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Prignitzer Köche verzaubern die Bundespolitik

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erstellt am 22.Feb.2013 | 09:10 Uhr

Berlin/Prignitz | Wolfgang Thierse (SPD) outet sich als Feinschmecker und verrät: "Ich bin schrecklich neugierig." Noch blickt er skeptisch auf den Knieper, den Dietmar Dahse in der Nacht zuvor acht Stunden hat köcheln lassen. Nach dem ersten Bissen aber ist er voll des Lobes. "Interessant. Ich kannte noch nicht einmal das Wort", sagt der Vizepräsident des Bundestages und schlendert hinüber zu Knut Diete.

Ohne zu fragen, greift er sich eine Soßenkelle, rührt damit im Behälter und bittet um eine Kostprobe. "Ich musste unbedingt wissen, wie er die gemacht hat, so lecker war das. Und erst an der Soße erkennt man eine gute Küche." Was fehlt, ist ein kräftiger Schluck zum Nachspülen. Aber auch den hat die Prignitz mitgebracht: Geschäftsführer Jan Lange zapft für Thierse ein Herzbräu aus Wittenberge. Ein kräftiger Schluck und das Urteil: "Schön würzig." Bodo Rückschlag spricht von einem kulinarischen Querschnitt der Region. "Gern hätten wir noch mehr Köche eingeladen, aber auch Oberhavel und das Havelland präsentieren sich heute", sagt Rückschlag, der den Abend für den Kreisverband der Dehoga mit organisiert hatte. Die Idee dazu hatte die Abgeordnete Dagmar Ziegler (SPD). Sie wollte ihren Wahlkreis, ihre Heimat vorstellen und sie hegt die Hoffnung, dass der ein oder andere nach diesem Abend sagt: "Da fahre ich mal hin."

Genau das wird passieren. Petra Hinz (SPD) lässt gerade Knut Dietes Dessert auf ihrer Zunge zergehen. Zart gekochtes Eigelb, Tomate, Karamellsoße und Eis mit Tahiti-Vanille. "Das schmeckt wirklich. Ich bin begeistert", sagt sie sichtlich verblüfft. Diese Kombination hätte sie nicht für möglich gehalten. "Man muss beim Kochen wirklich Mut aufbringen", lautet ihr Fazit und ihr Entschluss steht fest: "Die Prignitz werde ich mir zwischen zwei Sitzungswochen anschauen."

Auch Bernhard Brinkmann (SPD) will kommen, um sich beruflich Bundesliegenschaften anzuschauen und vielleicht noch die eine oder andere Köstlichkeit zu probieren. An diesem Abend jedenfalls sagt er: "Alles ist lecker."

Der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion kennt die Prignitz bereits. Als Bahnfan habe er die Entwicklung der PEG verfolgt, komme häufiger nach Meyenburg und ins Bahnwerk nach Wittenberge. Nun wisse er, dass die Region eigene kulinarische Akzente setzt. Sein Amtskollege von den Linken, Jörn Wunderlich, ist nicht weniger begeistert. "Es hat mir sehr gut gefallen. Die Region sollten wir uns einmal aus Sicht der Wirtschafts- und Tourismusförderung anschauen", sagt er.

Frank-Walter Steinmeiers Ausflug in Knut Dietes Küche wird wohl ein einmaliges Experiment bleiben. Zwar machte der SPD-Fraktionschef und ehemalige Kanzlerkandidat in Sakko und Kochschürze eine gute Figur, aber er wolle dann doch lieber der Politik die Treue halten. "Hervorragend", lautet Steinmeiers Urteil am Ende seines fast zweistündigen Besuchs, der auch Gäste aus den anderen Landkreisen umfasste. Er selbst koche durchaus gerne, "aber wenn überhaupt die Zeit dafür reicht, dann nur am Wochenende", sagt er. Am liebsten sei ihm gute deutsche oder aber italienische Küche.

Eine Besonderheit an diesem Abend bietet Andreas Rohde, Vizepräsident des Verbandes der Köche Deutschlands an: Herzragout vom Linumer Weiderind. "Das Rezept ist sehr alt, stammt von meiner Mutter, die aus Schlesien kommt", sagt der Meisterkoch.

Zugleich erzählt er den Besuchern von seiner Kochakademie in Lindow. Experimentierfreudige Gerichte gekocht mit flüssigem Stickstoff oder Kurzräucherung mit Wacholder vor den Augen des Gastes und vieles mehr könne man bei ihm erleben.

Seit gut drei Stunden ziehen die Prignitzer Düfte durch das Käfer-Restaurant, welches ausschließlich den Abgeordneten vorbehalten ist. Auch Presse hat hier sonst keinen Zutritt. Heute jedoch ist alles anders. Heute führen die Politiker nicht unter sich Hintergrundgespräche, heute machen regionale Vertreter Geschäfte: Jan Lange verhandelt mit der Rheinsberger Preussenquelle über eine Partnerschaft. Uwe Neumann vom Tourismusverband spricht soeben eine Pressereise ab und Dietmar Dahse wird vielleicht schon bald eine ganze Gruppe von Abgeordneten bei sich in Glövzin begrüßen dürfen.

"Ich bin wirklich zufrieden mit dem heutigen Abend", sagt er. Es habe sehr nette und vor allem sehr persönliche Gespräche gegeben. "Mal ganz ehrlich. Es ist ja auch eine Auszeichnung, wenn man im Bundestag kochen darf, und mit Franz Müntefering plaudert man auch nicht jeden Tag." Zugleich sei der Abend eine echte Produktbörse. "Wo sonst hat man so viele Produkte aus Nordbrandenburg auf einem Platz."

Zufrieden verabschiedet Gastgeberin Dagmar Ziegler die letzten Gäste. Seit dem vergangenen Sommer habe sie mit ihren Mitarbeitern diesen Abend vorbereitet und dabei manch eine nicht absehbare Hürde genommen. Dürfen die Köche ein Messerset mit in den Bundestag nehmen? Dürfen sie ihre eigenen Produkte verarbeiten und die Restaurantküche benutzen? Nur drei Sicherheitsfragen, die neben anderen zu klären waren.

Aber am Ende ist auch Dagmar Ziegler zufrieden und stößt mit einem Glas Rotwein auf einen gelungenen regionalen Abend an.

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