelgard Schimko, Geschäftsbereichsleiterin in der Kreisverwaltung, geht zum Jahresende in den Ruhestand

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28. Dezember 2017, 21:00 Uhr

Es dürfte in der Region kaum einen Geschäftsführer geben, dem sie nicht die Hand geschüttelt hat, keine Ansiedlung, von der sie nichts weiß. In Sachen Müllgebühr ist sie eine Expertin, und der Meyenburger Dreikönigsring verdankt Edelgard Schimko seine Auferstehung. Stoff genug für ein Interview und einen Anlass gibt es ebenfalls: Nach 26 Jahren in der Kreisverwaltung geht die Geschäftsbereichsleiterin am 31. Dezember in den Ruhestand. Redakteur Hanno Taufenbach traf sie.

Frau Schimko, was für ein Typ Mensch sind Sie: Werden Sie im Januar in ein Loch fallen oder haben Sie Pläne geschmiedet?
Edelgard Schimko: Ich bin ein spontaner Mensch, aber ich war 26 Jahre lang fremdbestimmt. Jetzt kann ich bei Sonnenschein spontan an die Ostsee fahren, kann mich jeden Morgen an der frischen Luft bewegen. Darauf freue ich mich unheimlich.

Das genügt, um der Langeweile vorzubeugen?
Erst einmal ja, falls sie doch anklopfen sollte, habe ich Pläne.

Sie waren in der Zellwolle Wittenberge beschäftigt. Was war dort Ihre Aufgabe?
Die Planung der chemischen Anlagen und mit Beginn der Insolvenz habe ich nach Strategien für eine Vermarktung des Geländes gesucht.

Dann aber sehr schnell in die Verwaltung gewechselt. Was gab den Ausschlag dafür?
Die Wirtschaftsförderung reizte mich, meine Bewerbung war erfolgreich. Ich begann am 1. April 1991 als Amtsleiter für Wirtschaftsförderung, war wenig später Dezernentin.

Können Sie uns Zahlen und Beispiele nennen, die diese fast 27 Jahre widerspiegeln?
Gerne. Wir haben 66 Millionen Euro für die Sanierung von Kreisstraßen ausgegeben, haben 400 Kilometer Radweg gebaut. Ich meiner Amtszeit wurden 26 000 Baugenehmigungen erteilt, zehn Millionen mal die Hausmülltonne geleert, und ich bin etwa 600 000 Kilometer dienstlich gefahren.

Mitarbeiter beschreiben Sie als resolut, unorthodox, auch das Wort herrisch fällt manchmal. Erkennen Sie sich darin wider?
Ja, absolut. Wer leitet, muss auch ein bisschen Diktator sein. Fachliche Diskussionen habe ich stets zugelassen, aber wenn eine Entscheidung gefallen ist, gibt es kein Wenn und Aber: Es wird in diese Richtung marschiert. Bei rund 100 Mitarbeitern muss es klare Regeln geben.

Welche davon waren Ihnen besonders wichtig?
Arbeitsbeginn ist niemals nach 9 Uhr. Kaffeepausen sind wichtig, aber begrenzt. Auf den Fluren begrüßt man sich und niemand marschiert direkt in mein Büro, nur um schnell eine Unterschrift zu bekommen.

Die Müllgebühr bleibt für zwei Jahre lang stabil. Das ist eine Überraschung und wer Sie kennt, der hat Ihr inneres Schmunzeln gesehen, als die Zahlen kürzlich bekannt gegeben wurden. Ein Geschenk zum Abschied?
Ja, dieses wollte ich mir persönlich und den Bürgern gerne machen.

Wie oft haben Sie Ihre Mitarbeiter nachrechnen lassen, damit am Ende die Null steht?
Sie war angesagt und als sich abzeichnete, dass sie tatsächlich möglich wäre, mussten sie noch zwei Mal nachrechnen.

Die Kreisgebietsreform ist gestoppt. Genau wie der Landrat sind Sie eine bekennende Gegnerin einer Kreisfusion. Warum?
Die Erfahrung zeigt: Je weiter weg die Verwaltung mit ihren Mitarbeitern, desto geringer ist die Entwicklung der Region. Es geht doch nicht darum, dass Bürger Anträge online stellen können.

Sondern?
Nehmen wir die Sanierung eines Denkmals. Manche Maßnahmen wurden aus bis zu sieben verschiedenen Fördertöpfen unterstützt. Wir beraten die Bauherren, übernehmen die Antragstellung. Durch unsere enge Begleitung von Bauvorhaben verhindern wir unnötige Unterbrechungen. Investoren profitieren von unseren Vor-Ort-Kenntnissen. Die reine Behördentätigkeit sieht rechtlich weniger Engagement vor, aber das war nicht meine Philosophie.

Im Bereich Wirtschaft ist der Landkreis als Eigentümer des Gewerbeparks Falkenhagen auch für dessen Vermarktung zuständig. Bis heute halten sich Vorwürfe, dass Sie Falkenhagen vernachlässigen, bewusst Konzerne auf andere Standorte des Kreises lenken, unter anderem MV Pipe nach Wittenberge. Was sagen Sie dazu?
Diese Vorwürfe gibt es seit der Kreisfusion 1994. Anfangs argumentierte ich noch sachlich dagegen, heute höre ich sie gar nicht mehr. Es gab im Kreis nirgendwo mehr Investitionen als in Falkenhagen. Die Wirtschaftsfördergesellschaft Prignitz vermarktet als Standorte gleichberechtigt. Persönlich habe ich noch niemanden gefunden, dem ich einen Ansiedlungsort aufzwingen kann, schon gar nicht einem Unternehmen wie MV Pipe. Es ist nun mal so, dass es zwischen Standorten innerhalb und außerhalb des Kreises einen Wettbewerb gibt.

Sie haben viele Erfolge erwähnt. Welche Pläne sind gescheitert?
Das Designer Outlet Berlin an der B5 hätte in Falkenhagen entstehen können, die Verträge waren unterschriftsreif, scheiterten auf der Zielgeraden. Auch für das 2004 eröffnete Zellstoffwerk in Arneburg bei Stendal sah ich Chancen in Wittenberge, aber die Verhandlungen führte ausschließlich das Land.

Was fehlt der Prignitzer Wirtschaft, um robust in die Zukunft gehen zu können?
Wir haben einen guten Branchenmix, die Produktion muss sich stabilisieren, aber es geht gut voran. Das zeigen die vielen Erweiterungen. Besser werden muss das Binnenmarketing im Tourismus, und wir brauchen mehr Gastronomie an der Elbe und entlang der Radwege.

Was können wir von anderen Regionen lernen?
In Südtirol wird der Gast auf Händen getragen, die Anbieter sind restlos überzeugt von ihrem Standort. So eine Einstellung fehlt uns, da haben wir erhebliche Reserven.

Welche Botschaft haben Sie für Ihre Mitarbeiter zum Abschied?
Ich durfte mit ganz tollen Mitarbeitern zusammenarbeiten, und das hat Spaß gemacht.

Welche Ziele liegen vor Ihnen?
Ich will reisen, Deutschland näher kennen lernen. Ich liebe Buchlesungen und werde diese besuchen. Dann bin ich ja auch noch eine alte Rockerlady, liebe Konzerte, zum Beispiel von Eric Clapton.

Sehen wir Sie als Bürgerin noch einmal im Kreistag oder im Müllausschuss?
Ganz gewiss nicht.

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