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Der Prignitzer

18. Oktober 2017 | 13:14 Uhr

Raupen nagen am Image der Region

vom

svz.de von
erstellt am 27.Dez.2012 | 03:45 Uhr

Prignitz | Die Warnungen hat es gegeben. Seit Jahren sagte der langjährige Oberförster Holger Galonska ein stetes Anwachsen der Population des Eichenprozessionsspinners voraus. Immer wieder mahnte er zu einem geschlossenen Handeln und einem konsequenten Vorgehen gegen diese Raupen, deren Härchen bei Menschen Allergien auslösen können. Doch von einem entschlossenen Handeln war auch in diesem Jahr nichts zu spüren - die Folgen waren teils verheerend.

Millionen Tiere machten sich auf den Eichen breit. Besonders betroffen wieder einmal das Gebiet des Amtes Lenzen-Elbtalaue. Das starke Auftreten des Spinners blieb nicht folgenlos. Eines der ältesten Prignitzer Sportfeste fiel aus: Das Jahn-Sportfest in Lanz. Auf dem dortigen Sportplatz ließen es sich die Raupen in den Eichen gut gehen. Eine Volleyballmannschaft klagte nach einem Training über vermehrten Juckreiz und Ausschlag. Die Veranstalter mussten reagieren.

Zwar hatte das Amt diese Bäume wie auch die Eichen am Schulhof und im Bereich des Kindergarten im Frühjahr gespritzt, aber die Raupeninvasion kam aus einem benachbarten Wäldchen. Das Beispiel zeigte das Dilemma: Jede Behörde, sei es Kreis, Kommune, Forst oder Land, bekämpft dort, wo sie es für zwingend notwendig hält. Meistens nach dem Motto: Lieber ein paar Bäume weniger, denn das Bekämpfen kostet Geld. So spritzte der Landesstraßenbetrieb an der B 195 zwar in Ortslagen, aber die 20 Meter entfernten Eichen jenseits des Ortsschildes nicht.

Die Folgen dieses Irrsinns spürten die Anlieger am stärksten. In Lanz lagen die Raupen auf manchen Grundstücken zentimeterhoch. Ein Aufenthalt im Freien war nicht mehr möglich. Familien klagten über Ausschlag am ganzen Körper. Kinder der Lanzer Schule juckte es ebenfalls. Nicht jedes Kind reagierte, aber bei vielen waren Ausschlag und Quaddeln als Folge der giftigen Härchen nicht zu übersehen.

Am Rudower See bricht ein Veranstalter sein jährliches Ferienlager ab, der zweite Durchgang fand gar nicht erst statt. Ob er im nächsten Jahr zurückkehrt, ist offen. Das wirkt sich wirtschaftlich aus. Für den betroffenen Bäcker bedeutete das erhebliche Einbußen. Er verkaufte hunderte Brötchen und Brote weniger.

Tourismusanbieter sorgen sich um den Ruf der Region. Presseberichte und Mundpropaganda über den Eichenprozessionsspiner nagen am Image der Prignitz als angepriesenes Urlaubsparadies. Wer mag hier radeln, wenn der Weg an befallenen Eichen vorbei führt. Dann schlugen auch noch Ärzte Alarm: Mathias Temmler aus Lenzen behandelte nach eigenen Aussagen bis zu 200 Patienten, die Symptome zeigten. Augenspezialisten warnten vor Gefahren, wenn die Härchen in Kontakt mit den Augen kommen sollten. Arbeiter, die im Bereich befallener Bäume eingesetzt waren, riefen in unserer Redaktion an.

Fast vier Wochen lang berichteten wir ununterbrochen über diese Zustände und stießen als Tageszeitung eine öffentliche Diskussion an, wie es sie zu diesem Thema noch nicht gegeben hat. Den letzten Ausschlag dazu gab ein Artikel über den Landkreis Havelland, der flächendeckend Eichen besprüht hatte und die Population größtenteils vernichten konnte. In der Prignitz geschah das nicht, da die rechtliche Grundlage fehlen würde, verteidigte sich der Landkreis.

Mittlerweile ist die Situation eine völlig andere. Auf Kreisebene hat sich eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die nicht nur redet, sondern handelt. Kommunen und private Landeigentümer konnten befallene Bestände melden, der Kreis erfasst diese katastermäßig. Die Bekämpfung im nächsten Jahr ist beschlossene Sache. Mit Rückendeckung durch den Kreistag ist zusätzliches Geld dafür eingeplant, geht der Kreis finanziell in Vorleistung. Sogar ein Unternehmen ist bereits vertraglich gebunden, dass die Bekämpfung durchführen soll.

In der Landesregierung ist das Thema übrigens mittlerweile auch angekommen. Die zuständigen Fachminister wollen sich beim Bund dafür einsetzen, dass die starren Regeln zum Einsatz chemischer Mittel gelockert werden, und auch der Naturschutz bringt sich mit ein.

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