Baugeheimnisse des Wittenberger Rathauses : Per Geheimtür auf den Balkon

Nur wer genau hinschaut, entdeckt die ins Holzpaneel eingelassene Tür, die Jörg Hartwig im Magistratssitzungszimmer öffnet.  Fotos: Barbara Haak
Nur wer genau hinschaut, entdeckt die ins Holzpaneel eingelassene Tür, die Jörg Hartwig im Magistratssitzungszimmer öffnet. Fotos: Barbara Haak

Der „Prignitzer“ ist mit Hausmeister Jörg Hartwig Baugeheimnissen des Rathauses auf der Spur / Heute Teil 1

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28. Dezember 2016, 05:00 Uhr

Touren durch das Rathaus gehören hier neben Ausflügen mit dem Oldiebus und Aufstiegen in den Veritas-Uhrenturm zu den touristischen Lieblingsangeboten. Auch Einheimische begeben sich gern auf Erkundungen durch ihr 102 Jahre altes Stadthaus. Sie sehen vieles. Aber manches bauliche Geheimnis behält das Haus auch dann noch für sich. Einer allerdings kennt das Haus wie kein anderer vom Keller bis zum Boden: Hausmeister Jörg Hartwig. Mit ihm durfte der „Prignitzer“ Rathausgeheimnisse erkunden.

Heute: Geheimtüren

Das Türchen, das Jörg Hartwig bei unserem Rundgang durchs Haus im kleinen Sitzungssaal oder richtiger Magistratssitzungszimmer öffnet, fällt auf den ersten und den zweiten Blick nicht auf. Anders als die schwere repräsentative Saaltür verfügt es weder über Rahmen noch Türgriff, hebt sich von der Wandtäfelung kaum ab. Erst wer genauer hingeguckt, entdeckt die Scharniere und den kleinen Türknauf in einem der Holzfelder. Hartwig dreht den Knauf, die Tür schwingt auf. Keine Spinnweben und kein dunkles Kämmerchen. Nein, wir treten in einen schmalen, lagen Raum. Zwei große Kerzenständer stehen auf einem Tisch. An der Wand hängt ein Kleidersack. Tischen und Stühle sind platzsparend gestapelt. Hartwig erklärt, dass die Kammer bis vor etliche Jahren zum großen Trausaal des Rathauses gehörte. Heutzutage geben sich die Brautleute im viel festlicheren kleinen Magistratssitzungszimmer ihr Ja-Wort. In der Kammer, abgetrennt vom ehemaligen Trauzimmer „steht das Inventar für die Trauungen“, sagt Hartwig. Wenn eine Hochzeit angesagt ist, dann wird umgeräumt. Zur Sommerzeit manchmal mehrfach die Woche. Und der Kleidersack an der Wand schützt nicht etwa die Festkleidung der Standesbeamten, sondern die schicken Hussen, die den Stühlen bei Hochzeiten übergestülpt werden.

Bevor Jörg Hartwig das Türchen wieder schließt, macht er noch auf eine riesige, an der Wand verankerte Holzplatte aufmerksam. „Sie ist etwas Besonders.“ Es handelt sich um die Unterseite des historischen Beratungstisches, an dem wahrscheinlich schon vor 102 Jahren Bürgermeister Hugo Bocksch und die Ratsherren nach der Einweihung des Rathauses Platz nahmen. Heute ist das Möbel durch leichtere und hellere Tische ersetzt. „Aber natürlich halten wir historisches Mobiliar wie dieses in Ehren“, sagt Hartwig, schließlich sei das Rathaus auch ein Denkmal. Die Füße der Ratsherrentische stünden übrigens wohlverwahrt auf dem Boden.

Über richtige Geheimtüren verfügt der Bürgermeister. Er kann aus seinem Dienstzimmer entweichen, ohne dass die Sekretärin oder andere Mitarbeiter es merken, um direkt in das Vorzimmer des kleinen Sitzungssaals zu gelangen. Und nicht nur das, die Altvorderen haben für den ersten Mann im Rathaus hinter dieser Geheimtür in seinem Arbeitszimmer noch ein kleines Kabinett mit Waschbecken einbauen lassen. Erreichbar ist das Kabinett durch besagtes Türchen, das sich in der hölzernen Wandverkleidung des Dienstzimmers befindet. Und nur durch die Bürgermeister-Geheimtür gelangt man übrigens auch auf den großen Eckbalkon, auf dem zur Weihnachtszeit immer eine Tanne steht. Daraus erklärt sich dann auch die Bezeichnung Bürgermeister-Balkon.

Amtsinhaber Dr. Oliver Hermann sagt zu seiner Geheimtür übrigens, die benutze er höchst selten. Er ziehe den offiziellen Weg über den Flur ins Sitzungszimmer vor.

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