Imagewandel in Wittenberge : Prignitz gilt als Aufsteigerregion

Der Uhrenturm zeugt  von der  einstigen industriellen Bedeutung Wittenberges. Er wurde 1928/29 nach Entwürfen des Architekten Felix Ascher zur Versorgung des Nähmaschinenwerkes mit Brauch- und Trinkwasser errichtet. Heute  beherbergt er  das Nähmaschinenmuseum.  7 642 873 Veritas-Nähmaschinen wurden hier nach dem zweiten Weltkrieg bis  20. Dezember  1991  produziert.
Der Uhrenturm zeugt von der einstigen industriellen Bedeutung Wittenberges. Er wurde 1928/29 nach Entwürfen des Architekten Felix Ascher zur Versorgung des Nähmaschinenwerkes mit Brauch- und Trinkwasser errichtet. Heute beherbergt er das Nähmaschinenmuseum. 7 642 873 Veritas-Nähmaschinen wurden hier nach dem zweiten Weltkrieg bis 20. Dezember 1991 produziert.

Bürgermeister: Wittenberge könnte sich in zehn Jahren klein und fein mit Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen, Kultur und Wohnen präsentieren

svz.de von
11. Mai 2014, 22:41 Uhr

Der Imagewandel der Stadt Wittenberge in der Prignitz geht langsam voran. „Wir sind mittendrin“, sagt Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos). „Es ist ein zartes Pflänzchen, das gepflegt werden muss.“ Die Tourismusbranche fasst Fuß, mittelständische Unternehmen entdecken den Standort und die Stadt hat an vielen Ecken ihren DDR-Mief verloren. Häuser wurden renoviert und saniert. Am Mittwoch ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Wittenberge – ihr einziger Auftritt vor dem Hintergrund der Europawahl in Brandenburg. Zuletzt war die Kanzlerin im vergangenen Sommer dort. Hunderte Menschen füllten damals Sandsäcke, um die Stadt vor den Fluten der Elbe zu schützen. Die Dämme hielten.

Anfang der 1990er Jahre ging es wirtschaftlich rasant bergab. Tausende Arbeitsplätze verschwanden. Textilwerke und das einzige Nähmaschinenwerk der DDR als größte Arbeitgeber machten dicht. Zurück blieben Industriebrachen mit einem riesigen Uhrenturm als Wahrzeichen mittendrin. Zudem mochte in den maroden Häusern keiner mehr leben.

Wer konnte, suchte das Weite. Von einst 32 000 Einwohnern blieben etwa die Hälfte übrig.Darin steckt auch die gute Nachricht: Denn die Zahl ist seit einigen Jahren stabil. „Der demografische Wandel ist aber nicht aufzuhalten“, sagt Bürgermeister Hermann, der das Amt seit 2008 inne hat. Noch sterben mehr Menschen in Wittenberge als geboren werden. „Es war schmerzlich, sich von hochfliegenden Plänen zu verabschieden, Großunternehmen mit tausenden Arbeitsplätzen anzulocken“, sagt der Prignitzer CDU-Landtagsabgeordnete Gordon Hoffmann. „Jetzt wird auf die Ansiedlung mittelständischer Unternehmen gesetzt.“

„Mittlerweile tut sich viel“, verdeutlicht der Sprecher der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), Alexander Gallrein. Die Prignitz habe sich von der Absteiger- zur Aufsteigerregion gemausert. Firmen wie der österreichische Dämmstoffhersteller Austrotherm, das Mischfutterwerk Bröring, die Elbe-Chemie-Werke oder der Dienstleister für Briefkommunikation Francotyp-Postalia seien bewusst in die Stadt an der Elbe gekommen. „Sie nutzen den Vorteil der Lage auf halbem Wege zwischen Hamburg und Berlin“, so Gallrein.

Magnet sei auch der mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II ausgebaute Elbehafen. Trotzdem hielten sich hartnäckig Vorurteile über eine triste Stadt ohne Zukunft, beklagt Gallrein. Die Arbeitslosigkeit liegt nach Angaben von Bürgermeister Hermann mit zwölf Prozent immer noch über dem Landesdurchschnitt von 9,6 Prozent im April. Auch darin steckt eine positive Nachricht: Noch vor wenigen Jahren war sie doppelt so hoch. „Firmen müssen Fachkräfte schon suchen“, beschreibt er die Lage. Mit guten Noten finde heute jeder Schulabgänger einen Ausbildungsplatz.

„Im ersten Prignitz-Urlaubsjournal des Tourismusverbandes von 1990 tauchte die Stadt gar nicht auf“, erinnert sich das Stadtoberhaupt. Auch heute wird Wittenberge noch oft mit der berühmten Lutherstadt Wittenberg verwechselt. „Es kamen schon amerikanische Touristen, die wollten sich die Schlosskirche mit den Luther-Thesen anschauen“, berichtet er. Meist konnte er sie für die Naturschönheiten der Elbtalaue und die Gründerzeitbauten begeistern.

Wie sieht der Bürgermeister Wittenberge in zehn Jahren? „Es gibt dann hier eine kleine feine Stadt, mit Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen, Kultur und Wohnen“, ist er sicher. „Und als Zugabe und Attraktion schlagen wir irgendwo unsere eigenen Thesen an, wie in Wittenberg.“


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