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Reichskristallnacht : Perleberger: „Plötzlich hatte ich eine Cousine“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Als Achtjähriger fuhr Horst Hentschel auf Anweisung der Eltern mit einem jüdischen Mädchen nach Polen. Warum, das wurde ihm erst später bewusst

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erstellt am 08.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Die Episode hatte Horst Hentschel irgendwie aus seinem Leben verdrängt. Nicht mehr darüber zu sprechen, das hatten ihm seine Eltern damals eingeschärft. Jetzt, wo er den Beitrag zum Erinnerungsblättchen über den Perleberger Juden Markus Lang gelesen habe, da wurden jene Ereignisse wieder lebendig.

„Zur Reichskristallnacht war ich acht Jahre alt“, berichtet er. Horst Hentschel lebte in Cottbus, sein Vater war Eisenbahner, und kaum dass die Schulglocke den Ferienbeginn verkündete, saß der Junge auch schon im Zug zu seiner Oma in Polen.

Im Sommer 1939 war es anders. „Plötzlich hatte ich eine Cousine neben mir auf der Bank im Bahnabteil.“ Das Mädchen war im selben Alter wie Horst und die Tochter des Cottbuser Friedhofsgärtners Lewin, erinnert sich Hentschel. „Mein Vater und er kannten sich gut und so wusste er auch um die Angst, die jener nach der Reichskristallnacht um seine kleine Tochter hatte. Bis dahin kannte man gar keine Juden. Sie leben unter und mit uns, gehörten einfach dazu“, erinnert sich der heute 87-Jährige.

Bevor es zur Oma ging beschworen die Eltern des Achtjährigen diesen, das Mädchen stets als seine Cousine auszugeben. So gelangt die Tochter des jüdischen Friedhofsgärtners nach Polen, wo sie ebenfalls Verwandtschaft hatte.

Was allerdings aus ihr und ihrer Familie geworden ist, das weiß Horst Hentschel nicht. „Im Winter 1945 flohen wir selbst mit dem letzten Zug aus Bromberg.“ So kam er nach Quitzow, berichtet er. Später habe er mal versucht, den Verbleib der „Cousine für eine Zugfahrt“ zu recherchieren, aber ohne Erfolg.

Ja, man konnte helfen und nicht nur tatenlos zusehen, wenn Juden durch die Straßen getrieben wurden. „Aber man riskierte dabei eben auch das eigene Leben.“

 

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