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Der Prignitzer

17. Oktober 2017 | 22:37 Uhr

Wandern : Per pedes 800 km zur Arbeit

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Von einem Wessi, der im Osten seine Berufung und Heimat fand und seinen Weg dahin zu Fuß zurücklegt

von
erstellt am 21.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Von Neuenrade im Sauerland bis nach Perleberg fuhr Dietmar Vollert 17 Jahre lang zur Arbeit, führte all die Zeit über eine Wochenendehe. Inzwischen haben er und seine Familie in Baek ein Häuschen gebaut. Ende Mai will sich der Steuerberater, der in Perleberg gemeinsam mit seiner jungen Partnerin Melanie Krüger eine Kanzlei führt, noch einmal auf den Weg von Neuenrade aus in sein jetziges Zuhause machen. Doch statt mit Auto wird er per pedes die rund 800 Kilometer lange Strecke zurücklegen.

Dietmar Vollert ist in Altena bei Lüdenscheid großgeworden. Seine Eltern wurden in Ostpreußen bzw. in Pommern geboren, während sie die Flucht ins Sauerland verschlug, strandeten die Großeltern und die Tante von Dietmar Vollert in Zepkow bei Röbel. Und dort verbrachte der junge Dietmar seine schönsten Sommerferien – wenn es dann mit der Einreise klappte. „Für mich als Stadtkind, das in einem Mietshaus wohnte, war es das reinste Paradies – Kühe im Stall, frische Eier, Entenbraten, im Garten hingen die Kirschen am Baum. Mit einem Nachbarsjungen, mit dem ich heute noch befreundet bin und der inzwischen auch mein Mandant ist, bin ich immer angeln gegangen.“


Als Aufbauhelfer in die Prignitz


Dann kam die Wende und Ostdeutschland suchte Aufbauhelfer. Perleberg wechselte von Mecklenburg zu Brandenburg und damit wurde Nordrhein-Westfalen Partnerland.

Die Vollerts lebten in einem Häuschen idyllisch mitten im Wald. Karin Vollert arbeitete im gehobenen Dienst in der Kreisverwaltung, ihr Mann war Finanzbeamter. Dann kam der Anruf aus Perleberg. „Mein ehemaliger Chef war zu der Zeit Vorsteher des dortigen Finanzamtes und fragte mich, ob ich nicht für fünf Wochen Aufbauhilfe hier im Osten leisten wolle.“ Der Familienrat im Hause Vollert wurde einberufen, das Oberhaupt sagte zu, packte seine Sachen.

Das war im Januar 1991. Daraus geworden sind letztlich anderthalb Jahre – „eine aufregende wie spannende Zeit, denn hier war alles im Aufbruch und im Neuaufbau.“ Für den Finanzbeamten aus dem Sauerland war es aber mehr als ein Abenteuer. Er lebte förmlich auf in der neuen Gemeinschaft und in seinem Job, in dem er inzwischen eine Führungsposition einnahm. Per Brief wurde täglich mit Zuhause kommuniziert, denn Telefonieren hieß, sich in Geduld zu üben. „Alles war anders, die knatternden Trabis, der intensive Geruch verbrannter Braunkohle, die Russen waren noch da – es war eine völlig neue Welt, in der ich mich aber sauwohl gefühlt habe.“

Wieder zurück in Neuenrade, änderte sich alles: Er war plötzlich wieder einer von vielen, zwar voller Ideen, die aber keiner wissen wollte: „Nur weil der Vollert anderthalb Jahre im Osten war, werden wir nicht verändern, was 50 Jahre Bestand hat.“

Für Dietmar Vollert bekam seine bis dahin heile Welt etliche Dellen und Sprünge. Wieder tagte der Familienrat und wieder entschied sich der Sauerländer für Perleberg, kündigte seine Stelle als Beamter auf Lebenszeit und setzte sich ins Auto. Die Familie blieb in Neuenrade, während er sich als angestellter Steuerberater in der Prignitz niederließ. „Es war eine Zeit, mit mehr Fragen als Antworten. Niemand war sich sicher, ob die Mauer nicht vielleicht doch wieder aufgebaut wird.“ Mit Frau, Kindern und der Mutter, sie wohnten faktisch in einem Dreigenerationenhaus, in den Osten umzusiedeln, „soweit waren wir noch nicht“. Also entschloss man sich für eine Wochenendbeziehung. Seine Frau Karin gab ihren Beruf auf, kümmerte sich fortan um die Kinder, Haus und Hof. Und wenn ihr Ehemann zum verlängerten Wochenende nach Hause kam, dann war ausschließlich Familie angesagt. „Selbst die Jungs ließen dann Disko Disko sein.“


17 Jahre vom Sauerland in die Prignitz


17 Jahre fuhr Dietmar Vollert vom Sauerland zur Arbeit in die Prignitz. Mittlerweile hatte er hier bereits seine eigene Kanzlei.

„Es war nicht ganz einfach, aber es hat funktioniert.“ Inzwischen haben die Vollerts in Baek gebaut, halten Hühner und Schafe, haben ein großes Grundstück – „es ist einfach traumhaft schön dort, diese Ruhe, diese Weite. Im Winter kam man den Sternhimmel sehen, durch die Flut der Lichter in einer Großstadt kaum möglich.“ Die beiden Jungs, Nils, heute 31 Jahre, und Jan, 29, sind ihren Weg gegangen, studieren bzw. haben schon eine eigene Familie. Allerdings nicht gerade um die Ecke. Insofern spielt Dietmar Vollert gern auch mal den Ersatzopa für Fiete. „Das ist der kleine Sohn meiner Kanzleipartnerin.“

Nach dem Abi mit 18 Jahren begann jene eine Ausbildung zur Steuerfachangestellte bei Dietmar Vollert. „Ich spürte, das Mädel liebt den Beruf“, fügt ihr damaliger Chef an. Denn heute sind sie gleichberechtigte Partner. Melanie Krüger machte ihre Steuerfachwirtin und anschließend ihren Steuerberater – „alles im ersten Ritt“, betont Dietmar Vollert und man spürt den Stolz in seinen Worten.

Mit der jungen Steuerberaterin habe er nun eine Nachfolgerin und das kann sie demnächst selbst unter Beweis stellen. Wenn Dietmar Vollert in wenigen Wochen sich auf Wanderschaft begibt, dann wird sie die Geschäfte in der Kanzlei managen, die Mandanten betreuen.

Auf 42 Jahre Berufsleben kann Dietmar Vollert zurückblicken. Jetzt will der 60-Jährige sich eine Auszeit nehmen aber nicht nur, um beim Wandern den Kopf frei zu kriegen. Er will auf Schusters Rappen den Weg beschreiten, der sein Leben veränderte und heute bestimmt. Von Neuenrade geht es über den Sauerland-Höhenflug bis ins hessische Korbach. Kurz vor Kassel dann bestimmt das Grüne Band, sprich die ehemalige innerdeutsche Grenze, seinen Weg. Und überall, wo sich Erinnerungen verbinden, wo es Interessantes zu sehen gibt, will er zumindest eine kurze Zeit verweilen. „In Oebisfelde beispielsweise sind wir immer mit dem Zug über die Grenze, wenn wir nach Zepkow gefahren sind.“

Ab und an werden ihn Freunde und Bekannte ein Stück des Weges begleiten. „Ein Mandant von mir war früher Grenzer. Dort, wo er immer auf Patrouille war, dort wird er mit mir jetzt noch einmal entlanglaufen.“ Und auch Ehefrau Karin wird ihren Mann immer mal wieder auf seiner Wanderschaft besuchen. Ein fester Zeitplan besteht nicht, zirka zwei bis drei Monate sind vorgesehen, bevor Dietmar Vollert dann wieder hinterm Schreibtisch sitzt und gemeinsam mit seiner Partnerin wieder für die Mandanten da sein wird.

 

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